Astrid Reinke hat vor zehn Jahren den gleichnamigen Verein mitsamt Tierschutzhof am Vossebeinweg in Varensell gegründet. Hier leben 45 Tiere inklusive dieser drei Esel. - © Jeanette Salzmann
Astrid Reinke hat vor zehn Jahren den gleichnamigen Verein mitsamt Tierschutzhof am Vossebeinweg in Varensell gegründet. Hier leben 45 Tiere inklusive dieser drei Esel. | © Jeanette Salzmann

Kreis Gütersloh Tierschützerin: "Was wir mit Tieren tun, ist schädlich für uns alle"

Astrid Reinke kämpft für Tierrechte. Sie stellt das System der Fleischproduktion komplett in Frage und rüttelt dabei an den Grundfestender Jäger, Politiker, Bauern und Bürger

Jeanette Salzmann

Frau Reinke, Ihr Name ist aktuell eng verknüpft mit dem Kampf gegen die Ponykarussells im gesamten Kreis Gütersloh. Sie spalten damit die Lager. Warum eigentlich? Reinke: Ganz einfach: Das ist eklatanter Tiermissbrauch und Quälerei. Ist es nicht auch menschliches Kulturerbe, so wie die Weihnachtsgans auch? Reinke: Kulturerbe ist für mich etwas Positives, etwas Schützenswertes, das ich erhalten will. Deshalb kann es meiner Ansicht nach nichts Grausames sein. Leiden zu verbreiten, jemanden zu quälen oder zu töten ist aber vom Grundsatz her böse – und das mache ich nicht vom Opfer abhängig. Wie wir mit Tieren umgehen, das ist ein Bruch zur Moral in unserer Gesellschaft. Wir würden das unter unseresgleichen niemals gut heißen, dass Menschen leiden oder getötet werden, wenn sie uns nicht angreifen. Störenfriede wie Wildschweine oder Ratten müssen doch erlegt werden, oder? Reinke: Keiner kann mir erzählen, dass die Tiere uns in irgendeiner Form bedrohen. Im Gegenteil, wir breiten uns in die angestammten Lebensräume der Wildtiere aus. Deswegen kommen die Wildschweine in unseren Garten und die Rehe fressen uns die Blumen ab. Sie laufen uns vors Auto, weil wir immer mehr Straßen durch ihren Lebensraum bauen. Und bei den Ratten sind wir selber schuld. Mit gelben Säcken, die am Vortag rausgestellt werden, statt Mülltonnen, locken wir die Tiere an. Es ist unser menschlicher Wohlstandsmüll, der für die Vermehrung der Ratten sorgt. "Es geht anders" Der Grundsatz lautet doch „Fressen und gefressen werden". So ist das halt. Reinke: Ein Bison schießen und aufessen mag in grauer Vorzeit eine Notwendigkeit gewesen sein. Da hatten die Leute vielleicht keine Alternative. Aber heute ist die Situation anders. Man muss keine Tiere in Gefangenschaft halten und züchten, um sie zu töten und aufzuessen. Es geht anders. Und wenn es ohne Leid geht, müssen wir als vernunftbegabte Menschen anders handeln. Jäger behaupten, dass ihre Tätigkeit notwendig sei, um die Population der Tiere im Griff zu behalten. Stimmt nicht? Reinke: Kein Mensch kann in der heutigen Zeit glauben, dass wir Jäger brauchen, um Überpopulation zu verhindern. Wir fliegen zum Mond und bauen Designerbabys. Die Tiermedizin würde Mittel und Wege finden, um eine massenhafte Vermehrung von Wildtieren zu verhindern. Aber das ist nicht gewollt. Dann steckt hinter dem Mythos der Jagd nur ein Hobby? Reinke: Es ist ein archaischer Instinkt, der kultiviert und gefördert wird. Dahinter steckt die Macht, eine Waffe führen zu dürfen. Jagd hat etwas durchaus Elitäres, was sich schon darin ausdrückt, dass sich die Jäger eine eigene Sprache gegeben haben. Lichter statt Augen, Strecke statt Leichen, und das Tier wird in der Jägersprache zum Stück. Tiere werden wie ein gefühlloser Gegenstand dargestellt. "Diese Tiere leiden und wir wissen das" Als Tierärztin wissen Sie aus eigener Erfahrung, wie es in den Ställen der landwirtschaftlichen Betriebe zugeht. Der Anteil der Nutztiere an allen Säugetieren liegt bei fast 94 Prozent. Die meisten davon sind Rinder und Schweine. Was halten Sie eigentlich von dem Begriff „Nutztier"? Reinke: Gar nichts. Keiner hat uns das Recht gegeben, Tiere nutzen oder benutzen zu dürfen. Dieses Recht haben wir uns genommen. Es ist kein Naturgesetz. Der Begriff suggeriert auch, dass Hühner, Schweine, Rinder weniger Empfinden haben als etwa ein Hund. Er macht uns zudem ein gutes Gefühl, das tun zu dürfen. Gleiches gilt für Tiere im Versuch. Diese Tiere leiden, und wir wissen das. Sie stellen damit nicht weniger als die christliche Ordnung in Frage, die da besagt, dass wir Menschen die Krone der Schöpfung sind. Reinke: Die Krone der Schöpfung würde so etwas nicht tun, nicht so brutal sein, nicht so herzlos. Sonst hat sie was falsch verstanden. Sprechen Sie sich selbst frei davon, Tiere zu nutzen? Reinke: Ich möchte nicht als Gutmensch dargestellt werden. Das bin ich nicht, denn ich habe das alles auch mitgemacht. Ich habe Kalbsleberwurst aufs Brot gestrichen und Stippgrütze gegessen bei bestem Appetit. Ich habe viele, viele Jahre nicht verinnerlichen können, dass das süße Ferkel und die Wurst auf meinem Brot zusammengehören. Diese Tatsache darf nicht sein. Man darf Menschen nicht so dressieren, dass sie nicht mehr verstehen, dass das, was sie essen, vorher zu diesem Zwecke sterben musste. Kaum jemand nimmt das noch wahr. "Sprache ist eben auch Macht" Will das überhaupt jemand? Reinke: Viele wollen nicht sehen, dass das mal ein Tier war, was sie essen. Sie wollen Salami essen oder Leberwurst, und es soll nicht nach Tier aussehen. Diese Auseinandersetzung gehört aber zurück ins Bewusstsein. Und es gehört in die Schulen. In Schulbüchern sehen wir Fotos von Kühen mit Kälbern auf der Weide und lesen, die Kuh gebe uns Milch, das Rind diene uns als Fleisch- und Lederlieferant. Das Rind dient uns gar nicht, und von sich aus würde es uns ganz bestimmt weder Milch noch Muskeln und Haut geben. Wir nehmen ihm alles. Sprache ist eben auch Macht. Dem Huhn das Ei zu klauen ist nicht in Ordnung? Reinke: Nein, das ist nicht in Ordnung. Ein Wildhuhn würde im Jahr zwischen 12 und 20 Eiern legen. Die Hühner, die wir heute haben, legen bis zu 300 Eier in einem Jahr, danach sind sie aufgebraucht. Sie werden leidvoll gefangen, transportiert, aufgehängt und oft unbetäubt geschlachtet – bevor sie sauber verpackt im Regal liegen. Die Hälfte der Küken schafft es nicht bis zur Legehenne. Reinke: Stimmt. Ich selber habe das Eier essen aufgegeben, als ich bei einer Tierschutzveranstaltung das Schreddern der männlichen Küken gesehen habe. Sie werden auf Förderbänder geworfen, fallen in Eimer, werden geschreddert oder vergast oder ersticken schon vorher unter der Last der anderen Tiere. Eine solche Maschinerie des Tötens ist für die Tiere qualvoll, aber es verroht doch auch Menschen, es verroht unsere Gesellschaft. Was wir mit Tieren tun, ist schädlich für uns alle. "Warum gucken Mütter weg?" Vielleicht sind wir so. Reinke: Die meisten Menschen quälen und töten nicht gerne. Und wenn man dann mal anfängt, über die Situation nachzudenken, stellt sich doch die Frage nach dem Warum, wenn ich Nahrungsmittelproduktion auch anders viel besser hinbekomme. Läuft es im Kuhstall besser? Reinke: Mit Blick auf die Milchproduktion eindeutig nicht. Wie kann man einer Kuh ihr Kälbchen wegnehmen? Würden wir das bei Menschen dulden? Warum gucken Mütter weg? Es gibt doch kaum etwas Grausameres für Kind und Mutter. Empfinden Kühe Trauer, Schmerz wie wir Menschen? Reinke:Jeder der schon mal ein Haustier hatte oder beobachtet hat, weiß doch, dass Tiere Angst empfinden, Schmerz, Freude und natürlich auch Trauer. Jeder Bauer wird bestätigen, dass die Kuh brüllt wie am Spieß, dass die Kälbchen nach ihrer Mutter schreien. Das muss man doch nicht wissenschaftlich nachweisen. Wir könnten die Situation also sofort ändern? Reinke: Um leidvolle Tiernutzung abzuschaffen, muss das Leiden von Tieren nachgewiesen werden. Im Falle von Menschen würde das jemand verlangen? Wie wollen wir das bei Lebewesen nachweisen, die uns nicht in unserer Sprache erklären können, was mit ihnen los ist? Das ist ganz geschickt gemacht. Es geht nämlich nicht. Ein Pferd aus einem Ponykarussell wird nicht zu ihnen sprechen. Somit kann das Veterinäramt nicht nachweisen, dass die Tiere leiden, solange sie zum Beispiel nicht abgemagert sind oder bluten. Also dreht sich alles weiter. "Das darf man keinem Lebenwesen antun" Wir packen alles in DIN-Norm und Gesetze. Da scheint es ja nur konsequent, die Landwirtschaft nicht auszuklammern. Reinke: Wieso muss ich um Zentimeter feilschen, wenn eine arme Sau monatelang in einem Gestell eingesperrt ist und sich nicht um sich selbst drehen kann, wo sie 24 Stunden am Tag nur aufstehen und sich hinlegen kann. Das darf man keinem Lebewesen antun. Aus keinem Grund. Die Entscheidung um die umstrittene Ferkelkastration mit oder ohne Narkose ist in dieser Woche um weitere zwei Jahre von der Politik verschoben worden. Was sagen Sie dazu? Reinke: Dass unsere Geschicke von Politikern bestimmt werden, die empfindsame Tiere verstümmeln lassen und dann auch noch ohne Betäubung, muss uns erschrecken. Und es sind ja nicht nur die Hoden, auch die Schwänze und Zähne werden abgeschnitten, damit diese armen Wesen in die industrielle Tierhaltung passen. Das ist doch krank. Warum wenden sich Tierschützer nicht einfach an die entsprechenden Ministerien? "Sonst wäre das alles sehr schnell vorbei" Reinke: Das kann doch nicht funktionieren! Wenn ich mir angucke, dass Julia Klöckner in ihrem Ministerium zuständig ist für die Landwirtschaft, für die Tierversuche und für den Tierschutz, dann wissen wir doch, wer gewinnt. Seit Jahrzehnten wird diese Verquickung von Interessen kritisiert und seit Jahrzehnten ändert sich nichts. Es darf nicht sein, dass in einem Ministerium diese ungleichen Interessen nebeneinanderstehen. Das ist Bananenrepublik. Man muss kein Tierschützer sein, um das Schreddern von Küken zu verurteilen. Warum dulden wir das alle? Reinke: Weil wir es nicht sehen. Wir stehen doch nicht daneben. Sonst wäre das alles sehr schell vorbei. Was gewiss nicht im Interesse verschiedener Verbände wäre. Reinke: Ich denke, es ist im Interesse von Menschen, dass wir sie nicht systematisch zu eklatant widersprüchlichem Verhalten dressieren. Das tut unsere Gesellschaft aber, indem sie das Leiden der Tiere ausklammert. Erst wenn Menschen bewusst ist, was Tiere erleiden, können sie sich entscheiden, ob sie das überhaupt verantworten können. Also was müsste Ihrer Meinung nach passieren? Reinke: Als erstes müssten diese schönen Verpackungen aufhören. Bilder voll gefiederter Hühner auf den Etiketten der Eierkartons ist Betrug am Verbraucher. Es darf nicht sein, dass auf Schlachttransportern Abbildungen von lachenden Tieren mit Herzchen sind, die sich im Arm liegen und aufs Schlachten freuen. Das ist Irreführung am Verbraucher. Wir müssen viel mehr darüber reden und es auch in Bildern zeigen...

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