Oldtimerfan: Traktor-Pulling ist nicht allein eine Männerdomäne. Mit ihrem eigenen Schlepper geht auch Tanja Schilinski an den Start. Der McCormick zieht den Bremswagen 38 Meter weit. Damit gewinnt sie in der Klasse bis 20 PS. - © Knut Dinter
Oldtimerfan: Traktor-Pulling ist nicht allein eine Männerdomäne. Mit ihrem eigenen Schlepper geht auch Tanja Schilinski an den Start. Der McCormick zieht den Bremswagen 38 Meter weit. Damit gewinnt sie in der Klasse bis 20 PS. | © Knut Dinter

Schloß Holte-Stukenbrock Der Charme des eigenen Schleppers

Traktor-Pulling: Vor 25 Jahren luden die Treckerfreunde Tölkenkamp erstmals zum Treffen und Vergleichswettbewerb der landwirtschaftlichen Fahrzeuge ein. Jetzt kommen so viele Besucher wie nie zuvor.

Schloß Holte-Stukenbrock. Sogar der Porsche gelangt schnell an seine Grenzen. Schon nach 62 Zentimetern ist Schluss. Dann kommt Mats Hagenbrock mit seinem feuerwehrroten Schlepper der Marke „Porsche Junior“ zum Stehen. Die zahlreichen Zuschauer beim Traktor-Pulling der Treckerfreunde Tölkenkamp auf dem Hof Westermeier in Stukenbrock-Senne sind dennoch begeistert. Schon von weitem ist der Lanz Bulldog zu hören. Das typische Nageln des Motors ist unverkennbar. Besitzer Thomas Büker (50) und Tochter Jette (10) auf dem Beifahrersitz sind mit dem dunkelblau lackierten Traktor von Detmold-Pivitsheide gekommen. Die Anreise aus eigener Kraft gilt als Ehrensache. Das Gefährt mit dem Holzlenkrad wurde 1940 gebaut und ist damit das älteste bei der Veranstaltung. „Ich habe mir den Bulldog gekauft, weil ich die Tradition weiter erhalten möchte“, erklärte Büker. Zwei Jahre lang hat er den historischen Schlepper allein restauriert. Auch wenn die alte Technik wie ein offenes Buch erscheine, seien seine beruflichen Kenntnisse als Konstrukteur im Maschinenbau dabei von Vorteil gewesen. Auf seinem schwarzen Ursus, Baujahr 1949, tuckerte Ferris Winkler (20) ebenfalls aus Pivitsheide heran. „Ich wollte immer schon einen Traktor haben“, meinte der Student, zumal die Familie schon mehrere Oldtimer besitzt. „Mir gefällt, dass hier null Elektronik vorhanden ist, das ist Motor pur und dann natürlich der Sound.“ Beim Restaurieren konnte er alles selber machen, „ganz ohne Diagnosekabel wie bei den heutigen Fahrzeugen“. Mit einer Lötlampe lässt der junge Mann den ursprünglich aus Polen stammenden Traktor vorglühen, mit dem abschraubbaren Lenkrad in der Hand startet er dann die seitliche Kurbelwelle. Mit nostalgischen Gefühlen betrachtet Michael Haselhorst aus Delbrück die historischen Schätzchen. Als Verkäufer von Landmaschinen besitzt er Erfahrungen aus 47 Jahren. „Früher haben wir auf einer Blattfeder gesessen, heute ist der Traktorsitz ja ein Sofa, das Führerhaus wirkt wie ein Wohnzimmer“, sagte er. Die modernen Hochleistungstraktoren seien alle mit GPS, Klimaanlage und ausgefeilter Abgastechnik ausgestattet. „Mit dem Bordcomputer braucht man nur eine Runde über das Feld zu fahren, alles andere machen die Schlepper dann schon allein.“ Den Bremswagen möglichst weit ziehen Die Treckerfreunde aus Delbrück-Schöning haben 14 Schlepper mitgebracht – vom 60 Jahre alten Deutz mit 60 PS bis zum modernen Agrostar mit 150 PS. Der Club hat 62 Mitglieder. „Bei uns sind alle Berufe vertreten“, erklärte der Vorsitzende Andreas Winkel (47). „Die meisten Mitglieder sind jedoch in der Landwirtschaft aktiv.“ Daher betreiben sie ihr Hobby nicht nur aus Vergnügen, selbst die restaurierten Traktoren werden für Arbeiten auf dem Feld und im Wald verwendet. Beim Traktor-Pulling sollen die Schlepper und ihre Fahrer nun zeigen, was sie können. Seit der Gründung vor 25 Jahren richtet der Treckerclub Tölkenkamp den Wettbewerb zweijährlich aus. Organisator Mike Altemeier wies auf die Regeln hin. Es gilt, einen einachsigen Anhänger („Bremswagen“), der mit Kufen versehen und mit einem Gewicht versehen ist, möglichst weit zu ziehen. Dazu wurde der Acker, auf dem vor kurzem noch Triticale stand, mit zwei Bahnen für unterschiedlich leistungsstarke Trecker vorbereitet. Olaf Walter aus Stukenbrock machte den Anfang. Bereits nach 87,5 Zentimetern gruben sich die Hinterräder des nur 14 PS starken Deutz tief in den schwarzen Senneboden ein. Bernhard Bröckling aus Hövelhof lenkte seinen historischen Eicher 6,87 Meter weit. Und Dieter Hagenbrock aus Schöning schaffte 22,25 Meter. Eine junge Frau fuhr jedoch noch weiter. Tanja Schilinski (26) aus Schöning erreichte mit ihrem McCormick Farmall 38 Meter. „Ja, das ist mein eigener Traktor“, meinte sie. „Wenn man auf dem Land groß wird, ist das doch nichts Besonderes.“ Nicht zuletzt ihr Verlobter Christoph Düsterhus (30), ebenfalls ein Fan alter Fahrzeuge, redete ihr zu. Mit dem roten, 60 Jahre alten Traktor fährt Tanja Schilinski gern zu Oldtimertreffen und setzt ihn gelegentlich bei Freunden als Hochzeitsgespann ein. Aber auch zum Kartoffelroden und Grasschneiden leistet ihr der McCormick noch gute Dienste. Im kommenden Jahr will das Paar heiraten. Nachdem sie nun beide einen Traktor besitzen, hat Christoph Düsterhus schon eine Idee für das Hochzeitsgeschenk: „Ein gemeinsamer Lanz, das wäre doch was.“

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