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Vor der Eisdiele: Amirapos, ein Freund aus dem Iran (v. l.), Ela Leubner, Lilas, Heike Zurmühlen, Yassir Al Haji, Rodi und Rimas genießen im Sonnenschein die kalte Süßigkeit. "Mit Mama essen wir Montag vielleicht auch Eis", meint der Zwölfjährige. - © Marion Pokorra-Brockschmidt
Vor der Eisdiele: Amirapos, ein Freund aus dem Iran (v. l.), Ela Leubner, Lilas, Heike Zurmühlen, Yassir Al Haji, Rodi und Rimas genießen im Sonnenschein die kalte Süßigkeit. "Mit Mama essen wir Montag vielleicht auch Eis", meint der Zwölfjährige. | © Marion Pokorra-Brockschmidt

Rheda-Wiedenbrück Syrische Familie aus Rheda-Wiedenbrück ist wieder vereint

Marion Pokorra-Brockschmidt
28.05.2017 | Stand 30.05.2017, 10:19 Uhr

Rheda-Wiedenbrück. "Seit Mittwoch geht es uns gut", sagt Yassir Al Haji. Das ist ihm und seinen Kindern anzusehen. Sie wirken erleichtert, können wieder lachen. Richtig glücklich werden Nisrin, Mohammad, Rimas, Lilas und Rodi mit ihrem Vater am Montag sein. Dann wird Mosna Farhat, die seit Mitte April in Abschiebehaft saß, wieder bei ihnen sein. "Dann feiern wir." Entlassen wurde die Ehefrau und Mutter aus dem Gefängnis bereits am Mittwoch. Da hatte das Oberverwaltungsgericht (OVG) Münster beschlossen, dass die Ausländerbehörde des Kreises Gütersloh die Familie mit ihren fünf minderjährigen Kindern vorläufig nicht nach Bulgarien abschieben darf. Farhats Bruder, der seit 16 Jahren hier lebt und deutscher Staatsangehöriger ist, holte sie aus Frankfurt zu seiner Familie nach Niedersachsen, "damit sie sich ein bisschen von den Strapazen der Haft erholen kann". Das berichtet Ela Leubner von der evangelisch-freikirchlichen Gemeinde "Christus für alle". In deren Räumen lebt Familie Al Haji seit 16. April im Kirchenasyl. "Weil wir wussten, dass die Zeit rennt, die Abschiebung droht." Das Kirchenasyl einzurichten sei sehr aufwendig gewesen, verbunden mit Anträgen und Bürokratie, mit Recherchen und Telefonaten, mit übergeordneten Stellen und Netzwerken, mit Zeit und Nerven, sagt Leubner, dass das "extrem aufregend" war. "Wir stellen uns nicht gegen deutsche Gesetze", betont Heike Zurmühlen, Flüchtlingsbeauftragte der evangelischen Versöhnungs-Kirchengemeinde. Kirchenasyl werde gewährt, um Zeit für offene Verfahren zu gewinnen. "Wenn das Gewissen nicht mit einer staatlichen Entscheidung klar kommt und zur Wahrung der internationalen Menschenrechte", ergänzt Leubner. Kirchenasyl gebe es nicht bei Menschen, "die nie eine Chance hätten, hier zu bleiben", so Zurmühlen. Die Räume der Gemeinde hat Familie Al Haji in den vergangenen Tagen nicht verlassen, aus Angst, aufgegriffen und abgeschoben zu werden. Als Termin für die Rückführung hatte der Kreis den 29. Mai genannt. Doch waren die Syrer nicht allein: Sie bekamen Besuch von Flüchtlingen und Deutschen, mit denen sie sich angefreundet haben. "Die Piusschule war sehr aktiv," erzählt Leubner, ständig seien Kinder da gewesen. "Wir haben mit meinen Freundinnen gespielt", sagt Lilas, die die vierte Klasse der Grundschule besucht. Freunde aus der internationalen Klasse der Osterrath-Realschule kamen zu Rodi. Lehrerinnen waren auch da, "aber wir haben nur ein bisschen gelernt", gesteht der Zwölfjährige lächelnd. Nächste Woche aber, da besuchen die drei ältesten Kinder wieder den Unterricht. "Darauf freuen wir uns", sagt Rodi. Noch fehlen ihnen Schulbücher, Ranzen, Kleidung und anderes. "Alles aus ihrer Unterkunft ist weg", sagt Zurmühlen. Die letzten Wochen seit der versuchten Abschiebung Mitte April waren schwer für Rodi und seine Familie. "Wir haben viel gebetet." Halt und Trost hätten "viele nette Menschen gegeben, die wir lieben", sagt Yassir Al Haji. Einen letzten Schrecken hatte er Mittwoch bekommen, als seine Frau dachte, dass sie aus dem Gefängnis gekommen sei, um nach Bulgarien ausgeflogen zu werden. Doch schnell klärte sich das und "wir wussten, dass alles gut ist". Dabei sei er zwischendurch so verzweifelt gewesen, nach Bulgarien zu müssen, dass er mit seiner Familie freiwillig nach Syrien zurückgehen wollte, in das Land, in dem Bürgerkrieg herrscht. "Das war das Allerschlimmste", sagt Zurmühlen, die stets davon überzeugt war und ist, dass die Al Hajis eine Zukunft in Deutschland haben müssen. Leubner hatte "von Anfang an die Gewissheit, dass Gott hier eine neue Geschichte schreibt." Die Frauen sehen nun die Stadt als zuständige Behörde in der Pflicht, den Al Hajis eine Unterkunft zu geben, nach dem Ende des Kirchenasyls durch den OVG-Beschluss. Im Rathaus hieß es, dass die Familie eine Wohnung bekomme, "wenn sie sich räuspert". Das müsse nicht die sein, aus der sie abgeholt wurde, um sie abzuschieben, wie erst auf Nachfrage der NW eingeräumt wurde. Yassir Al Haji möchte, dass seine Familie hier bleiben, ein "Leben ohne Angst" führen kann. "Wir wollen unsere Zukunft hier machen", sagt Rodi.

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