Informieren sich: Elisabeth Bultmann (r.) berichtet Studenten und Auszubildenden der Firma Hora und der Leiterin der Personalentwicklung, Nicole Vegelahn (2. v. l.), in der Dokumentationsstätte Stalag 326 vom Schicksal der dortigen Kriegsgefangenen. Eine zweite Gruppe besichtigt den Ehrenfriedhof. - © Karin Prignitz
Informieren sich: Elisabeth Bultmann (r.) berichtet Studenten und Auszubildenden der Firma Hora und der Leiterin der Personalentwicklung, Nicole Vegelahn (2. v. l.), in der Dokumentationsstätte Stalag 326 vom Schicksal der dortigen Kriegsgefangenen. Eine zweite Gruppe besichtigt den Ehrenfriedhof. | © Karin Prignitz

Schloß Holte-Stukenbrock Azubis spüren dem Grauen nach

Geschichtsstunde: Junge Menschen erhalten Einblicke in die Geschichte des größten deutschen Kriegsgefangenenlagers. Marken und Papiere bei Erdarbeiten für Flüchtlingszelte entdeckt

Karin Prignitz

Schloß Holte-Stukenbrock. Erstmals haben gestern 28 Studenten und Auszubildende der Firma Hora (Holter Regelarmaturen) den russischen Soldatenfriedhof und die Dokumentationsstätte Stalag 326 (VI K) Senne auf dem Gelände der Polizeischule besucht. In unmittelbarer Nähe ist die Zeltstadt entstanden, in der 1.000 Flüchtlinge untergebracht werden sollen. Schwarze Folien dienen als Sichtschutz. Jeder Besucher, der nach dem Öffnen der Schranke auf das Gelände kommt, wird begleitet. Gestern Mittag waren 112 Flüchtlinge in den beheizten Zelten zu finden und weitere 480 Menschen in Räumen der Polizeischule. Aufgeteilt in zwei Gruppen wurden die sichtlich bewegten jungen Teilnehmer gemeinsam mit der Leiterin der Personalentwicklung bei Hora, Nicole Vegelahn, von Geschäftsführer Oliver Nickel über den Ehrenfriedhof mit seinen 36 Massengräbern geführt. Geschätzt 65.000 Kriegsgefangene sollen hier begraben liegen, der größte Teil kommt aus der ehemaligen Sowjetunion. Mitarbeiterin Elisabeth Bultmann berichtete unterdessen in den Räumen der Dokumentationsstätte unter anderem von dem, was sie als kleines Kind über das Lager gehört hat. Drei Kilometer entfernt in Hövelhof-Riege ist die pensionierte Geschichtslehrerin 1950, also nach Kriegsende, geboren worden und aufgewachsen. "Als Kind habe ich nur gehört, dass die Russen geräubert und gestohlen haben sollen." Grausige Berichte seien es gewesen. "Was wirklich passiert ist, hat niemand erzählt." Dass niemand der anwesenden Auszubildenden und Studenten, obwohl einige in Schloß Holte-Stukenbrock leben, von den Geschehnissen im größten Kriegsgefangenenlager im Deutschen Reich gehört hat, wundert Elisabeth Bultmann nicht. "Dieses Areal ist ein schwarzes Loch gewesen." So habe es auch Bundespräsident Joachim Gauck bei seinem Besuch am 6. Mai ausgedrückt, der gesagt hatte: "Über diesem Ort liegt ein Erinnerungsschatten." Selbst in Geschichtsbüchern sei kaum etwas zu diesem Thema zu lesen gewesen. Dabei seien mehr als 300.000 Kriegsgefangene durch das Lager gegangen. "Das ist in etwa die Einwohnerzahl des Kreises Gütersloh." 40 Hektar groß sei das Gelände, "das entspricht 50 Fußballfeldern". Viele Menschen, die in der Umgebung gewohnt hätten, "haben angegeben, dass sie nicht viel mitbekommen haben". Das, glaubt Elisabeth Bultmann, "kann eigentlich gar nicht sein". Durch den Besuch des Bundespräsidenten sei ein Wandel der Erinnerungskultur geschaffen worden. Schon lange vorher seien, auch dank des aktiven Fördervereins als Träger, viele Dinge systematisch aufgearbeitet worden. Bei den Ausgrabungsarbeiten für das Zeltlager sind alte Marken oder verbrannte, zusammengeklebte Papiere gefunden worden. "Die Geschichte des Ortes", sagt Elisabeth Bultmann, "lebt immer weiter."

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