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Kurz vor seinem Tod: Ferdinand Matuszek auf dem Sowjetischen Ehrenfriedhof. - © Demokrat Ramadani
Kurz vor seinem Tod: Ferdinand Matuszek auf dem Sowjetischen Ehrenfriedhof. | © Demokrat Ramadani

Schloß Holte-Stukenbrock Geschäftsführer der Stalag-Gedenkstätte mit Geschichtspreis ausgezeichnet

Seine Lebensgeschichte war Thema eines Projekts des 3-Schulen-Theaters

Demokrat Ramadani
24.11.2016 | Stand 23.11.2016, 19:26 Uhr

Schloß Holte-Stukenbrock. "Ferdi war ein aufrichtiger Mensch, authentisch, einfühlsam und humorvoll. Er las viel, interessierte sich für Sprachen, Musik, Literatur und besuchte verschiedene Kulturveranstaltungen." Das sagen Hanna und Werner Kreutzmüller über Ferdinand Matuszek, ihren langjährigen Freund. Trotz gesundheitlicher Probleme habe sich Matuszek bis zuletzt für Begegnung und Völkerverständigung eingesetzt. Jetzt gibt es eine Auszeichnung für ein Buch, das von seinem Leben handelt. Er sei ein besonderer Freund der Dokumentationsstätte Stalag 326 gewesen, sagt Matuszeks Lebensgefährtin Elfriede Bloch. Sie und seine beiden Freunde nehmen an der Feier teil, als der Mindener Geschichtspreis an die Historiker Oliver Nickel, Leiter der Dokumentationsstätte in Stukenbrock-Senne, und Friedhelm Schäffer für ihre Biografie über Ferdinand Matuszek verliehen wird. Laudator Giora Zwilling, Vorsitzender der jüdischen Gemeinde Minden, sagt: "In Zeiten postfaktischer Verblendung und eines aufkommenden Rassismus ist diese lebendige Darstellung von Geschichte ein wichtiger Beitrag gegen Hass und für Frieden." "Ich bin ihm 1997 begegnet", sagt Friedhelm Schäffer, "als ich seine damalige Schwiegermutter für eine Forschungsarbeit über KPD-Mitglieder in Rehme interviewt habe." Ganz nebenbei und flüchtig habe Ferdinand Matuszek ihm von einigen seiner Erlebnisse erzählt, die er als 15-jähriger Zwangsarbeiter in Deutschland während der Nazi-Zeit durchgemacht hat. Geboren und aufgewachsen ist er im galizischen Dorf Czolhanszczyzna (damals Polen). Mit Beginn des Zweiten Weltkrieges und des sogenannten "Hitler-Stalin-Pakts" befindet sich seine Heimat unter sowjetischer Herrschaft. Im Juni 1941 ist sie dann vollständig von den Deutschen besetzt. Ein Jahr später wird der jugendliche Ferdinand Matuszek gewaltsam seiner Familie entrissen und nach Deutschland deportiert. "Ein wichtiger Beitrag gegen Hass und für Frieden" "Ich war verblüfft von den Erlebnissen und dankbar über die Offenheit", sagt Schäffer. Als Geschichtslehrer hat er Matuszek zu Zeitzeugengesprächen mit seinen Schülern eingeladen. "Auch wenn es ihm nicht immer leicht gefallen ist, sich zu erinnern und darüber zu sprechen, tat er es, weil es für ihn befreiend war", sagt seine Lebensgefährtin Elfriede Bloch. Sehr schnell wurde dann auch der Kontakt zu Oliver Nickel und der Dokumentationsstätte "Stalag 326" in Schloß Holte-Stukenbrock geknüpft. Matuszek half zunächst dabei, einen Kriegsgefangenen zu identifizieren, der aus Stukenbrock-Senne nach Rehme zur Zwangsarbeit entsandt und dort vor den Augen des jungen Ferdinand Matuszek ermordet worden war. 2012 entscheiden sich Friedhelm Schäffer und Oliver Nickel, Matuszeks Lebensgeschichte aufzuschreiben. Die beiden Historiker führen mehrere Erinnerungsinterviews und betreiben ausführliche Archivrecherchen. Außerdem findet ein öffentliches Interview als Veranstaltung der Dokumentationsstätte in Stukenbrock-Senne statt. Daran nehmen auch die Mitglieder des 3-Schulen-Theaters (3ST) anlässlich ihres Projektes zur Geschichte des Kriegsgefangenenlagers teil. Von Ferdinand Matuszeks Lebensgeschichte und vor allem von seiner Persönlichkeit sind die Jugendlichen beeindruckt. Danach beschäftigt sich auch die Theatergruppe ausführlich mit ihm und seiner Geschichte. Die Essenz seiner Erlebnisse taucht im Stück "Gefangen - Erinnerungen an eine Zeit vor meiner Zeit" auf, das mehr als 1.000 Zuschauer in SHS gesehen haben. Matuszek singt sogar live bei der Premierenvorstellung mit den Jugendlichen das russische Lied Katjuscha, das er und andere Deportierte bei der Arbeit gesungen haben. "Teil dieses Theaterprojektes zu sein, war für ihn ein großes Geschenk", sagt Elfriede Bloch. Noch heute erinnere sie sich an die Lebensfreude, die er gespürte habe, wenn er zu den jungen Leuten auf die Bühne getreten war. Diese Zusammenarbeit mit dem 3-Schulen-Theater wird auch im Buch von Schäffer und Nickel kurz beschrieben und findet Erwähnung in der Dankesrede anlässlich der Preisverleihung. Unweit von der Aula der Domschule Minden war Ferdinand Matuszek damals nach seiner Verschleppung am Bahnhof angekommen und vom Arbeitsamt, "wo er wie auf einem Viehmarkt beurteilt" wurde (Schäffer), zu einem Bauern nach Rehme geschickt. Mit der Biografie werde Ferdinand Matuszeks Leiden anerkannt, so heißt es, und den in der Region eingesetzten osteuropäischen Zwangsarbeitern damit eine gesellschaftliche Aufmerksamkeit verliehen. "Leider konnte Ferdinand die Veröffentlichung des Buches nicht mehr miterleben, weil er am 11. Juli 2014 verstorben ist", sagt Oliver Nickel und fügt hinzu: "Der Preis geht an Dich, Ferdi".

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