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Mit dem Plakat: Oliver Nickel (v. l.), Michael Grunert (Darsteller), Regina Berges (Text und Regie) sowie Friedhelm Schäffer weisen auf die Aufführung im Theaterlabor hin. - © Birgit Guhlke
Mit dem Plakat: Oliver Nickel (v. l.), Michael Grunert (Darsteller), Regina Berges (Text und Regie) sowie Friedhelm Schäffer weisen auf die Aufführung im Theaterlabor hin. | © Birgit Guhlke

Schloß Holte-Stukenbrock/Bielefeld Ferdi Matuszeks Lebensgeschichte kommt auf die Theaterlabor-Bühne

Zwangsarbeit: Stalag-Gedenkstätte hat ein Theaterstück über das Leben des ehemaligen Zwangsarbeiters Ferdinand Matuszek in Auftrag gegeben. Michael Grunert und Regina Berges haben sich des Themas angenommen. Premierenvorstellung in Bielefeld

Birgit Guhlke
22.03.2018 | Stand 23.03.2018, 11:36 Uhr

Schloß Holte-Stukenbrock. Die Geschichte von Ferdinand Matuszek kommt jetzt auf die Bühne. Als damals 15-Jähriger war er von den Nationalsozialisten aus seiner Heimat im polnischen Ostgalizien entführt und zur Zwangsarbeit nach Deutschland deportiert worden. Er landete auf einem Bauernhof in Rehme (heute Bad Oeynhausen), auf dem er auch sowjetische Kriegsgefangene kennenlernte, die im damaligen Stammlager VI K (326) interniert waren. Aus seinen Erlebnissen und Erinnerungen ist ein Buch entstanden, das die Grundlage für das Theaterstück bildet. Stacheldraht „Im Herzen ein Nest aus Stacheldraht“, so heißt das Stück, das Regina Berges und Michael Grunert zusammen erarbeitet haben, es ist ihre dritte Produktion als „freies Team“. Michael Grunert ist Schauspieler im Theaterlabor, einem „Off“-Theater, das seit 1983 mit zeitgenössischem, experimentellem Autorentheater in Bielefeld und der Region von sich reden macht. Schlachter-Tango „Schlachter-Tango“ ist so ein aufrührendes Solo-Stück des Theaterlabors, in dem Michael Grunert einen Juden spielt, der homosexuell ist. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten in den 30er Jahren ist das lebensgefährlich, schwule Männer werden auf Grundlage des Paragrafen 175 des Reichsstrafgesetzbuches strafrechtlich verfolgt. Von diesem Stück also erzählte Michael Grunert den beiden Autoren des Buches „Ich hatte nichts gegen Deutsche, nur gegen Faschisten – Die Lebensgeschichte von Ferdinand Matuszek“, Oliver Nickel und Friedhelm Schäffer. Nickel ist Geschäftsführer der Gedenkstätte Stalag 326, beide sind Mitarbeiter der Erinnerungs- und Gedenkstätte Wewelsburg. Die Vorstellung von „Schlachter-Tango“ beeindruckte auch in SHS. Und es sei die Idee entstanden, dass Michael Grunert und Regina Berges auch von der Geschichte des Ferdinand Matuszek ein Bühnenstück erarbeiten. Regine Berges erzählt, wie sich die beiden der Geschichte dieses Lebens angenähert haben. 2014 ist Ferdinand „Ferdi“ Matuszek im Alter von 88 Jahren gestorben, mit ihm persönlich sprechen konnten die beiden nicht mehr. Also haben sie das Buch gelesen, sich die Interviews angesehen, die Oliver Nickel und Friedhelm Schäffer dafür mit Matuszek geführt hatten. Sie haben viel mit den beiden Autoren gesprochen und genauso mit Matuszeks Lebensgefährtin Elfriede Block. »Ins Herz gefahren« Sie hatte ihn noch begleitet, als er in Schloß Holte-Stukenbrock Spuren hinterließ, weil er von sowjetischen Kriegsgefangenen erzählte, die er auf dem Bauernhof in Rehme kennengelernt hatte, weil sie dort zur Zwangsarbeit verpflichtet worden waren. Diese Kriegsgefangenen waren in dem Stammlager VI K (326) interniert, dem Standort der heutigen Gedenkstätte. Einer dieser sowjetischen Kriegsgefangenen war 1944 vor seinen Augen erschossen worden, ein anderer wurde erhängt. Ferdi Matuszek hat oft erzählt, dass es ihm selbst gut gegangen sei, dort auf dem Bauernhof in Rehme. Er wurde so etwas wie ein Familienmitglied, der Hoferbe Karl war sein bester Freund. Dieses vermeintliche Glück, diese Widersprüchlichkeit finde sich auch im Stück wieder, erklären Regina Berges und Michael Grunert. Matuszek sei zwar nicht als Soldat in diesem Krieg gewesen, er sei zwar nicht gequält worden dort auf diesem Hof in Rehme. Aber er wurde deportiert, entwurzelt, habe eigenes Leid erlebt, ein Wettbewerb der Leidenslast könne es nicht geben. „Er hat auch vieles gesehen, was ihm richtig ins Herz gefahren ist“, sagt Regina Berges. „Deshalb auch der Titel.“ Dieses Stück biete auch die Möglichkeit, „Menschen, die im Erinnerungsschatten stehen, in den Fokus zu rücken“. Bundespräsident Gauck Bundespräsident Joachim Gauck hatte die Aufarbeitung der Geschichte sowjetischer Kriegsgefangener zum Thema gemacht, als er anlässlich des 70. Jahrestags der Befreiung Deutschlands im Mai 2015 die Gedenkstätte und den sowjetischen Ehrenfriedhof in Stukenbrock-Senne besuchte. Ferdi Matuszek war nach der Befreiung Deutschlands von dem nationalsozialistischen Regime in Ostwestfalen-Lippe geblieben. Später erzählte er in sogenannten Zeitzeugengesprächen von seinen Erlebnissen – auch bei öffentlichen Veranstaltungen in der Gedenkstätte, konnte bei der Aufarbeitung der Geschichte helfen, weil er Teil dieser Geschichte war. 3-Schulen-Theater An einer dieser Veranstaltungen hatte NW-Mitarbeiter Demokrat Ramadani teilgenommen. Die Veranstaltung inspirierte den Journalisten und Theaterpädagogen zu einem Stück über das Kriegsgefangenenlager, das Schüler des 3-Schulen-Theaters (3ST) erarbeitetet und Ende März 2014 in der Aula des Gymnasiums aufgeführt hatten. Ferdi Matuszek hat das noch miterlebt. Vier Jahre später erzählt Michael Grunert von dem Stück, in dem er als Ich-Erzähler Szenen aus dem Leben von Ferdi Matuszek darbieten wird. Ohne Ferdi Matuszek sein zu wollen oder auch sein zu können. Es werde ein eher schlichtes Bühnenbild geben. Ein Tisch, ein Stuhl, der Darsteller. Aber im Hintergrund gibt es eine Projektionsfläche – für ein Bild von Stacheldraht zum Beispiel. Ferdi Matuszek, so erklärt es Michael Grunert, gehe in seinem „Haus der Erinnerungen“ umher. Und wird überwältigt von eben diesen. Und dann wird emotionale Not auf einmal zu einem Stein im Mund, der Sprache blockiert. Es war nicht alles schlimm, nicht alles war schön.

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