Herzebrock: Das Fahrrad liegt noch am Wegesrand, daneben ein Hut. Im Hintergrund hat sich ein Zeuge auf den Boden gelegt, um den genauen Tatort anzuzeigen, an dem Richard Wilhelm Ellermann (kl. Bild) 1911 ermordet wurde. - © Landesarchiv NRW/ Ellermann
 Herzebrock: Das Fahrrad liegt noch am Wegesrand, daneben ein Hut. Im Hintergrund hat sich ein Zeuge auf den Boden gelegt, um den genauen Tatort anzuzeigen, an dem Richard Wilhelm Ellermann (kl. Bild) 1911 ermordet wurde. | © Landesarchiv NRW/ Ellermann

Herzebrock-Clarholz Historiker Norbert Ellermann rollt einen Kriminalfall von 1911 wieder auf

Historiker Norbert Ellermann hat für die "Heimatkundlichen Beiträge" der Volksbank einen Kriminalfall aus dem Jahr 1911 aufgerollt - auch in eigener Sache

Herzebrock-Clarholz. Polizeisergeant Richard Wilhelm Ellermann war am Abend des 7. Novembers 1911 in Herzebrock drei Einbrechern auf der Spur, als auf der Gütersloher Chaussee plötzlich auf ihn geschossen wurde. Dann trafen ihn auch noch Schläge mit einem 50 Zentimeter langen Meißel. Der Herzebrocker Polizist starb noch am selben Abend im St.-Josephs-Hospital. "Tatort Herzebrock 1911", heißt die neue, 23. Folge der von der Volksbank Bielefeld-Gütersloh herausgegebenen Heimatkundlichen Beiträge, in diesem Fall begleitet durch den Heimatverein Herzebrock. Norbert Ellermann hat das Heft verfasst. Die Namensgleichheit ist nicht zufällig. Der im Dienst ermordete Sergeant war ein Großonkel des in Rheda-Wiedenbrück lebenden Historikers. Herzebrock ist der Stammort der Familie. Und so war dieses Thema für Ellermann, der auch eng mit Stadtmuseum Gütersloh zusammenarbeitet, anders als andere. "Das hier, das ist meine Familie", sagte er bei der Vorstellung der Broschüre im Caspar Ritter von Zumbusch-Museum. Für Ellermann, der schon "seit frühester Jugend Interesse an Geschichte" gehabt hat, ist dieser Casus - laut Volksbankvorstand Michael Deitert "auch ein Regionalkrimi" - und in ganz spezieller Hinsicht "gelebte Geschichte". Aufmerksam geworden durch Presseberichte ("Tageszeitungen sind immer noch Gold wert"), hatte der Urgroßneffe des Opfers den Fall schon seit langem näher erforschen und dokumentieren wollen."Wilder Revolverkampf bei Borken" Fündig wurde Ellermann im Gemeindearchiv Herzebrock-Clarholz wie im Landesarchiv Detmold. Aber auch bei Gerichten in Bielefeld und sogar beim Reichsgericht in Leipzig ist der Fall aktenkundig. Denn der Fall mündete in einem - wie die Presse schrieb - wilden "Revolverkampf" in einer Räuberhöhle bei Borken und einem langwierigen Prozess. Die Anwälte der gefassten und zum Tode verurteilten Einbrecherbande aus Gelsenkirchen-Schalke hatten wegen einer minimalen Unkorrektheit in den Prozessakten eine Revision beantragt. Da diese verworfen wurde, war sogar Kaiser Wilhelm mit der Angelegenheit aus Herzebrock befasst. Doch zumal das Opfer ein Staatsdiener gewesen sei, so Ellermann, habe der Regent das Gnadengesuch abgelehnt. Die Täter wurden im Hof des Bielefelder Landgerichtsgefängnisses hingerichtet. Der Herzebrocker Historiker, der bei den Recherchen auch viel über seine Familie erfuhr, will mit in dem reich bebilderten Heft neben einem spannenden Stück Zeitgeschichte auch dem Untertitel gemäß einen "Blick in die Geschichte der modernen Polizeiarbeit" werfen. Der Fall zeige nämlich deren Beginn, sagt Ellermann.Modernste Methoden Zwar war der damalige Sergeant Ellermann noch mit Fahrrad und Säbel unterwegs und eigentlich gelernter Schneidermeister, der seinen Wehrdienst bei den Bückeburger Jägern machte und auf der Polizeischule Recklinghausen ausgebildet wurde. Aber bei der Suche nach seinen Mördern wurden die seinerzeit modernsten Mittel und Methoden eingesetzt: Fahndungsplakate, Fotos in der Presse, Spürhunde. Ellermann hat sogar noch eine Fotografie der damals herbeigeholten Polizeihündin "Draga von der Lippe" aufgetrieben. Die Recherchen eröffnen auch einen Blick auf das damalige Sozialsystem und die Solidarität der Herzebrocker: Da Richard Ellermann erst kurz im Polizeidienst gewesen und noch nicht pensionsberechtigt war, verzögerte sich die (später doch verfügte) Rentenzahlung an seine Witwe und die vier kleinen Kinder. Doch hätten die Bürger Herzebrocks Solidarität geübt und Geld für die Familie gesammelt, so Ellermann. Die in Herzebrock gegründete Firma Miele habe gar ein Fünftel dieser Summe beigetragen. "In den Archiven liegt die Wahrheit", hat Norbert Ellermann auch angesichts der vielen Funde wieder einmal festgestellt. Aber sie muss auch ans Licht. Das hat er in zehnjähriger Forschungsarbeit nun besorgt.

realisiert durch evolver group