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Der Chef von 16.500 Mitarbeitern: Clemens Tönnies ist verheiratet und Vater von zwei Kindern. - © Christian Weische
Der Chef von 16.500 Mitarbeitern: Clemens Tönnies ist verheiratet und Vater von zwei Kindern. | © Christian Weische

Rassismus-Debatte Clemens Tönnies: Afrika-Fan und Alleinherrscher

Der Großunternehmer und Milliardär aus Rheda-Wiedenbrück hat tagelang wegen seiner als rassistisch kritisierten Äußerungen die Schlagzeilen beherrscht. Ein Porträt des schillernden Konzernchefs

Martin Krause
10.08.2019 | Stand 10.08.2019, 11:53 Uhr

Rheda-Wiedenbrück. Er pflegt ein freundliches Auftreten, ist stets gut gekleidet und locker im Ton. Man sieht Clemens Tönnies nicht an, dass er aus einfachen Verhältnissen stammt und gelernter Schlachter ist. Selbst unter Druck vergisst der 63-Jährige in der Öffentlichkeit selten seine guten Manieren. Zu Gerichtsverfahren (und er musste an mancher Verhandlung teilnehmen) erscheint er zeitig und begrüßt Beteiligte gern persönlich mit Handschlag – auch seine Widersacher und jene, die er dafür hält. „Wie geht’s bei den Zecken?", frotzelt der Schalke-Aufsichtsratschef vielleicht jemanden, den er als Fan von Borussia Dortmund kennt. Oder er fragt jovial: "Wo brennt’s denn?", wenn man sich zu ihm vordrängelt. Sobald er spricht, kann er die westfälische Herkunft nicht verleugnen, und er will es auch gar nicht – er steht zu seiner Heimat, wie er betont. Doch er liebt auch die Ferne: „Ich bin ein großer Afrika-Fan", erklärte er vor wenigen Jahren in einem Interview, nachdem er tausende Kilometer quer durch den Kontinent von Namibia bis Kenia gereist war. Sein Verhältnis zu Afrika und seinen Bewohnern wird freilich seit Tagen bundesweit unter die Lupe genommen: Clemens Tönnies steht unter Rassismus-Verdacht. Bei einer Veranstaltung zum Tag des Handwerks in Paderborn hatte er empfohlen, im Kampf gegen den Klimawandel in Afrika besser jährlich 20 Kraftwerke zu finanzieren – „dann würden die Afrikaner aufhören, Bäume zu fällen, und sie hören auf, wenn’s dunkel ist, Kinder zu produzieren." Tönnies wuchs in einer kinderreichen Familie auf Das klingt befremdlich aus dem Munde eines Mannes, der selbst in einer kinderreichen Familie mit fünf Geschwistern aufwuchs und dann eine Karriere vom Metzger zum Milliardär hinlegte. Es half ihm nichts mehr, dass er sich schon am nächsten Tag zweifach entschuldigte („meine Aussage ... tut mir leid. Das war ... unangebracht") und beteuerte, er „stehe für eine offene und vielfältige Gesellschaft ein". Der PR-Gau war in der Welt, Bundesjustizministerin Christine Lambrecht (SPD) etwa sprach von „dumpfem Rassismus". Wer das weitverzweigte Netzwerk von Clemens Tönnies kennt, der immerhin als Freund von SPD-Altkanzler Gerhard Schröder gilt und dem ein guter Draht zu Russlands Präsident Wladimir Putin nachgesagt wird, der wunderte sich vielleicht, wie wenige Stimmen sich seither zu Tönnies’ Verteidigung meldeten. Immerhin, Ex-SPD-Chef Sigmar Gabriel zum Beispiel meinte, es sei „absoluter Quatsch", den Unternehmer nun zum Rassisten zu stempeln. Der Spruch sei zwar „garantiert daneben" gewesen, aber Gabriel gab zu bedenken, dass mit dem Rassismus-Vorwurf nun die wirklichen Rassisten verniedlicht würden. Afrikaexperte Nooke hält die von Tönnies benannten Probleme für real Ein anderer, der Tönnies’ Äußerungen differenziert betrachtete, ist inzwischen selbst in Rechtfertigungsnot geraten: Der Afrikabeauftragte Günter Nooke (CDU) hatte eine „ehrliche Debatte" über die angesprochenen Themen angemahnt. Zwar forderte er „eine angemessene Sprache" ein und präzisierte, er halte Tönnies’ Wortwahl für „völlig inakzeptabel". Aber er sagte auch, „die von Tönnies angesprochenen Probleme wie das Verschwinden des Regenwalds und das Bevölkerungswachstum auf dem afrikanischen Kontinent sind real". Wegen dieser Äußerungen von Nooke wiederum trat der Ex-Bundestagsabgeordnete Charles M. Huber, dessen Vater aus dem Senegal stammt, aus der CDU aus. Die wahre Haltung von Tönnies zu beurteilen ist schwierig, eben weil er als Mensch und Unternehmer so schillernd ist. Seine Liebe zu Afrika zum Beispiel beschränkt sich eben nicht auf die Freude an der Landschaft – Tönnies schießt dort offenbar auch gerne Tiere tot. Der Deutschen Jagdzeitung verriet er, dass er schon viele Male auf dem Kontinent gewesen sei und „in Afrika so ziemlich die ganze Palette bejagt" habe. Mancher Beobachter erkennt darin die Haltung von Kolonialherren wieder – als „Großwildjäger" wird Tönnies nun gejagt. Dass er auch in Mecklenburg-Vorpommern ein großes Jagdrevier besaß, rundet das Bild ab. Das Töten von Tieren gehört zum Geschäft des Großschlachters Dabei ist das Töten von Tieren sowieso das Geschäft des Großschlachters Tönnies, und ehrlich gesagt sind ihm Millionen Verbraucher gewiss dafür dankbar, dass sie ihr Schnitzel nicht selbst erlegen müssen. Doch mit der wachsenden Schar von Vegetariern, die zudem auch auf die Klimaschädlichkeit des Fleischkonsums verweisen, wächst auch die Zahl der Opponenten, die etwa die Schlachtverfahren als grausam kritisieren. Die Liste der Vorwürfe, die immer wieder gegen Clemens Tönnies und den von ihm geführten größten deutschen Schlachtkonzern vorgebracht werden, geht auf keine Kuhhaut. Die Arbeitsbedingungen der osteuropäischen Werkvertragsarbeiter sind seit Jahren ein Thema – von hohem Leistungsdruck, einem rauen Umgangston und einem Klima der Angst ist die Rede. 2008 etwa ist die Kameraüberwachung bis in die Ankleideräume öffentlich thematisiert worden. Und in dem Beitrag „Der König der Schweine" schrieb Die Zeit 2015, dass die Verhältnisse die Arbeitnehmer krank machten. Den hartnäckigsten Kampf führt Clemens Tönnies mit seinem Neffen Behörden und Justiz haben schon viele der Vorwürfe geprüft. Der ärgste Verdacht beschlich jene, die Tönnies alles zutrauen, als 2009 überraschend ein Kronzeuge starb, der den Patriarchen belastete. Die Staatsanwälte fanden aber keinen Anfangsverdacht dafür, dass der Tote vergiftet worden wäre. Natürlich gab es auch Steuerermittlungen gegen Clemens Tönnies. Und 2011 musste er sich gemeinsam mit einem Dutzend Managern wegen Etikettenschwindels in einem Strafprozess verantworten. Verurteilt wurde er nicht. Den hartnäckigsten Kampf freilich liefert ihm seit Jahren die eigene Familie. Sein Neffe Robert Tönnies, der Sohn des 1994 gestorbenen Firmengründers Bernd Tönnies, fühlt sich von seinem Onkel in vielerlei Hinsicht übervorteilt. Roberts Anwälte sind inzwischen nicht mehr zimperlich mit ihren Formulierungen: Clemens Tönnies regiere die Unternehmensgruppe „nach eigenem Gusto", schreiben sie in der Schiedsklage, mit der Robert Tönnies – dem immerhin 50 Prozent der Anteile gehören – jetzt verärgert den Verkauf des Konzerns einleiten will. Die Rechtsanwälte schreiben auch, dass er Menschen in seinem Umfeld, die nicht seiner Meinung sind, „einschüchtert und bedroht". Und ein anderer Anwalt stellt schriftlich fest, dass Clemens Tönnies Verträge „nach Gutdünken einhält oder bricht". Das Ziel demnach: „Die alleinige Herrschaft" über den Konzern. Rassistisch hat sich der Unternehmer nie gezeigt Dass er sich so viele Feinde gemacht hat, könnte Clemens Tönnies noch auf die Füße fallen. Wie der Jäger weiß, sind viele Hunde am Ende des Hasen Tod. Doch der Fairness halber ist festzustellen, dass der Unternehmer sich zumindest nie rassistisch gezeigt hat, wie auch der in Ghana geborene langjährige Schalke-Fußballer Gerald Asamoah bestätigt hat. Ganz anders als überzeugte Rechtsextreme oder prominente Populisten äußert Tönnies keine Beschönigungen für Ausländerhass. „Deutschland ist ein Einwanderungsland, muss noch mehr Einwanderungsland werden", sagte er etwa 2015 im Interview der Welt. Er sagte auch: „Wir Deutsche müssen ein System schaffen, das Flüchtlinge zu Mitgliedern der Gesellschaft macht." So klingt ein Rassist gewöhnlich nicht.

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