Dokumentation: Anlässlich des 50-jährigen Bestehens des Arbeitskreises „Blumen für Stukenbrock“ haben dessen langjährige Mitglieder Jochen Schwabedissen (v. l.), Hubert Kniesburges und Werner Höner eine Broschüre (r.) herausgebracht. - © Birgit Guhlke
Dokumentation: Anlässlich des 50-jährigen Bestehens des Arbeitskreises „Blumen für Stukenbrock“ haben dessen langjährige Mitglieder Jochen Schwabedissen (v. l.), Hubert Kniesburges und Werner Höner eine Broschüre (r.) herausgebracht. | © Birgit Guhlke

Schloß Holte-Stukenbrock Seit 50 Jahren mahnt der Arbeitskreis "Blumen für Stukenbrock"

Schloß Holte-Stukenbrock. Von einem in zweifacher Hinsicht historischen Tag handelt die heutige Folge der Serie „Gedächtnis der Stadt“. Dabei geht es um Krieg, Ehrungen, Gedenken, Mahnung – und Blumen.1. September 1967 „Nie wieder Krieg“ – so lautet das Motto des Deutschen Gewerkschaftsbunds für den ersten Antikriegstag 1957. Am 1. September 1939 begann der Zweite Weltkrieg mit dem Angriff der deutschen Wehrmacht auf Polen, das Datum wird nun zur Mahnung. Zehn Jahre nach dem ersten Antikriegstag rufen Vertreter aus Kirche und Politik zu einer Gedenkveranstaltung auf, die auf dem Gelände des Sowjetischen Ehrenfriedhofs in Stukenbrock-Senne stattfindet. Werner Höner gehört zu denjenigen, die diese erste Veranstaltung in Stukenbrock-Senne organisiert haben und aus der eine Reihe entstanden ist, die zu ihren besten Zeiten bis zu 5.000 Teilnehmer nach Stukenbrock lotste.Von Bauern misshandelt Werner Höner ist Jahrgang 1937, er hat die letzten Kriegsjahre „noch als Schuljunge“ erlebt. Bombenalarm, Bombardierungen, Tote, Verletzte, Kriegsgefangene, „die bei Bauern eingesetzt und misshandelt worden waren“, das alles kennt der heute 79-Jährige. An einem Kriegsgefangenenlager in seiner Heimat bei Vlotho hat er als Kind immer wieder mal Lebensmittel auf einer Mauer abgelegt – für die Kriegsgefangenen. Seine Eltern seien Kriegsgegner gewesen, Achtung für das Leben war der familiäre Leitspruch. Die Grausamkeiten, von denen der Vater aus dem KZ-Außenlager Porta Westfalica erzählte, in dem er noch 1944/45 eingesetzt worden war, hat Werner Höner nicht vergessen.Etwas gegen den Krieg tun „In den 50er Jahren hörte ich von dem sowjetischen Friedhof“, erzählt er. Seinerzeit war er gewerkschaftlich engagiert, in der Gewerkschafts-Jugend organisiert. „Ich wollte etwas gegen den Krieg tun“, er begleitete Diskussionen über gemeinsame Aktionen, aus denen schließlich der Arbeitskreis entstand, der 1967 zum ersten Mal auf dem Sowjetischen Ehrenfriedhof eine Gedenkveranstaltung abhielt. Die Geschichte von Jochen Schwabedissen klingt ähnlich. Er ist 78 Jahre alt und wunderte sich schon als „braver Konfirmand“, wie die deutsch-nationalen Pfarrer im Lippischen die im Matthäusevangelium festgehaltene Bergpredigt, in der Jesus von Nazareth seine Lehren verkündet, mit denen des Nationalsozialismus vereinbaren konnten. Das Gebot Jesu’ von Barmherzigkeit, der Feindesliebe, Demut und Friedensstiftung. Auch Schwabedissen ist fast von Anfang an dabei und hat geholfen, diese Gedenkkultur aufzubauen. Und dafür zu kämpfen. Denn was heute zu großen Teilen selbstverständlich scheint, rief vor 30, 40 Jahren noch den Verfassungsschutz auf den Plan. Jungsozialdemokraten, Gewerkschafter, Friedensbewegte – und Mitglieder der Deutschen Kommunistischen Partei (DKP) als eine Nachfolgepartei der seit 1956 verbotenen Kommunistischen Partei (KPD) hatten sich dem Arbeitskreis angeschlossen.Unter Beobachtung Zu Zeiten des Kalten Krieges galt das mindestens als befremdlich bis besorgniserregend, die DKP wird vom Verfassungsschutz als linksextremistisch eingestuft und beobachtet. Auch der Arbeitskreis stand unter Beobachtung. Kämpfen mussten die Mitglieder des Arbeitskreises „Blumen für Stukenbrock“ immer wieder. Gegen Kritiker aus Schloß Holte-Stukenbrock, die befürchteten, die damalige Gemeinde bekomme einen schlechten Ruf, werde nur mit dem Kriegsgefangenenlager in Verbindung gebracht. Das Gedenken der sowjetischen Opfer gefiel auch nicht jedem, gerügt wurde dann oft, die deutschen Opfer würden nicht angemessen berücksichtigt, deutsche Wehrmachtssoldaten in den Dreck gezogen und Schloß Holte-Stukenbrock werde gleichgesetzt mit Konzentrationslagern wie dem in Dachau.Besuch in Moskau Werner Höner schüttelt den Kopf und wird doch nicht müde, wieder einmal zu erklären, dass in Stukenbrock-Senne sowjetische und weitere Kriegsgefangene gestorben sind und hier dann auch ihrer gedacht werde. An Kranzniederlegungen in Russland für deutsche Opfer hat er im übrigen auch teilgenommen, in Moskau zum Beispiel. 2009 hat Werner Höner den Vorsitz an Hubert Kniesburges übergeben, nicht eine Veranstaltung hat er seit Bestehen des Kreises „Blumen für Stukenbrock“ versäumt. Es gab aber auch Unterstützer der Idee von der Erinnerungsstätte – auch in Schloß Holte-Stukenbrock. Bundesweit ist von Stukenbrock die Rede gewesen, als Raissa Gorbatschowa, die Ehefrau des Präsidenten der Sowjetunion, Michael Gorbatschow, den Friedhof im Juni 1989 besuchte, um den verstorbenen Kriegsgefangenen die Ehre zu erweisen.Rede von Gauck Großes mediales Interesse erhielt der Ehrenfriedhof zudem, als Bundespräsident Joachim Gauck 70 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs, im Mai 2015, am Obelisken eine Rede hielt und die erste steinerne Gedenktafel mit Namen der Opfer auf dem Friedhof enthüllte. Dort, wo die Mitglieder des Arbeitskreises vor 50 Jahren erstmals eine Gedenkveranstaltung abgehalten haben. Dort, wo sie 1970 auf jedes Grab eine Blume legten. Seitdem heißt der Arbeitskreis „Blumen für Stukenbrock“.Gedenkveranstaltung Anlässlich des Antikriegstages am 1. September veranstaltet der Arbeitskreis „Blumen für Stukenbrock“ am Samstag, 2. September, eine Mahn- und Gedenkkundgebung auf dem Sowjetischen Ehrenfriedhof, Am Jägergrund. Um 14 Uhr beginnt eine Führung über den Friedhof. Für 15 Uhr ist die Kranzniederlegung am Obelisken geplant. Die Ansprache hält Ulrich Schneider, Generalsekretär der Internationalen Föderation gegen den Faschismus. Vom 1. bis 3. September läuft ein Jugendcamp am Ehrenfriedhof.

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