Ulf Lange (l.) floh nach Westberlin und kam im August 1961 nach Gütersloh. Bernd Müller pendelte als Spediteur in den 60er und 70er Jahren mehrmals zwischen Gütersloh und Berlin. In dem Koffer zwischen ihnen schmuggelte ein weiterer Gütersloher seine Frau aus Ostberlin. Auch der Haken diente der Flucht. - © FOTO: THOMAS SCHÖNEICH
Ulf Lange (l.) floh nach Westberlin und kam im August 1961 nach Gütersloh. Bernd Müller pendelte als Spediteur in den 60er und 70er Jahren mehrmals zwischen Gütersloh und Berlin. In dem Koffer zwischen ihnen schmuggelte ein weiterer Gütersloher seine Frau aus Ostberlin. Auch der Haken diente der Flucht. | © FOTO: THOMAS SCHÖNEICH

GÜTERSLOH Plötzlich fielen Schüsse

Zwei Gütersloher Zeitzeugen berichten, wie sie den Bau der Berliner Mauer vor 50 Jahren erlebt haben

VON THOMAS SCHÖNEICH

Gütersloh. Eigentlich war die Fahrt im Lkw nach Berlin am 13. August 1961 für Bernd Müller Routine. Sein Vater Georg hatte in Gütersloh nach Kriegsende eine Spedition aufgebaut, die regelmäßig die Strecke Gütersloh - Westberlin fuhr. Lästige Schikanen an der Grenze zur DDR waren ein täglich Brot. Doch er hatte noch nie Schüsse fallen hören - bis zu diesemTag.

"Wir waren gerade dabei, den Lkw an der Heidestraße zu entladen", erzählte Müller am Freitag im Stadtmuseum. Direkt östlich der Heidestraße liegt noch heute der Invalidenfriedhof. Der Kanal zwischen Straße und Friedhof bildete die Grenze zwischen West- und Ostberlin. In der Nacht zum 13. August hatte die DDR begonnen, den Ostteil der Stadt abzuriegeln - und über Friedhofsmauer und durch den Kanal suchten Menschen ihre letzte Chance zur Flucht.

Sie hätten nur gehört, wie jemand Deckung gerufen hätte, dann wären die ersten Schüsse der DDR-Grenztruppen auf die Flüchtenden gefallen, erinnerte sich Müller. "Wir haben dann sofort Deckung in einem Lagerschuppen gesucht." Im ersten Moment fiel es dem damals 17-Jährigen schwer, die Ereignisse einzuordnen. "Das kam völlig überraschend. Keiner konnte sich das in den Ausmaßen vorstellen."

Während Müller als Westdeutscher die Stadt damals schnell wieder verlassen konnte, hatte Ulf Lange nur wenige Tage vorher einiges riskiert, um überhaupt nach Westberlin zu kommen. Aufgewachsen in Halle an der Saale, hatte er sich nach seiner Ausbildung zum Werkzeugmacher 1960 geweigert, eine Bereitschaftserklärung für die Nationale Volksarmee zu unterschreiben. Stattdessen musste er in einer Art Arbeitslager Wassergräben ausheben. Als er 1961 noch einmal zu einem solchen Dienst herangezogen werden sollte, reifte in ihm der Gedanken zur Flucht. Mit dieser Idee brach er Ende Juli 1961 zu seinem Bruder nach Ostberlin auf.

Zwei Wochen vor dem Mauer bau gab es noch einen steten Pendelverkehr zwischen Ost- und Westberlin. Doch mit seinem blauen Personalausweis, den jeder DDR-Bürger besaß, der nicht in Ostberlin wohnte (Ostberliner hatten einen roten Pass), wurde ihm bei jeder Grenzkontrolle die Einreise verweigert.

Schließlich half ihm der Zufall: Als sich die S-Bahn wieder einmal einem Grenzbahnhof näherte, fiel das Licht aus. In dem anschließenden Durcheinander wurde Lange, der zwischen seinem Bruder und einem Bekannten saß - beide hatten als Ostberliner einen roten Pass -, nicht mehr kontrolliert. Er hatte es geschafft. Über mehrere Auffanglager kam er nach Gütersloh. Am 10. August war er westdeutscher Staatsbürger. Den Bau der Mauer sah er dann im Fernsehen - er hatte es gerade noch geschafft.

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