Stefan Frank hat Elefantenkuh Benji mehr als 20 Jahre lang betreut, gefüttert, gepflegt – und kann noch immer Kunststückchen mit ihr machen und sich an den Stoßzähnen festhaltend von ihr hochheben lassen.  - © Karin Prignitz
Stefan Frank hat Elefantenkuh Benji mehr als 20 Jahre lang betreut, gefüttert, gepflegt – und kann noch immer Kunststückchen mit ihr machen und sich an den Stoßzähnen festhaltend von ihr hochheben lassen.  | © Karin Prignitz

Schloß Holte-Stukenbrock Elefant Benji hat sich nach Todesattacke im Safaripark eingelebt

Rückblick: Elefantenkuh Benji hatte vor zwei Jahren in der Nähe von Heilbronn einen 65-jährigen Rentner bei einem Angriff tödlich verletzt. Der Eigentümer des Tieres hat für Benji im Zoo Safaripark ein neues Zuhause gefunden.

Birgit Guhlke

Schloß-Holte-Stukenbrock. Die Meldung hatte bundesweit für Entsetzen gesorgt. Ein ausgerissener Elefant des Circus Luna hatte in der Stadt Buchen im Norden Baden-Württembergs im Juni 2015 einen Menschen getötet. Am nächsten Tag brachte ihr Besitzer die Elefantenkuh nach Schloß Holte-Stukenbrock, weil sie im Safaripark Stukenbrock ein neues Zuhause finden sollte. NW-Leser Daniel Hagist fragt nun, wie es dem Tier heute geht – und „wie die Pfleger dort mit einem Tier umgehen vor dem Hintergrund, dass es einen Menschen getötet hat". Kritik am Zirkus wegen Tierhaltung Benji, so wird die Elefantenkuh heute genannt (damals Baby), lebte als einziger Elefant in dem Zirkus. Am frühen Morgen des 13. Juni 2015 griff sie einen Mann in unmittelbarer Nähe des Zirkusstandorts an und verletzte ihn tödlich. Wie sie dahin gekommen war, ist eine nach wie vor offene Frage. Tierschutzorganisationen hatten den Zirkus wiederholt wegen seiner Tierhaltung kritisiert. Vor allem die Tierschutzorganisation Peta hatte sich mehrfach Zugang zu Wagen und Gehege verschafft, um mit Filmen nicht artgerechte Unterbringung zu dokumentieren. Die Polizei in Heilbronn informierte am 13. Juni 2015 in einer Pressemeldung, dass der Elefant um 5.30 Uhr in Buchen einen 65-Jährigen angegriffen und tödlich verletzt hatte. Der Mann war laut Informationen der Polizei in der Gegend unterwegs gewesen, um Pfandflaschen und Dosen zu sammeln. Warum geriet der Elefant so in Rage? Das Zelt, in dem die afrikanische Elefantenkuh untergebracht gewesen war, sei laut Polizei unbeschädigt gewesen. „Aufgrund weiterer, vor Ort festgestellter Umstände kann ein Fremdverschulden derzeit nicht ausgeschlossen werden", heißt es in der damaligen Meldung. Und weiter: „Fraglich bleibt ebenso, weshalb der Dickhäuter so in Rage geriet." Die Kriminalpolizei hatte die Ermittlungen aufgenommen. Safaripark-Chef Fritz Wurms und Elefantenbetreuer Stefan Frank hatten bereits unabhängig von dem Unglück darüber gesprochen, Benji in Stukenbrock-Senne ein neues Zuhause zu verschaffen, nun musste alles ganz schnell gehen. Stefan Frank brachte den Elefanten einen Tag nach dem Unglück selbst nach SHS, „in das beste Zuhause, das er sich wünschen konnte", wie er sagte. Zu dem Zeitpunkt lebten bereits drei Elefantenkühe im Safaripark, allesamt ehemalige Zirkustiere. Einen Neuankömmling zu integrieren sei nicht einfach. „Jeder Elefant hat einen ganz eigenen Charakter", erklärt Safaripark-Tierpflegerin und Elefantenfachfrau Hana Enders. Erwachsene Tiere miteinander zu vergesellschaften sei riskant, es könne zu Rangeleien und auch massiven Kämpfen kommen. Die Chefin nimmt auch schon mal das Heu weg Tierschutzorganisationen fordern immer wieder wildtierfreie Zirkusse. Was mit den Tieren geschehen soll, bleibt oft unklar. Von den Betreibern des Safariparks heißt es hierzu: „Zu glauben, man kann Artgenossen, die sich nicht kennen, einfach in ein Gehege lassen und sie werden sich schon verstehen, ist nicht nur blauäugig, sondern zeugt von massiver Unkenntnis." Stefan Frank kennt Elefantenkuh Benji seit mehr als 20 Jahren, kann sie anfassen, ihr die Fußsohlen raspeln und die Nägel kürzen – so nah kommt ihr sonst niemand. Er hat sie bei der Umsiedlung begleitet und ist dabei gewesen, als sie im Haus mit den einzelnen Boxen für jeden Elefanten zum ersten Mal ihre Artgenossen wahrgenommen hat. Und als sie mit ihnen zum ersten Mal auf das 25.000 Quadratmeter große Gelände gelaufen ist. Sicht- und hörbare Zeichen der Aufregung waren bei den Tieren aufgestellte Ohren, lautes Trompeten, Rennen. Aber kein Tier hatte das andere angegriffen, was bei Stefan Frank und den Safaripark-Mitarbeitern für Erleichterung sorgte. Benji hat provoziert statt sich unterzuordnen „Das eigentliche Problem war dann", sagt Hana Enders, „dass unsere Didi die Führerin der Gruppe war. Benji als ‚Einzelkind‘, die gewohnt war, dass alles nur nach ihrem Kopf ging, akzeptierte das zunächst nicht". Benji habe Didi provoziert, sei auf sie zugelaufen, habe sie abgedrängt – statt sich der Chefin Didi unterzuordnen. Eine Zeit lang habe Didi das geschehen lassen, erklärt die Tierpflegerin. Nach ein paar Wochen habe sich Didi gewehrt, die Neue deutlich gegen die Drahtseile geschoben und so gezeigt, wer die Chefin im Ring ist. Hana Enders erinnert sich: „Benji war so erstaunt, dass es da jemanden gab, der es wagte, ihr Paroli zu bieten, dass sie nachgab und Didi auswich." Didi ist die Elefantin, die am längsten im Safaripark lebt. Im April 2014 war ihr Elefantenfreund gestorben, knapp ein Jahr später kamen Baby und Mausi hinzu, damit Didi nicht länger allein bleiben musste. Auch damals war nicht klar, ob die drei Damen gut miteinander auskommen würden. Die beiden jüngeren Elefantinnen, Baby und Mausi, hätten Didi aber rasch als Chefin akzeptiert, eine Rangfolgedebatte blieb aus. Inzwischen leben alle vier Kühe harmonisch zusammen. Mit kleinen Gesten mache Didi Benji klar, wer das Sagen hat. Hana Enders erklärt die tierischen Rituale: „Sie nimmt ihr zum Beispiel das Heu weg, so dass sie sich neues suchen muss." Benji akzeptiere das. Eine klare Unterordnungsgeste – zum Beispiel der Chefin das Hinterteil zuwenden – habe Benji bis heute nicht gezeigt. Möglich sei, dass Benji diese Gesten als junger Elefant nicht gelernt habe. Stefan Frank hängt noch immer an Benji Stefan Frank besucht sein ehemaliges Zirkustier immer wieder, zwischenzeitlich leistete er ihm auch Dienste – Pediküre an den Füßen, als er ihr die Sohlen geraspelt und die Nägel mit einer Zange gekürzt hat. Er kann sich noch immer an den Stoßzähnen festhalten und hochheben lassen. Dass sich beide kennen, wird hier deutlich. So nah wage sich kein Tierpfleger im Safaripark an Benji heran. Wildtier bleibe Wildtier, und um Risiken zu vermeiden, werde Benji „Hands off" gehalten und habe keinen direkten Kontakt mit Menschen. Der Prozess wegen fahrlässiger Tötung endete für den Luna-Zirkusdirektor mit einer Geldstrafe. Es konnte nie geklärt werden, wie der Elefant aus seinem Zelt gelangte.

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