Im Kreise der Schüler: 44 Gymnasiasten folgten der Einladung von Bundespräsident Joachim Gauck, der links von Lev Frankfurt und Schulleiterin Marion Blome bei ihnen steht. - © Foto: Andreas Zobe
Im Kreise der Schüler: 44 Gymnasiasten folgten der Einladung von Bundespräsident Joachim Gauck, der links von Lev Frankfurt und Schulleiterin Marion Blome bei ihnen steht. | © Foto: Andreas Zobe

Schloß Holte-Stukenbrock Joachim Gauck ehrt ehrenamtliche Initiative

Bundespräsident enthüllt erste Stele mit Namen von 900 Stalag-Opfern auf dem Sowjetischen Ehrenfriedhof

Birgit Guhlke

Schloß Holte-Stukenbrock. Sebastian Lüke steht schon länger in einer Reihe mit seinen Mitschülern Nadja Wolfkopf, Benedikt Brei, Niklas Pähler und Senada Memic in der Dokumentationsstätte Stalag 326. Manfred Büngener, der Vorsitzende des Fördervereins der Dokumentationsstätte, hat wenige Minuten zuvor noch einmal denjenigen angekündigt, auf den die Gymnasiasten warten: Bundespräsident Joachim Gauck. Der Blick der Jungen und Mädchen geht nicht nur zur Tür, durch die der Bundespräsident treten wird, sondern auch auf ihre linke Seite. Hier steht Lev Frankfurt. Zeitzeuge, Überlebender, ehemaliger Häftling in dem Lager, an das die Dokumentationsstätte erinnert - und weswegen Joachim Gauck 70 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs den Blick der Weltöffentlichkeit ins kleine Schloß Holte-Stukenbrock lenkt. Es ist viel von Respekt die Rede an diesem Tag. Von besonderer Ehre, von Einmaligkeit und von besonderen Momenten. Sebastian Lüke (13) spricht davon, dass das hier ja "keine alltägliche Sache" sei. Das Händeschütteln mit dem Staatsoberhaupt, die Gespräche mit Lev Frankfurt, die Zeremonie auf dem Sowjetischen Ehrenfriedhof. Joachim Gauck hat sich den Platz in der Senne ausgesucht, weil er das Gedenken anlässlich des Ende des Zweiten Weltkriegs vor 70 Jahren den sowjetrussischen Opfern widmen wollte. Von 5,3 Millionen sowjetrussischen Kriegsgefangenen des Zweiten Weltkriegs seien mehr als die Hälfte umgekommen, allein in Stukenbrock-Senne geschätzt 65.000. Dass die Welt ihrer hier gedenken könne, sei dem Engagement des Arbeitskreises "Blumen für Stukenbrock" und der überwiegend ehrenamtlichen Initiative der Dokumentationsstätte zu verdanken. Lev Frankfurt erzählt später während der Gedenkveranstaltung am Obelisken auf dem Ehrenfriedhof, dass er nur überlebt habe, weil der Lagerarzt des Stalags ihm, dem Juden, damals eine falsche Identität verschaffte - ihn mit den Daten eines Toten in ein anderes Lager geschickt hat. Bürgermeister Hubert Erichlandwehr wertet die Wahl Gaucks für die Veranstaltung in der Senne als "höchste Anerkennung" für die Arbeit der Ehrenamtlichen der Dokumentationsstätte und die Bedeutung der Forschung. Dass sich mittlerweile auch überregionale Stellen an der Erinnerungsarbeit in Stukenbrock-Senne beteiligen, lässt sich nun auch direkt ablesen. Joachim Gauck enthüllte im Anschluss an die Kranzniederlegung am Obelisken auf dem Sowjetischen Ehrenfriedhof vor 120 ausgewählten Gästen eine Stele. Damit, so hatte es Thomas Kutschaty, NRW-Justizminister und Landesvorsitzender des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge gesagt, "können 900 Menschen wieder bei ihrem Namen gerufen werden". Es ist der erste Teil einer Dokumentation, die zeigt, wer in dem Kriegsgefangenlager sein Leben ließ. Bislang konnten mehr als 15.000 Namen herausgefunden werden, diese Arbeit geht weiter. Diese Stele haben gemeinsam die NRW-Landesregierung, die russische Botschaft, der Volksbund, die Stadt sowie die Dokumentationsstätte ermöglicht. Ein heimisches Unternehmen hat die Gestaltung übernommen (siehe nebenstehenden Artikel). Zurück zu den besonderen Momenten. Als Lev Frankfurt, gestützt und begleitet von "meinem Freund" Christoph Ernst, zum Rednerpult geführt wird, sitzen alle noch ein bisschen grader auf ihren Holzstühlen vor dem Obelisken. Der 93-Jährige macht sein persönliches Glück "und die Hilfe vieler Helfer" dafür verantwortlich, den Zweiten Weltkrieg überlebt zu haben. Er sei doch nichts Besonderes, sein Leben auch nicht, aber er sehe die Verpflichtung, als Zeitzeuge zu berichten. Um die Erinnerung wach zu halten, um zu mahnen, "uns nie wieder gegeneinander aufhetzen zu lassen - Friede ist kostbar, Leben ist kostbar, Freiheit ist kostbar." Lev Frankfurt beendet seine Rede. Und alle stehen auf - und applaudieren. "Ich teile all die Dinge, die gesagt worden sind", sagt im Anschluss Demokrat Ramadani, der als ein Vertreter des Drei-Schulen-Theaters auch zu den Gästen von Joachim Gauck zählt. "Berührend fand ich aber vor allem die Rede von Lev Frankfurt." Demokrat Ramadani hat registriert, dass die Dokumentationsstätte außerhalb Schloß Holte-Stukenbrocks immer bekannter wird. Allein vor Ort werde sie noch nicht so geschätzt, "wie es eigentlich sein müsste". Auch daran gilt es weiter zu arbeiten. Weil es um das historische Gedächtnis geht.

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