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Rechtsanwalt Holger Rostek (l.) mit seinem Mandanten Peter K. - © FOTO: PATRICK MENZEL
Rechtsanwalt Holger Rostek (l.) mit seinem Mandanten Peter K. | © FOTO: PATRICK MENZEL

Rietberg "Sie wollen ihn hängen sehen"

Staatsanwalt fordert sechs Jahre Haft für Peter K. / Urteil am Dienstag

VON EIKE J. HORSTMANN
01.02.2014 | Stand 28.02.2014, 21:56 Uhr

Rietberg. Seit September wird der Fall des Rietbergers Peter K., der seine Frau zunächst getötet und dann in der Garage einbetoniert haben soll, verhandelt. Jetzt ist nach einem zäh verlaufenen Prozess ein Urteil in Sicht. Gestern hielten sowohl die Staatsanwaltschaft als auch die Verteidigung ihre Plädoyers. Und noch einmal kochten im Bielefelder Landgericht die Emotionen hoch.

Dabei bemühte sich Staatsanwalt Veit Walter in seinem Plädoyer betont um Sachlichkeit. Akribisch listete er auf, was während des Prozesses über die letzten Minuten des Lebens von Marion L. festgestellt wurde – was recht wenig war. Der Todeszeitpunkt konnte vom 18. bis 21. Dezember 2012 nur grob eingegrenzt werden, auch die Todesursache sei nicht bekannt. K. hatte ausgesagt, dass er seine schwer kranken Frau auf ihren Wunsch hin erstickt. Eine im Verlauf des Prozesses bekannt gewordene Herzerkrankung Ls. brachte jedoch die Möglichkeit auf, dass sie zu diesem Zeitpunkt bereits an einem Herzversagen gestorben sein könnte. Dieser Umstand veranlasste Walter dazu, nur noch von einem "versuchten Totschlag" auszugehen – im Zweifel für den Angeklagten.

Dieser Grundsatz zähle für ihn aber nicht bei der Frage, ob es sich bei der Tat um eine Tötung auf Verlangen handele. Walter berief sich auf Zeugen, die Marion L. als lebensbejahende Frau beschrieben. Auch bezweifelte er die Aussage Ks., dass seine Frau bereits im September 2012 zusammengebrochen sei und einen Todeswunsch geäußert habe. Der Staatsanwalt geht davon aus, dass es "diesen Vorfall nicht gab". Da K. sich zum Tatzeitpunkt in einem "seelischen Ausnahmezustand" befunden habe und geständig sei, geht er von einem minderschweren Fall aus. Auch das hohe Alter sowie die Untersuchungshaft würden sich strafmildernd auswirken, weshalb Walter sechs Jahre Haft forderte.

Verteidiger Holger Rostek zeigte sich empört. "Dieser Antrag tut weh und wird dem Angeklagten nicht gerecht." Er warf dem Staatsanwalt vor, sich zu "vergaloppieren" und hielt ihm dabei einzig seine Jugend zu Gute. "Krankheit und Tod stellen sich im Alter anders dar", so Rostek. Die Last, die der Ehepartner eines schwer Erkrankten trüge, sei von jungen Menschen oft nicht nachvollziehbar. Auch die Zeugen und die Zuschauer könnten dies nicht ermessen. Letzteren warf er vor, dass sie seinen Mandanten "hängen sehen wollen" – was für ein Raunen im Publikum sorgte. Der Anwalt kritisierte auch die Ermittlungen der Polizei als "einseitig", da sie einzig darauf ausgelegt gewesen seien, die Aussage Ks., seine Frau auf ihren Wunsch hin getötet zu haben, zu widerlegen. Dies sei nicht gelungen, zudem stützten sowohl das psychiatrische Gutachten als auch die Zeugenaussagen Ks. Feststellung, dass die Ehe harmonisch gewesen sei. K. habe sich somit in einer verzweifelten Situation zu einem Verhalten hinreißen lassen, das er nun bereue. Entsprechend plädierte er auf einen minderschweren Fall der versuchten Tötung auf Verlangen und eine "Freiheitsstrafe, die auf Bewährung ausgesetzt" werden solle.

Auch Wahlverteidiger Guido Zengerle wies in seinem Plädoyer darauf hin, dass K. seine Frau geliebt und mit ihr "eine Einheit" gebildet habe. K. habe seine freundliche, empathische Seite ausschließlich seiner Frau vorbehalten, weshalb viele ihn als unnahbar und arrogant wahr nähmen. Damit wandte sich auch Zengerle an das Publikum. Niemand der Anwesenden habe sich die Mühe gemacht, K. richtig kennenzulernen. Er habe dies getan und sei überzeugt, dass sein Mandant aufrichtig um Marion L. trauere – im Gegensatz zu den Zuschauern. "Das, was sich im Publikum abspielt, ist keine Trauer, sondern blanker Hass", so der Anwalt. "Das sind Leute des Zuschnitts, die früher an Galgenhügeln den Pranger noch mit Fäkalien beworfen haben." Im Zuschauerraum entstand daraufhin erhebliche Unruhe, jemand rief: "Unverschämtheit!" Das wiederum rief die vorsitzende Richterin Jutta Albert auf den Plan, die den Zwischenrufer scharf zurechtwies.

Zengerle schloss, dass K. keine Veranlassung zum Totschlag gehabt habe und somit aufgrund der unklaren Todesursache lediglich eine versuchte Tötung auf Verlangen vorliege. Auch er forderte eine nicht näher bezifferte Bewährungsstrafe und ein Urteil, das Peter K. eine Perspektive geben müsse, "sein Leben in Würde und Freiheit beschließen zu können". Nach den Plädoyers erteilte Richterin Albert dem Angeklagten das Wort. "Ich habe meine Frau geliebt und trauere sehr um sie", sagte K. knapp. "Das ist alles."

Albert kündigte die Urteilsverkündung für Dienstag, 4. März, um 13.30 Uhr an.

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