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Rheda-Wiedenbrück Behinderung wird zur Begabung: So ertastet eine sehbehinderte Frau Brustkrebs

Bettina Schniedermann ist sehbehindert. Darum hat sie einen besonders sensiblen Tastsinn. Als Medizinisch-Taktile Untersucherin erkennt sie Brustkrebs damit in einem frühen Stadium

Marion Pokorra-Brockschmidt
10.06.2019 | Stand 08.06.2019, 22:12 Uhr

Rheda-Wiedenbrück. Mit sensiblen Fingern hat Bettina Schniedermann immer schon gearbeitet. Als junge Schneiderin nähte sie Pailletten und Brokatspitzen auf lange Damenkleider und sorgte für die Eleganz der Trägerinnen. Heute tastet sie die Brüste von Frauen nach Knoten ab und sorgt für deren Gesundheit. Sie ist eine von bundesweit 38 aktiven qualifizierten Medizinisch-Taktilen Untersucherinnen (MTU). "Eine alternative Vorsorge ist immer gut", meint Gisela T. aus Gütersloh. Sie ist in die Praxis der Frauenärztin Tanja Mann gekommen, wo Schniedermann einmal in der Woche als MTU arbeitet. Zuletzt hatte die Gütersloherin am Mammographie-Screening teilgenommen. "Doch jetzt bin ich 70 und falle aus dem Programm". Angeboten wird diese Form der Brustkrebsfrüherkennung für Frauen von 50 bis 69 Jahren. Für die Untersuchung jetzt zahlt T. knapp 57 Euro, die private Krankenkassen übernehmen, gesetzliche nicht. 30 bis 60 Minuten tastet sie die Brust ab Mit der Tastuntersuchung hat Mann gute Erfahrungen gemacht - über Jahre in ihrer Praxis in Dortmund und jetzt in Rheda-Wiedenbrück. Während eine Gynäkologin bei der Vorsorgeuntersuchung die Brust einer Patientin kurz abtaste, widme sich ihr eine MTU 30 bis 60 Minuten. Die Ärztin zeigt auf Holzperlen, die deutlich machen, was wer findet. Die großen Perlen mit einem Zwei-Zentimeter-Durchmesser ertasten Patientinnen selbst, die kleinen mit 5 Millimeter Durchmesser finden MTUs. Sie findet bis zu 50 Prozent kleinere Gewebeveränderungen als Mediziner "Brustkrebs ist tödlich, wenn man ihn nicht früh genug erkennt", sagt Mann, dass Schniedermann und ihre Kolleginnen etwa 30 Prozent mehr und bis zu 50 Prozent kleinere Gewebeveränderungen finden als Mediziner. Das sei wissenschaftlich belegt. Schniedermann fand ihren neuen Beruf zufällig. Sie hat eine Sehbehinderung, seit ihrer Geburt. Und: "In meiner Familie sind alle Frauen von Brustkrebs betroffen." Als die Sehkraft der heute 60-Jährigen immer mehr nachließ, sie als Schneiderin nicht mehr arbeiten konnte und einmal mehr ihren Augenarzt konsultierte, las sie im Wartezimmer einen Prospekt von "discovering hands", die sich selbst als "Initiative im Kampf gegen den Brustkrebs und im Einsatz für die Inklusion" bezeichnet. Denn ausgebildet werden nur Sehbehinderte zu MTUs. Viele Patientinnen seien begeistert, "wenn ein Mensch aus seiner Behinderung eine Begabung gemacht hat", sagt die 60-Jährige. Schniedermann bewarb sich und absolvierte eine knapp einjährige Ausbildung, auch im Brustkrebsklinikum Düren. "Wir waren drei Auszubildende und haben aneinander gelernt", erzählt die Frau aus Schloß Holte-Stukenbrock. Sie sei ein "Kaiser unter den Blinden mit Sehkraft auf einem Auge". Darum habe sie in der Ausbildung auch mit einer Schwarzbrille millimetergenau arbeiten müssen. Ihre Prüfung an einem Silikonmodell mit Befunden, die sie genau deklarieren musste, legte die 60-Jährige 2017 ab. Seither ist sie als MTU bei "discovering hands" angestellt und arbeitet in Frauenarztpraxen in Bünde, Bielefeld, Mühlheim und in Rheda-Wiedenbrück. »Keine Methode der Früherkennung bietet 100 Prozent « Davon hörte auch T. über Mundpropaganda. Sie sagt, dass "es ein sehr gutes Gefühl ist, so gründlich und sehr ordentlich abgetastet zu werden - das ist ja sonst eine Minutensache". Nach der Anamnese befühlt Schniedermann die Lymphabflussgebiete der Brust an Kopf, Schlüsselbein und unter den Achseln. Dann legt sich die Patientin hin. Die MTU ertastet die Brüste entlang so genannter Orientierungsstreifen. Sollte es einen Befund geben, kann sie den so genau lokalisieren für die weitere Behandlung durch Ärzte. "Ich verschiebe das Gewebe gegeneinander", erklärt die 60-Jährige, dass sie "im Drüsenstrickmuster tastet, ob etwas da drin ist, was da nicht reingehört". Von allen Auffälligkeiten, die sie findet, seien 80 Prozent gutartig, nennt Schniedermann beispielsweise Zysten oder ein knotiges Bindegewebe. Sie sagt auch, dass sich ein Karzinom anfühlt wie eine Zecke. Ertastet sie einen Knoten, "muss es vorwärts gehen mit der medizinischen Behandlung". In der Praxis von Mann geschah das seit April drei Mal, weil Schniedermann Knoten ertastet hat, "die sonst nicht aufgetaucht wären", sagt die Frauenärztin. Bei T. hat Schniedermann nichts gefunden. Die 69-Jährige fand die Untersuchung angenehm. Die Gynäkologin betont, dass die Taktilographie eine zusätzliche Diagnosemöglichkeit in der Brustkrebsfrüherkennung sei. "Keine Methode bietet 100 Prozent, aber in der Verzahnung von Mammographie, Sonographie und Tasten schafft man ganz viel."

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