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Amber-Sophia Schröck leidet in Folge des Klinefelter-Syndroms an einer Reizfilterschwäche und muss deshalb eine Sonnenbrille tragen. - © Melanie Wigger
Amber-Sophia Schröck leidet in Folge des Klinefelter-Syndroms an einer Reizfilterschwäche und muss deshalb eine Sonnenbrille tragen. | © Melanie Wigger

Drittes Geschlecht "Ich muss nicht mehr so tun, als wäre ich ein Mann": Amber-Sophia ist divers

Junge oder Mädchen? Frischgebackene Eltern werden oft zuerst nach dem Geschlecht ihres Kindes gefragt. Doch was ist, wenn dieses nicht eindeutig ist? Amber-Sophia Schröck erzählt von ihrem Weg jenseits der Norm

Melanie Wigger
06.08.2019 | Stand 06.08.2019, 13:30 Uhr

Werther. „Mama, was ist mit der Frau?" – „Guck da nicht hin." ... „Das ist nur jemand, der Aufmerksamkeit will." ... „Das ist ein Perverser." Sätze, die Amber-Sophia Schröck so und so in der Art schon oft gehört hat. Denn die 31-Jährige ist anders und habe sich nie wie ein Junge oder Mann gefühlt. Erst vor wenigen Wochen hat sie sich von ihrer männlichen Identität auch offiziell bei den Behörden verabschiedet. Die Vornamen »Philipp Heinrich Richard«, wie ihre Eltern sie nannten, werden auf ihrem Personalausweis keine Verwirrung mehr stiften. Mit »Amber-Sophia« verknüpft sie bewusst einen Unisex-Namen mit einem weiblichen. „Ich muss nicht mehr so tun, als wäre ich ein Mann" Ob sie männlich oder weiblich ist, muss sie jetzt vor den Behörden nicht mehr beantworten. Die dritte Geschlechtsoption fasse zusammen, wie sie sich fühle – „auch wenn »divers« bescheuert klingt." Amber-Sophia erklärt: „Es ist so, als würde man sagen: Die einen sind männlich, die anderen weiblich – und ihr seid einfach alles andere." Trotzdem sei die Gesetzesänderung eine Entlastung. „Ich muss nicht mehr so tun, als wäre ich ein Mann." Dass der äußere Eindruck bei ihrer Geburt falsch war, spürte sie schon früh. "Ich habe mich wie ein Alien gefühlt. Vor allem in der Schulzeit. Mit dem Machogehabe der anderen konnte ich in der Pubertät nichts anfangen." Während die Klassenkameraden sichtbar männlicher wurden, zeichnete sich bei Amber-Sophia eine deutliche Taille und eine eher weibliche Fettverteilung ab. Auch ein Brustansatz war zu erkennen. Mobbing von Kindheit an Das Mobbing ließ nicht lange auf sich warten. Das schwierige Elternhaus war ebenfalls keine Stütze. Die Folge: Bereits in ihrer Jugend ging der damalige Philipp mehrmals in die Psychiatrie. Heute lebt die gebürtige Warburgerin in einer Eingliederungshilfe in Werther. Zwar wurde sie früh gegen ihre Depressionen behandelt, aber die Ursache für ihre psychischen Probleme entdeckten nicht die Ärzte, sondern Amber-Sophia selbst – durch intensive Recherche. Mit 18 Jahren kam ihr die Idee, dass es vielleicht körperliche Gründe geben könnte. Der Endokrinologe bestätigte ihren Verdacht. Genetisch betrachtet ist sie weder Mann noch Frau – oder anders betrachtet etwas von beidem. Auf ihre Diagnose Klinefelter-Syndrom wäre konventionell eine Testosteron-Behandlung gefolgt. Auch eine Brustentfernung wurde vom Arzt vorgeschlagen. Beides kam für Amber-Sophia nicht infrage. Ein X-Chromosom mehr „Ich fühle mich, wenn ich mich entscheiden muss, eher als Frau." Es folgten viele Diskussionen mit Ärzten der Uniklinik Münster. In der Regel wird unter dem Klinefelter-Syndrom verstanden, dass ein Mann durch ein zusätzliches Chromosom (XXY statt XY) zu wenig Testosteron bildet und dadurch beispielsweise zeugungsunfähig ist oder unter Entwicklungsstörungen leidet. Die Betroffenen definieren sich eher als Männer. Nicht so bei Amber-Sophia. Ihr mühevoller Weg endete erst, als sie an der Uniklinik Eppendorf eine Forscherin fand, die ihr recht gab. Seitdem bekommt sie Östrogen, was sich auch äußerlich bemerkbar macht. „Meine Brust ist gewachsen, meine Haut ist weicher geworden und das Haar wächst länger." Auf die Frage, ob ihr das gefalle, antwortet sie strahlend mit „Jaaaa!" Sie selbst habe kein Problem mit ihrer Intersexualität – aber andere: Auf ihrem Online-Blog bekommt sie unangenehme Kommentare bis hin zu Gewaltandrohungen. „Manche denken auch, Intersexualität hätte etwas mit Sex zu tun und machen mir entsprechende Angebote. Einmal sogar für eine Rolle in einem Porno." "Würde ich Fremde sowas fragen, bekäme ich eine Anzeige" Am befremdlichsten ist für sie die Standardfrage: Wie lebst du deine Sexualität aus? – "Würde ich das wildfremde Leute auf der Straße fragen, bekäme ich bestimmt eine Anzeige wegen sexueller Belästigung", ärgert sie sich. "Warum ist diese Frage bei mir in Ordnung?" Eine Beziehung hatte sie zuletzt vor ihrer Diagnose. Die damalige Freundin war mit den Folgen überfordert. "Aber wir haben uns im Guten getrennt." Auch für die Verwandtschaft sei das Thema schwierig. "Sie sorgen sich um ihren Ruf." Ob sie viele Probleme im Alltag habe? "Nein, aber das denken die meisten." Ihr falle auf, dass andere oft Kleinigkeiten wie die Frage nach der Toilettennutzung ansprechen – aber gerade bei diesem Problem sei die Lösung einfach. Sie weicht auf die Behindertentoilette aus. „Die ist unisex. Warum gibt es nicht nur Toiletten für alle?" Andere Themen seien wesentlich wichtiger: „Jedes Unternehmen muss jetzt Stellen auch für Diverse ausschreiben – die meisten wissen aber gar nicht, was das bedeutet." Es fehle an Anlaufstellen. Gleichstellungsbeauftragte legen ihren Schwerpunkt weiterhin auf Frauen. Und schon im Kindergarten prägt sich das Bild von allein zwei Geschlechtern. Auch da müsse ein Umdenken stattfinden. Ebenso in den Medien und in der Werbung. „Es geht darum, dass die Gesellschaft wahrnimmt, dass es mehr als Frau oder Mann gibt." „Geschlechtsoperationen an Kindern sind Folter" Während Transsexuelle in der Regel äußerlich männlich oder weiblich sind, aber sich dem jeweils anderen Geschlecht zugehörig fühlen, vereinen Intersexuelle Geschlechtsmerkmale der beiden anderen Geschlechter.„Eltern werden immer noch von vielen Ärzten gedrängt sich nach der Geburt schnell für eine operative Geschlechtsangleichung zu entscheiden", berichtet Amber-Sophie Schröck, die sich als Mitglied im Bundesverband »Intersexuelle Menschen« engagiert. „Die Operationen werden an Kindern durchgeführt, bevor sie in der Lage sind, diesem Eingriff zuzustimmen. Das ist Folter", warnt sie. Über diese immer noch gängige Praxis wurde und wird nach ihren Erfahrungen aus der Vereinsarbeit selten gesprochen. „Kein Wunder. Die Ärzte wissen, dass das was sie machen, rechtlich problematisch ist. Wenn bei der Operation zum Beispiel innere Hoden entfernen werden, dann ist mit einer Kastration gleichzusetzen." Kontakt: Der Verband »Intersexuelle Menschen« bietet eine kostenfreie Beratung an. Mehr unter www.im-ev.de. In Bielefeld wird momentan eine Selbsthilfegruppe gründet. Mehr Informationen in Kürze unter: www.selbsthilfe-bielefeld.de

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