Schloß Holte-Stukenbrock Spielen gegen das Vergessen

Theaterstück über das Kriegsgefangenenlager wird am Freitag uraufgeführt

Die Theaterpädagogen Canip Gündogdu (l.) und Daniel Scholz (r.) nehmen Demokrat Ramadani in ihre Mitte. Der 23-Jährige hat die Idee gehabt und mit 15 jungen Leuten mit Unterstützung des Historikers Oliver Nickel das Theaterstück geschrieben. - © FOTO: KAP
Die Theaterpädagogen Canip Gündogdu (l.) und Daniel Scholz (r.) nehmen Demokrat Ramadani in ihre Mitte. Der 23-Jährige hat die Idee gehabt und mit 15 jungen Leuten mit Unterstützung des Historikers Oliver Nickel das Theaterstück geschrieben. | © FOTO: KAP

Schloß Holte-Stukenbrock. Generalprobe in der Realschulaula. Daniel Scholz hockt auf dem Boden, klebt mit Jugendlichen neue Papierbahnen. Canip Gündogdu bespricht die nächsten Szenen mit den Akteuren. Die beiden Theaterpädagogen wissen: "Jeder trägt unheimlich viel dazu bei, dass das Stück an Qualität gewinnt." Mittlerweile habe jeder wirklich verstanden, welche Rolle er da spiele. Eine Rolle im Stück "Gefangen – Erinnerungen an eine Zeit vor meiner Zeit."

Claudia Brhel hat die Entwicklung der einzelnen Szenen über die vielen Proben-Monate hinweg verfolgt. Beklemmend sei das, was auf der Bühne geschehe, sagt die Realschule-Pädagogin. "Es schnürt mir die Kehle zu." Das Stück soll Wachrütteln, aufmerksam machen, in Erinnerung rufen, was   vor mehr als sieben Jahrzehnten im Stalag 326, dem Kriegsgefangenenlager in der Senne, an ungeheurem Leid und Unrecht geschehen ist.

Information

Vier Aufführungen

Das Stück "Gefangen – Erinnerungen an eine Zeit vor meiner Zeit" wird am kommenden Freitag, 28. März, uraufgeführt und noch einmal am folgenden Abend gespielt. Beide Veranstaltungen sind für Angehörige und Freunde der Darsteller reserviert. Weitere Aufführungen finden im Forum der Realschule am Mittwoch, 2. April, und Freitag, 4. April, statt. Beginn ist jeweils um 19.30 Uhr, Einlass etwa eine halbe Stunde vorher. (kap)

Lea Rusack wischt sich den bewusst verschmierten roten Lippenstift ab. Den Dreck, der auf dem langen Marsch zum Lager kleben geblieben ist, soll er symbolisieren. Die Makellosigkeit ist genommen. "Für mich", erzählt die 14-jährige Realschülerin während der Pause, "war sofort klar, dass ich mitmache." Dieser wichtige Teil der Stadt-Geschichte "darf nicht vergessen werden, das darf einfach nicht sein".

Auch Edona Hasani (13) hat sich bewusst dafür entschieden, "nicht irgendetwas Belangloses zu spielen". Auch, wenn es am Anfang schwer war, sich hineinzufinden in den schweren Stoff, der mit so vielen menschlichen Schicksalen verbunden ist. "Wir haben auf Fotos und in Videos gesehen, was passiert ist", erzählt die Achtklässlerin. "Da haben wir die Gefühle, die Energie direkt aufnehmen können", ergänzt Lea. "Weil es starke Gefühle waren."

"Anfangs haben wir drauf los gespielt", erzählt Ideengeber Demokrat Ramadani. Es gab verschiedene Versionen. Erst nach und nach habe sich das Endprodukt entwickelt. "Immer wieder ist an Details gerüttelt worden." Wahrscheinlich werde das auch noch in den Tagen vor der Premiere so sein. "Diese Vorgehensweise kennt man eigentlich nicht bei einem Schultheater." Ausprobieren, umschmeißen, verändern. All das wird beim 3-Schulen-Theater sehr professionell umgesetzt.

Auch ein besonderes "Warm-Up" hat es gegeben. Demokrat Ramadani führte die 16 Hauptdarstellen und 50 Komparsen von allen weiterführenden Schulen der Stadt im Militärmarsch und mit Sprechgesang über den Parkplatz eines nahen Geschäftsplatzes. Viele neugierige Blicke gab es und viele Daumen, die hochgingen. "Der Begriff Stalag ist in den Köpfen angekommen."

Und die Akteure, die sind, wenn man die Schüler fragt, zu einer großen Familie zusammengewachsen. "Man lernt hier fürs Leben", sagt Fitore Qarri. "Manchmal war es schwierig, die Vorgaben umzusetzen." Durch das stetige Üben aber "wird man selbstbewusster und geht an seine Grenzen", bestätigt auch Laura Graute (15). Improvisieren, auf Andere achten, sich Dinge merken und sie umsetzen. All das beherrscht das Ensemble jetzt und es spielt derart überzeugend und emotional, dass die Handlung unter die Haut geht. "Ich bin so zufrieden mit mir", sagt Fitore, "dass ich das gelernt habe."

Abiturientin Gaye Mutluay hätte ebenfalls nie geglaubt, dass sie sich in ihre Rolle als unnachgiebig Kommandierende hineinfinden würde. Aber so sei die Realität doch gewesen. "Es ist wichtig, dass wir das Stück möglichst vielen Menschen zeigen", meint die 18-Jährige. Sie hofft, dass viele Besucher daraufhin die Dokumentationsstätte und den Friedhof besuchen, "oder sich wenigstens gedanklich damit auseinandersetzen". "Jeder sollte wissen, was passiert ist", betont auch Lisa-Tetzner-Schülerin Ricarda Kaminski (13). "So etwas darf einem nicht egal sein."

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