Schock-Therapie: Jürgen Schöbel (BG Verkehr) hatte sichtlich Spaß daran, Schulte-Lindhorst und seine Fahrer ordentlich durchzuschütteln.|| - © Florian Sädler
Schock-Therapie: Jürgen Schöbel (BG Verkehr) hatte sichtlich Spaß daran, Schulte-Lindhorst und seine Fahrer ordentlich durchzuschütteln.|| | © Florian Sädler

Rietberg Rietberger Logistiker und Lkw-Fahrer testen Überschlagssimulator

Aufklärung: Die Firma Schulte-Lindhorst steckte ihre Mitarbeiter zu Lernzwecken in die "Waschmaschine". Die NW fuhr mit vor die Wand

Rietberg. Die größte Gefahr geht in der neuen Kranhalle der Schulte-Lindhorst GmbH & Co. davon aus, zu wenig Zeit zwischen Suppe und Simulator zu lassen. Per Knopfdruck simuliert die Berufsgenossenschaft für Transport und Verkehrswirtschaft (BG Verkehr) dort zwischen Eintopf, Brötchen und Cola Unfälle mit Lkw und Pkw, um die Mitarbeiter des Logistikunternehmens für die echten Gefahren zu sensibilisieren, denen sie sich täglich auf der Straße ausgesetzt sehen. Ganz vorne mit dabei ist der Geschäftsführer: "Das fühlt sich schon sehr nach Waschmaschine an", lacht Thomas Schulte-Lindhorst angesichts des vermeintlichen Spielzeugs, dass die BG Verkehr ihm da in die Werkhalle gestellt hat. Der Junior-Chef der Rietberger Logistiker hat sich an diesem Tag schon mehr als einmal in die Fahrer-Kabine des Lkw-Überschlagssimulators gesetzt und sich ein paar Runden lang Kuscheltiere um die Ohren fliegen lassen. Hier ein kurzer Spaß, der in der Realität noch immer allzu oft böse endet. 2015 gab es in Deutschland 29.480 Unfälle mit Beteiligung mindestens eines Güterkraftfahrzeugs, bei denen 7.339 Menschen schwer verletzt und 787 getötet wurden. Die Statistiken sind zwar langfristig rückläufig, wohl auch, weil die Technik sich entwickelt hat und seit 1992 Gurtpflicht für Lkw-Fahrer besteht. Aber auch Schulte-Lindhorst weiß, dass diese oft nicht oder nicht hinreichend umgesetzt wird. Nicht unbedingt aus Ignoranz, sondern häufig schlicht aus Mangel besseren Wissens. Wer weiß schon, dass der Gurt keine Falten schlagen darf und unter der Jacke direkt über dem Becken verlaufen muss, um optimal zu schützen? Jürgen Schöbel von der BG Verkehr erklärt das und mehr in schnörkellos direktem Berliner Slang, der dem Thema eine unaufgeregte Dramatik verleiht. Dass ein Lkw umkippe, sei zwar relativ selten, aber wenn es dann doch passiere, stünde unangeschnallt ein Fall über knapp zweieinhalb Meter quer durch das Führerhaus bevor, der von einer Fensterscheibe aufgefangen würde, wenn nicht vorher schon umherfliegende Kleinteile Verletzungen verursacht hätten. Denn im echten Führerhaus säßen selten nur Kuscheltiere auf dem Armaturenbrett. Nach einem Unfall ist es schwer, wieder in einen Lkw zu steigen Zweimal, 2013 und 2014, jeweils kurz vor Weihnachten, hat bei Thomas Schulte-Lindhorst bereits das Telefon geklingelt, nachdem Mitarbeiter in schwere Unfälle verwickelt worden waren. Zwar haben beide überlebt und sind mittlerweile zurück im Beruf, "aber das ist auch nicht immer der Fall. Selbst, wenn die körperlichen Verletzungen verheilt sind, kann es nach so einem Unfall extrem schwierig sein, sich wieder in einen Lkw zu setzen." Letztlich ist es für einen Unternehmer schlicht wirtschaftlich, in das Gefahrenbewusstsein seiner Mitarbeiter zu investieren. Nicht zuletzt die beiden Unfälle haben den Junior-Chef zum Nachdenken gebracht; seitdem hat er viel über das Thema gelesen und ist dabei auf das Angebot der BG Verkehr gestoßen. Und so simuliert Schöbel ein ums andere Mal einen umfallenden Lkw, während nebenan sein Kollege je einen Freiwilligen mit zehn Stundenkilometern in einer Sitz-Attrappe vor die Wand fährt. Zugunsten des Lerneffekts würde der Herr die Geschwindigkeit gerne noch ein wenig hochdrehen, sagt er, nur könne der Aufprall ab 15 km/h bereits ein Schleudertrauma verursachen. Deutlich spürbar ist der Einschlag schon bei 10 km/h, obwohl man damit von den meisten Joggern überholt werden würde und die Muskulatur sich angesichts des angekündigten Aufpralls unwillkürlich anspannt. Der eigentliche Lerneffekt ist die Vorstellung, das gerade Erlebte ohne Vorwarnung mit fünf- bis zehnfacher Geschwindigkeit zu absorbieren. Schon die zweihundert gurtlosen Meter über den Firmenhof dürften vor diesem Hintergrund keine so gute Idee mehr sein, hofft auch Thomas Schulte-Lindhorst: "Das macht keiner mehr."

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