Schloß Holte-Stukenbrock Heimatforscher wertet Briefe von Kriegsgefangenen aus

Günter Potthoff hat im Internet drei Briefe ersteigert, die französische Kriegsgefangene aus Dortmund und Stukenbrock geschrieben haben / Sie haben auch brisanten Inhalt

Sigurd Gringel

Schloß Holte-Stukenbrock. Die Briefe sind schon seit dem Frühjahr 2014 in Besitz des Heimatforschers Günter Potthoff. Aber erst jetzt hält er die Übersetzungen in seinen Händen. Auf die Briefe ist der Heimatforscher im Internet gestoßen. Vielmehr sein Sohn Markus, der vom Vater den Auftrag hat, in unregelmäßigen Abständen zum Beispiel die Angebote eines großen Internetauktionshauses zu sichten. Dort fand er die drei Briefe, die ein Privatanbieter aus Deutschland als Paket angeboten hat. Wer der Anbieter war, weiß Günter Potthoff nicht mehr. Er bot und erhielt den Zuschlag - für 2,50 Euro. Potthoff: "Die wollte wohl sonst niemand haben." Er habe aber ein Kribbeln verspürt. "Wenn ich solche Briefe finde, muss ich wissen, was drin steht." Doch das dauert mitunter. Die drei Briefe stammen von zwei französischen Kriegsgefangenen, die 1943 und 1944 in deutschen Lagern inhaftiert waren. Und Günter Potthoff spricht kein Französisch. Seine Frau Christine schon. Doch allein die alte Schrift ist nicht einfach zu lesen. Zudem sind alle Briefe in sehr kleiner, dichter Schrift geschrieben. Wahrscheinlich, damit viel Inhalt hineinpasst. Die Kriegsgefangenen mussten offenbar standardisierte Briefe verwenden. Im Postkartenformat. »Deutlich auf die Zeilen schreiben!« Diese konnte man aufklappen und dann auf drei Seiten beschreiben. Als Anweisung ist auf Deutsch und Französisch zu lesen: "Auf diese Seite schreibt nur der Kriegsgefangene." Und: "Deutlich auf die Zeilen schreiben!" Die Gefangenen haben sich daran gehalten und den vorhandenen Platz bis zum letzten Millimeter ausgenutzt. Auf der Vorderseite ist neben den obligatorischen Angaben zum Empfänger und zum Adressaten ein Stempel zu erkennen. "Geprüft" ist zu lesen und die Kennung des Lagers. Stalag 326 (VI) für Stukenbrock zum Beispiel. Günter Potthoff hat die Briefe, die er als Liebensbriefe bezeichnet, Freunden in Frankreich gezeigt, Odile und Jan Eliard. Die haben die Schrift entziffert und die Briefe auf Schreibmaschine abgetippt. Eine Freundin des Ehepaars, eine belgische Deutschlehrerin hat sie übersetzt. Handschriftlich. Diese Notizen erhielt schließlich die Schloß Holte-Stukenbrockerin Marita Knoke-Seydel, die auch historische Dokumente für den Förderverein Industriemuseum, für den Potthoff tätig ist, transkribiert. Die Echtheit der Briefe bezweifelt Potthoff nicht, einer Prüfung wurden sie allerdings nicht unterzogen. "Warum soll man denn so was fälschen", fragt er. Ihm geht es in erster Linie darum, Dokumente zu bewahren, die wissenschaftliche Einordnung überlässt er dann anderen. Den Historiker Oliver Nickel, der die Dokumentationsstätte Stalag 326 leitet, hat Günter Potthoff bereits informiert. Aber der Heimatforscher macht sich auch seine eigenen Gedanken. Ein Brief stammt aus dem Jahr 1943. Ein in Dortmund Inhaftierter hat ihn offenbar an seine Frau geschrieben. Interessanter für die hiesige Forschung sind zwei Briefe des Gefangenen Roger Serres aus dem Jahr 1944. Einer ist an "Madame Roger Serres" adressiert. Vermutlich seine Ehefrau. Der andere an "Madame Marcelle Serres". Seiner Frau schreibt Roger Serres im August, dass er die "C.R." für September/Oktober erhalten hat. "Sie ist noch reichlich und im Stalag sind noch Reserven für eine weitere Verteilung von zwei Monaten." Günter Potthoff vermutet, dass Roger Serres von Essensrationen berichtet. Brisanter findet er zwei weitere Angaben. "Ich sehne mich danach, die Resultate der Landung (der Flotte) in Südfrankreich zu erfahren." Und: "Ich fürchte, dass der Bahnhof bombardiert wird, um eine Truppenansammlung zu verhindern." Potthoff wundert sich, woher der Kriegsgefangene derartige Informationen hatte. Allerdings hat er den Brief am 20. August 1944 geschrieben, am 15. August starteten die Alliierten ihre "Operation Dragoon". Rund 180.000 Soldaten landeten in Südfrankreich bei Saint Tropez, als Ergänzung zur sogenannten Normandie-Invasion. Am 25. August eroberten die Alliierten Paris zurück. Gut möglich, dass sich die aufwendige Militäroperation bis zu den Kriegsgefangenen rumgesprochen hatte. Vielleicht äußerte Roger Serres deswegen die Hoffnung: "Wir werden zu unserem Leben gelangen, das wir so oft erträumt haben." Roger Serres' Frau lebte offenbar in Capdenac, der Inhalt des zweiten Briefs lässt den Schluss zu, dass es sich bei der Angeschriebenen um seine jüngere Schwester handelt, die ihm ein Foto geschickt hatte und wohl in Saint-Affrique lebte. Beide Dörfer befinden sich nordöstlich von Toulouse in Südfrankreich. Seiner Schwester schrieb der Gefangene, dass sie schön aussehe. Er hat Pingpong und Karten gespielt, offenbar um Geld. Denn er freute sich über einen Gewinn von 400 Reichsmark. Ob die Briefe jemals angekommen sind? "Ich glaube nicht", vermutet Potthoff.

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