Austen Peter Brandt ist nigerianischer Herkunft und evangelischer Gemeindepfarrer der Kirche in Walsum-Aldenrade. - © FOTO: GUITANO DARHOVEN
Austen Peter Brandt ist nigerianischer Herkunft und evangelischer Gemeindepfarrer der Kirche in Walsum-Aldenrade. | © FOTO: GUITANO DARHOVEN

Harsewinkel Der alltägliche Rassismus

Evangelischer Pfarrer Austen Peter Brandt berichtete über sein Leben

VON GUITANO DARHOVEN

Harsewinkel. Austen Peter Brandt weiß,  wie sich "alltäglicher Rassismus" anfühlt. Er weiß, wie eine offen gezeigte Ablehnung im Herzen schmerzen kann, denn er hat Rassismus seit Kindesbeinen am eigenen Leib erlebt. Der deutsch-britisch-nigerianische evangelische Pfarrer aus Duisburg weiß, dass ihm Menschen noch heute misstrauen, ihn ablehnen und verdächtigen, nur weil seine Hauptfarbe nicht "europäisch hellhäutig" ist.

Und das, obwohl der 60-Jährige  nicht nur seit seinem dritten Lebensjahr in Deutschland lebt, sondern als Bundesverdienstkreuzträger (2011) auch eine beeindruckende Lebensbilanz "hingelegt" hat. Davon und in welchen Facetten Fremdenfeindlichkeit und Rassismus alltäglich zum Ausdruck kommen, berichtete er in einem vierstündigen Workshop zum Thema Alltagsrassismus im Haus der Gemeinwesenarbeit Dammanns Hof. Die Veranstaltung bildete den Abschluss der seit dem 1. Oktober laufenden Aktionswochen.

In der Schule war er der "Rauschgiftdealer", später der "geborene triebhafte Vergewaltiger". Rassismus habe er nicht nur selber erlebt, sondern auch erfahren, dass die Gesellschaft Rassismus verdränge. "Selbst bei engagierten Menschen habe ich unbewusste Verdrängung erlebt", so Austen Peter Brandt, Trainer für Anti-Rassismus-Trainings.

Wo Rassismus Platz gewährt werde, würden Menschen diskriminiert. Ihnen würden negative Eigenschaften wie der stinkende Neger oder die nach Knoblauch riechenden Türken, die ihre Frauen unterdrücken, zugesprochen, die auf reinen Vorurteilen basieren. Zu schnell würden Menschen mit offensichtlich ausländischer Herkunft und nicht-weißer Hautfarbe "rassifiziert". Lebensprägungen durch Ausgrenzungen seien die Folge.

Davon wussten auch die 20 Teilnehmer des Rassismus-Workshops zu berichten. Sie nannten sprachliche Barrieren und Schikanen in der Schule als willkommene Gründe für Ablehnung im Alltag. Ein Asylbewerber (27), der seit mehr als einem Jahr in Harsewinkel lebt, beklagte sich in englischer Sprache darüber, dass er sich aufgrund des sprachlichen Handicaps oftmals ausgestoßen und unverstanden fühle. Zudem habe das Asylbewerberhaus in der Lübecker Straße keinen guten Ruf. Auch eine unfaire Entlohnung für seine Arbeit schränke sein Leben ein: "Wir arbeiten für 80 Euro im Monat, ein Deutscher bekommt 80 Euro am Tag."  Eine andere Teilnehmerin berichtete von offen ausgesprochenen Verdächtigungen als potenzielle Ladendiebe.

Austen Peter Brandt kritisierte, dass Rassismus schnell dem "rechten Lager" zugesprochen oder einfach tabuisiert werde. "Ich habe im Laufe meines Lebens viele tolle Menschen getroffen, die für mich sogar ihr Leben gegeben hätten, die aber zugleich in ihren Synapsen nicht umsetzten konnten, dass ich Tag für Tag Diskriminierungen erfuhr. Da dies keine Einzelfälle sind, ist es wichtig, dass sich in Deutschland etwas ändert, indem wir Möglichkeiten entdecken, mit Rassismus umzugehen, damit alle Menschen stärker werden", so Brandt.

Der durch Pfarrer Austen Peter Brandt 1993 gegründete Verein Phoenix erhielt 2010 den Aachener Friedenspreis für sein Engagement gegen Rassismus. Der Pfarrer selbst ist nigerianischer Herkunft. Durch seine drei Staatsangehörigkeiten (deutsch, englisch, nigerianisch) und zahlreiche Auslandsreisen innerhalb von Europa, Afrika und Asien machte der Geistliche und Vater von drei erwachsenen Kindern vielfältige Erfahrungen mit verschiedenen Kulturen, Formen des interkulturellen Zusammenlebens und Strategien gegen Rassismus. "Sie werden merken, dass dieser Abend für Harsewinkel hoffentlich positive Auswirkungen haben wird", sagte Austen Peter Brandt, der sich als "Harsewinkel-Fan" outete.

Copyright © Neue Westfälische 2018
Texte und Fotos von nw.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.

Kommentare

Die Kommentarfunktion für diesen Artikel ist deaktiviert.

nw.de bietet Ihnen unter vielen Artikeln und Themen die Gelegenheit, Ihre Meinung abzugeben, mit anderen registrierten Nutzern zu diskutieren und sich zu streiten. nw.de ist jedoch kein Forum für Beleidigungen, Unterstellungen, Diskriminierungen und rassistische Bemerkungen. Deshalb schalten wir bei Artikeln über Prozesse, Straftaten, Demonstrationen von rechts- und linksradikalen Gruppen, Flüchtlinge usw. die Kommentarfunktion aus. Näheres dazu lesen Sie in unseren Nutzungsbedingungen für die Kommentarfunktion (Netiquette) und in dem Kommentar unseres Chefredakteurs Thomas Seim zur Meinungsfreiheit im Forum der NW.

realisiert durch evolver group