Valentina und Alexander Basanov haben gleich zweimal die 3.000 Kilometer weite Reise nach Stukenbrock-Senne unternommen. im vergangenen Jahr hatten sie die Grabplatte mit dem Konterfei des Vaters mitgebracht. - © FOTO: SIGURD GRINGEL
Valentina und Alexander Basanov haben gleich zweimal die 3.000 Kilometer weite Reise nach Stukenbrock-Senne unternommen. im vergangenen Jahr hatten sie die Grabplatte mit dem Konterfei des Vaters mitgebracht. | © FOTO: SIGURD GRINGEL

SHS Die Erinnerung hat Zukunft

Neue Projekte der Dokumentationsstätte Stalag 326

VON SABINE KUBENDORFF
Beisitzer Kai Stenzel, Vize-Vorsitzende Brigitte Barz, Vorsitzender Manfred Büngener, Schatzmeister Frank Wulfmeyer, Schriftführer Jürgen Spieß, Beisitzer Stefan Krönert und Geschäftsführer Oliver Nickel. - © FOTO: SABINE KUBENDORFF
Beisitzer Kai Stenzel, Vize-Vorsitzende Brigitte Barz, Vorsitzender Manfred Büngener, Schatzmeister Frank Wulfmeyer, Schriftführer Jürgen Spieß, Beisitzer Stefan Krönert und Geschäftsführer Oliver Nickel. | © FOTO: SABINE KUBENDORFF

Schloß Holte-Stukenbrock. Die Zahlen schwanken zwischen 15.000 und 65.000. Aber wie viele tote Kriegsgefangenen auf dem sowjetischen Ehrenfriedhof in Stukenbrock-Senne auch immer verscharrt worden sind: Es sind unerträglich viele. Sie alle sind Opfer des Angriffskrieges Hitlers, der am 22. Juni 1941 begann. Genau 73 Jahre später wird auf dem Friedhof die erste Gedenkveranstaltung der Dokumentationsstätte Stalag 326 stattfinden. Es wird ein stilles Gedenken sein.

Die Gedenkveranstaltung solle keine Konkurrenz zu "Blumen für Stukenbrock" werden, betonte jetzt bei der Jahreshauptversammlung der neue Geschäftsführer der Dokumentationsstätte, Oliver Nickel. Wird bei "Blumen für Stukenbrock" mit vielen Reden das "Nie wieder" beschworen, so sollen die Besucher am 22. Juni persönlich über den Friedhof geführt werden, Reden wird es nicht geben.

Dass der Historiker Nickel nun Angestellter des Fördervereins der Dokumentationsstätte ist, die die Geschehnisse in dem Kriegsgefangenenlager Stalag 326 aufarbeitet, ist besonders der Hartnäckigkeit des Vorsitzenden Manfred Büngener zu verdanken. "Es hat viele Nerven gekostet", sagte er jetzt während der Jahreshauptversammlung. "Aber wir haben uns immer wieder gegenseitig angespornt und nicht nachgelassen." Und so soll es jetzt auch laufen, wenn Büngener, Nickel und seine Mitstreiter sich daran machen wollen, auch den Bund in die Pflicht zu nehmen.

Denn die Geldsorgen bleiben. So ist es für die Dokumentationsstätte beispielsweise unmöglich, die großen Archive zu durchforsten, in Paris, London oder Moskau, wo alleine 4.500 Akten über das Stalag 326 liegen. Und Werner Busch, Gründer der Dokumentationsstätte, mahnte: "Es wird nicht mehr lange dauern, dann hat man nichts mehr." Weil das Papier zu Staub zerfällt.

Die letzten Überlebenden des Lager müssten befragt werden. Es ist kein Geld dafür da.

Neue Sponsoren werden schon für die Finanzierung des Tagesgeschäftes gesucht. Die bisherigen wollen zum Teil, dass auch andere einmal Geld geben. Deshalb will der Vorstand der Dokumentationsstätte auch um längerfristige Sponsoren bemühen. Eon? RWE? NRW-Stiftung? Und warum sollte man nicht einmal Gazprom als russisches Unternehmen fragen? Die Europäische Union wird jedenfalls keine Zuschüsse geben. Der 70-seitige Antrag wurde mit einem Zweizeiler abgelehnt. "Ohne Begründung", sagt Manfred Büngener.

Er ist seit Sommer 2013 Vorsitzender und hat sich jetzt schon wieder zur Wahl gestellt, damit alle Positionen im gleichen Rhythmus neu oder wiederbesetzt werden. Er wurde bei der Jahreshauptversammlung einstimmig in seinem Amt bestätigt, ebenso wie Brigitte Barz als Stellvertreterin, Jürgen Spieß als Schriftführer, Frank Wulfmeyer als Schatzmeister sowie Olga Heptin, Norbert Ellermann, Kai Stenzel, Stefan Krönert und Friedhelm Schäffer als Beisitzer.

Die meisten von ihnen sind auch gefordert, wenn Angehörige der toten Kriegsgefangenen auf der Suche nach dem Vater oder Großvater – meist unangekündigt – zu Besuch kommen und betreut werden müssen. Zum Beispiel das Ehepaar Valentina und Alexander Basanov. Sie hatten gleich zweimal den 3.000 Kilometer weiteren Weg auf sich gekommen. Das zweite Mal kamen sie, um eine Grabplatte mit dem Konterfei des 1944 verstorbenen Vaters von Alexander niederzulegen.

KOMMENTAR

Der Bund muss zahlen

VON SABINE KUBENDORF

Es ist ja wunderbar, dass sich Stadt, Kreis und Land endlich dazu durchgerungen haben, der Dokumentationsstätte Stalag 326 eine halbe Stelle zu finanzieren. Aber das ist lange nicht genug.

Es ist ein Unding, dass nach wie vor die Ehrenamtlichen quasi betteln gehen müssen, um das tun zu können, wozu eigentlich die öffentliche Hand verpflichtet wäre: die Geschichte des Kriegsgefangenenlagers in Stukenbrock-Senne, des nachfolgenden Internierungslagers und des Sozialwerks aufzuarbeiten und zeitgeschichtliche Dokumente für die Nachwelt zu erhalten.

Manch andere Gedenkstätten werden mit Fördermittel aus den verschiedensten Töpfen finanziell aufgepumpt. Die Dokumentationsstätte in Stukenbrock-Senne muss um jeden Cent kämpfen. Das kann so nicht weitergehen.

Der Bund, der sich bisher aus der Finanzierung fein heraushält, muss endlich seiner Verpflichtung nachkommen. Dieser Aufgabe sollten sich jetzt die heimischen Bundestagsabgeordneten stellen.

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