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Rheda-Wiedenbrück Herbert Neuhoff feiert 90-jähriges Bestehen seiner Holzdrechslerei

Ein Mann der Tat

Wilhelm Ide
09.06.2016 | Stand 08.06.2016, 20:31 Uhr

Rheda-Wiedenbrück. Gleich mehrere Gründe zum fröhlichen Beisammensein gibt es am heutigen Donnerstag, 9. Juni, und in den folgenden Tagen in der Frankensteiner Straße Nummer 28: Herbert Neuhoff wird 90 Jahre und feiert die Wiederkehr der Gründung seiner Holzdrechslerei durch seinen Vater Adolf vor ebenfalls 90 Jahren. Das Jubiläum des Handwerksbetriebes ist verbunden mit dem dankbaren Blick auf eine erfolgreiche Zeit der Arbeit. Doch ist es auch verbunden mit der bitteren Erkenntnis, dass die Drechselei, das Schirm- und Stockmachen sowie die Arbeit mit Elfenbein keine Zukunft mehr haben, ihnen also das Sterbeglöckchen läutet. Einen Nachfolger für seinen Handwerksbetrieb suchte der Jubilar bisher vergeblich. Aber trotz seines Alters steht Neuhoff jeden Tag in seiner Werkstatt und gestaltet Holz, wie sein Vorfahr es tat. Noch immer aktuell sind handwerkliche Fertigkeit und seine Kunst, mittels scharfer Instrumente an der Werkbank rotierendem Holz Rundungen zu verschaffen. Auftraggeber sind seltener Restaurateure antiker Möbel, sondern vermehrt Kunstschaffende, die ihn um die Herstellung künstlerisch gestalteter Projekte bitten. Der Jubilar wurde in Rheda geboren und blieb seiner Heimat treu. Aber das Schicksal bescherte ihm als ganz jungem Mann einen Abschied für viele Jahre. Er war im Zweiten Weltkrieg Soldat und lange in Kriegsgefangenschaft in Frankreich und Amerika. 1944 kreuzten sich die Wege des jetzt 90-Jährigen mit dem Chronisten dieses Berichtes. Das geschah Tausende von Kilometern entfernt von der Rhedaer Heimat, im amerikanischen Bundesstaat Colorado. "Hallo, Williken vom Poahlort in Rheda", rief damals eine jugendliche Stimme in typisch rhedaischer Mundart aus einem Trupp neuer Gefangener heraus. Die Gruppe war in dem Lager auf der Durchreise und empfing dort ein Essen. Die Freude, einen Rhedaer Jungen fern der Heimat zu treffen, wenn auch nur für kurze Zeit, war auf beiden Seiten riesengroß. Der Kontakt der beiden Männer hat bis heute seine Gültigkeit. Nach dem Krieg zurück in der Heimat, gründete Neuhoff eine Familie. Vier Kinder kamen zur Welt, eine verwaiste Nichte wurde in die Familie integriert, und Enkelkinder stellten sich ein. Ehefrau Anneliese starb indes vor zwei Jahren. Besonders Europas Norden hatte er mit seiner Frau und dem Wohnwagen erkundet. Seinen Haushalt versorgt der Jubilar heute selbst. Obwohl er bereits Rentner ist, kennt er keine Langeweile, weil immer wieder Bürger kommen und Wünsche erfüllt haben möchten. Noch immer ist der 90-Jährige ein Mann der Tat, der anderen gerne zur Seite steht, wenn seine Hilfe benötigt wird. Letztens baute er beispielsweise eine Kinderwiege aus Holz für eine Bauernfamilie, geschaffen für mindestens 100 Jahre. Auch der Designer Luigi Colani - bekannt als der Künstler, der das Runde liebt - war früher sein Auftraggeber. Was sich Colani ausdachte, setzte Neuhoff zentimetergenau um. Der Jubilar kümmerte sich ferner um das gesellschaftliche Leben auf der Wegböhne. Er war Mitbegründer des VfL Rheda, er war 40 Jahre aktiver DRK-Helfer, er ist noch immer aktiv im Shanty-Chor "Die Emsmöwen" sowohl als Sänger als auch als Schifferklavierspieler; und er gehörte zu diversen Bands und Tanzkapellen. Als Mann mit echtem westfälischen Humor ist Josef Neuhoff überall beliebt.

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