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Mit seinem neuen Buch: Jugendpsychiater Michael Winterhoff in der Aula des Gymnasiums. Foto: Kristoffer Fillies - © Kristoffer Fillies
Mit seinem neuen Buch: Jugendpsychiater Michael Winterhoff in der Aula des Gymnasiums. Foto: Kristoffer Fillies | © Kristoffer Fillies

Schloß Holte-Stukenbrock „Kinder einfach auch mal warten lassen“

Vortrag: Jugendpsychiater Michael Winterhoff plädiert für eine Wiederentdeckung der Kindheit. Verloren gegangen sei sie durch eine digitalisierte Erwachsenenwelt

Kristoffer Fillies
02.02.2018 | Stand 01.02.2018, 17:20 Uhr

Schloß Holte-Stukenbrock. „Die Erwachsenen müssen wieder Kapitän ihrer Psyche werden“, sagt Jugendpsychiater und Bestsellerautor Michael Winterhoff. Er sprach jetzt in der voll besetzten Aula am Gymnasium über die Schwierigkeit der heutigen Kindererziehung. Der Vortrag ist Teil der Reihe „Elternsein kinderleicht!?“, organisiert von der Volkshochschule, dem Kreisfamilienzentrum und den Familienzentren der Stadt. In seinem neuesten Sachbuch „Die Wiederentdeckung der Kindheit – Wie wir unsere Kinder glücklich und lebenstüchtig machen“ stellt Winterhoff die Kindheit im Jahr 1990 der in 2017 gegenüber. „Innerhalb der letzten 25 Jahre hat ein Veränderungsprozess stattgefunden, der die Lebenswelt unserer Kinder komplett auf den Kopf gestellt hat.“ Schuld daran trage vor allem die digitale Revolution. „Seitdem werden Kinder zu unfähigen Erwachsenen erzogen“, sagt Winterhoff."Wir sind bei jedem Problem heute am Smartphone live dabei“ Denn seither herrsche die Schieflage, dass die Menschen „immer on sind. Wir sind bei jedem Problem heute am Smartphone live dabei.“ Bei dieser Reizüberflutung agiere der Mensch nicht mehr, er reagiere nur. „Die Erwachsenen werden fremdgesteuert. So ist zu erklären, wieso sie heute häufig nicht mehr Verantwortung übernehmen und ohne Konzept handeln. Sie sind in einem Katastrophenmodus und versuchen dann, ihre Kinder so schnell wie möglich zu beruhigen.“ Im schlimmsten Fall werde das Kind dann vor den Fernseher oder das Smartphone gesetzt und so für Stunden beschäftigt, sagt Winterhoff. Auf diese Weise würden die Kinder nicht lernen, dass man im Leben auch mal warten müsse, und nicht sofort bekommen kann, was man möchte. Winterhoffs Rezept dagegen: „Nicht die Kinder, sondern wir Erwachsene müssen etwas tun.“ Ob Eltern, Erzieher oder Lehrer: „Alle, die Kinder erziehen, sollten sich mehrere Stunden Auszeit in der Woche nehmen.“ Ohne Smartphone, ohne Interaktionen. „Ob sie in den Wald gehen, sich in die Kirche setzen oder meditieren ist dabei egal. Das entscheidende ist, dass sie in sich ruhen und wieder Kapitän ihrer Psyche werden.“ So würden die Erwachsenen ihre Intuition wiederbekommen, wann sie einem Kind das Benötigte geben müssten, und wann sie es einfach auch mal warten lassen sollten.

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