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Prägt das Ortsbild: Die Gaststätte Forellkrug liegt im Zentrum von Stukenbrock-Senne. Seit 1963 existiert das Gebäude in dieser Form. Die Dorfbewohner befürworten einen weiteren Betrieb der Gaststätte, ein Gutachter empfiehlt allerdings den Abriss. - © Sigurd Gringel
Prägt das Ortsbild: Die Gaststätte Forellkrug liegt im Zentrum von Stukenbrock-Senne. Seit 1963 existiert das Gebäude in dieser Form. Die Dorfbewohner befürworten einen weiteren Betrieb der Gaststätte, ein Gutachter empfiehlt allerdings den Abriss. | © Sigurd Gringel

Schloß Holte-Stukenbrock Versteigerung ist abgesagt

Am kommenden Donnerstag sollte der Forellkrug am Bielefelder Amtsgericht versteigert werden. Am Freitag wurde der Termin überraschend abgesagt, weil sich die Erben wahrscheinlich einig werden

Sigurd Gringel
09.04.2016 | Stand 08.04.2016, 22:23 Uhr

Schloß Holte-Stukenbrock. Der Forellkrug im Herzen von Stukenbrock-Senne ist eine Traditionsgaststätte. Seine langjährige Geschichte, die zentrale Lage im Dorf und der große Festsaal sind Gründe, warum sich die Menschen in Stukenbrock-Senne wünschen, dass dort weiterhin eine Gaststätte betrieben wird. Einen Interessenten gibt es: den hiesigen Unternehmer Wolfgang Gerdemann. Ob er den Betrieb aufrechterhalten oder den gesamten Gebäudekomplex abreißen will, um Platz für neue Häuser zu schaffen, ließ Gerdemann im Gespräch mit der Neuen Westfälischen offen. Dafür gab er bekannt, dass der für Donnerstag angesetzte Termin am Amtsgericht nicht stattfinden wird. Das habe sich überraschend am Freitagvormittag ergeben. Rückblick: Anfang der 2000er Jahre wurde am Forellkrug das hundertjährige Bestehen gefeiert. Als Geburtsstunde des Forellkrugs gilt das Jahr 1903. Die Familie hatte eine Gastwirtschaft und eine Pension betrieben, für die Gäste hatte sich damals der Begriff "Sommerfrischler" eingebürgert. In der heutigen Form existiert der Forellkrug seit 1963. Das Wohn- und Geschäftshaus wurde neu gebaut, die Gaststätte 1979 umgebaut und 1983 eine Luftgewehrschießstätte errichtet. Seit Beginn der 60er Jahre leitete Klaus Leonhardt den Forellkrug, 2013 tötete sich der Wirt. Über die Gründe könnte nur spekuliert werden. Im Frühjahr 2014 stieg Investor Wolfgang Gerdemann ein, der dem Forellkrug dem Vernehmen nach Geld geliehen hatte. Als Betreiberin setzte Gerdemann Natalie Iwohn ein, und er investierte bereits. Zum Beispiel in eine neue Küche. Es gab einen offiziellen Kaufvertrag, doch dann machte ein Testament des Verstorbenen die Erbsituation unklar. Klaus Leonhardt hatte keine eigenen Kinder, aber Geschwister, die im Rheinland leben. Der Betrieb der Gaststätte wurde nach wenigen Monaten eingestellt. In der Folge öffnete die Leonhardt-Witwe Ingeborg die Gaststätte vorübergehend. Seit einigen Monaten lässt es ihr Gesundheitszustand aber nicht zu. In der Fensterscheibe hängt noch ein Zettel mit einer Telefonnummer, die zu Natalie Iwohn führt. Saalbuchungen sind aber nicht möglich. Über den Forellkrug möchte sie sich nach einem Gespräch mit der NW nicht offiziell äußern. Im Sommer 2015 ordnete das Amtsgericht Bielefeld eine Zwangsversteigerung an und beauftragte das Sachverständigenbüro Hendrik Bachler. Bachler sah sich das Gebäude nicht von innen an - Ingeborg Leonhardt befand sich zu dem Zeitpunkt in der Rehabilitation. Er bewertete es "nach Aktenlage und nach dem äußeren Anschein", schreibt er in seinem Gutachten. Das Gebäude sei baufällig und mache einen ungepflegten Eindruck. Insbesondere das Haupthaus. Holz- und Alufenster seien größtenteils überaltert, etliche Glasscheiben erblindet, die Fassade großflächig schadhaft, zudem weise sie erhebliche Rissbildungen, teils deutliche Mauerwerksrisse auf. Dach, Balkon, Garage - alles undicht. Das schlimmste sei aber die alte Ölheizung aus dem Jahr 1976. Bachler rät dringend, sie auszutauschen, wenn das Haus erhalten bleiben soll. Seine Empfehlung lautet aber: Abriss und Neubau. In dem Gutachten heißt es, eine Sanierung sei wirtschaftlich nicht vertretbar, zudem hätten es Gaststätten auf dem Land sowieso schwer. Die Wohn- und Nutzfläche ist mit 658 Quadratmetern angegeben, das gesamte Areal ist 2.611 Quadratmeter groß. Dort ist baurechtlich eine Errichtung von bis zu vier Wohnhäusern mit ein oder zwei Vollgeschossen gestattet. Die Dorfbewohner wünschen sich indes ein Fortbestehen der Gaststätte. Luise Austermeier, Seniorchefin der Fleischerei am Ort, findet, dass Wohnhäuser den neu gestalteten Dorfkern entwerten würden. Hermann-Josef Brummelte von Verein "Unser Dorf Stukenbrock-Senne" denkt auch an den sozialen Aspekt. "Der Forellkrug hat einen großen Festsaal. Da fanden Beerdigungen, Taufen und Hochzeiten statt." Er erinnert sich an die Erzählungen, dass es im Forellkrug das erste Telefon des Dorfes gab. Alle Informationen liefen über die Gaststätte.

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