Vor dem Abbruch: Das Haus Hansmeier wurde in Lintel Balken für Balken abgetragen.
Vor dem Abbruch: Das Haus Hansmeier wurde in Lintel Balken für Balken abgetragen.

Marienfeld Fachwerk für Bürgerhaus wird aufbereitet

Fachwerk für Marienfelder Bürgerhaus wird restauriert / Bessmann-Schenkung

Richard Zelenka

Marienfeld. Die Jahreszahl auf dem Eichentorbogen ist zwar nicht eindeutig zu entziffern, doch Heiner Bessmann und seine Mitstreiter sind sich sicher: Das alte Fachwerkhaus, das in ein paar Monaten das Marienfelder Bürgerhaus beherbergen wird, wurde um 1600 an seinem ursprünglichen Standort in Lintel gebaut und etwa 100 Jahre später erweitert. Im Sommer 2012 erwarb der Marienfelder Schneidermeister Heiner Bessmann, dem Heimatgeschichte, Pflege des Brauchtums und altes Handwerk seit jeher ein Herzensanliegen sind, das historische Bauwerk auf dem ehemaligen Hof Hansmeier. Der 75-jährige Textilkaufmann ließ das Fachwerk von der Harsewinkeler Fachzimmerei Grothues & Thies Stein für Stein und Balken für Balken abbauen. Die einzelnen Bauteile wurden minuziös erfasst und katalogisiert. Seit sechs Wochen werden die insgesamt rund 280 Eichenbalken, die den Außenkubus des Fachwerkhauses bilden, im Marienfelder Industriegebiet in den Hallen der früheren Firma Sanitär-Trennwände Rinkens für das große Vorhaben aufbereitet. Während auf dem Hof Stefan Langer dabei ist, das alte Holz zu säubern und von Nägeln zu befreien, fügen die Zimmerer in den Hallen das Baumaterial zu stabilen Holzkonstruktionen zusammen, die voraussichtlich noch in diesem Jahr am Standort an der Klosterstraße das Fachwerk des Marienfelder Bürgerhauses bilden werden. Die beiden Traufwände von je 29 Metern Länge sind bereits fertig, momentan sind Florian Vechtel und Dirk Mendak von Grothues & Thies mit Spezialwerkzeug dabei, die gefachte Giebelwand (15,5 Meter breit) für den Transport vorzubereiten. Nach alter Handwerkskunst werden morsche Teile ersetzt sowie Zapfen und Nägel aus Holz eingesetzt, um der Konstruktion die notwendige Stabilität zu geben. "Das Holz ist in einem ganz guten Zustand. Nur die Wetterseite ist stellenweise verrottet", sagt Mendak, der eine jahrelange Erfahrung mit der Restaurierung von historischem Fachwerk hat. Die ehemalige etwa 2.500 Quadratmeter große Halle an der von-Liebig-Straße befindet sich im Eigentum von Volker Bessmann. Der Firmenchef hat die Immobile nach der Insolvenz des Betriebes Rinkens ersteigert. Ursprünglich sollte dort Textilware gelagert werden. Doch als Volker Bessmann von den Plänen seines Vaters hörte, stellte er das Gelände gerne zur Verfügung. "Der Platz ist ideal für die Restaurierung", freute sich Heiner Bessmann bei einem Ortstermin über den guten Fortschritt der Arbeiten. Der Textilkaufmann ist glücklich, dass das historische Gefach mit neuem Leben gefüllt wird. "Das Haus ist ein Beispiel für die Tragödie der Weltkriege. Alle Söhne der Familie Hansmeier verloren ihr Leben in den Kriegen", so Bessmann. Das Happy End der jahrzehntelangen Leidensgeschichte um das Marienfelder Bürgerhaus mutet schon ein wenig fantastisch an. Nach vielen vergeblichen Anläufen des Heimatvereins, ein eigenes Domizil für die örtlichen Gruppen und Vereine einzurichten, tauchte Heiner Bessmann Anfang des Jahres fast wie der sprichwörtliche rettende Engel aus dem Nichts auf und machte den Marienfeldern ein großzügiges Angebot. Der "blaublütige Schneider", wie der eigenwillige Unternehmer auch betitelt wird, erklärte sich bereit, dem Heimatverein das Hansmeier-Haus kostenlos zu überlassen, es aufzustellen und das Fachwerk auszumauern. Darüber hinaus will er das Projekt mit einem finanziellen Zuschuss von bis zu 100.000 Euro unterstützen. Das gemeinsam erarbeitete Konzept sieht ferner vor, dass der Verein mit Zuschüssen der Stadt von 250.000 Euro für das Grundstück und dessen Erschließung, die Fenster, die Wärmeisolierung, den Innenausbau sowie Elektro- und Sanitärinstalationen zuständig ist. Die eventuelle finanzielle Lücke will der Heimatverein mit viel Eigenleistung sowie mit Hilfe von Spendern und Sponsoren schließen. Insgesamt werden die Kosten mit etwa 660.000 Euro beziffert.

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