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GÜTERSLOH Hohe Hürden für Hausärzte

Wer eine zweite Praxis als Filiale betreiben will, muss finanziell gut betucht sein

VON ANETTE ISRINGHAUSEN
13.08.2010
Dr. Peter Fischer darf zwar die Praxis von Dr. Bernhörster als zweite Praxis in Spexard führen, muss aber ihre Finanzierung , inklusive Miete und Honorare, ein Jahr lang vorstrecken. - © FOTO: RAIMUND VORNBÄUMEN
Dr. Peter Fischer darf zwar die Praxis von Dr. Bernhörster als zweite Praxis in Spexard führen, muss aber ihre Finanzierung , inklusive Miete und Honorare, ein Jahr lang vorstrecken. | © FOTO: RAIMUND VORNBÄUMEN

Gütersloh. Will ein Supermarktbetreiber eine Filiale eröffnen, kann er das - wann und wo immer er will. Ausschlaggebend sind lediglich wirtschaftliche und baurechtliche Faktoren. Ein Apotheker darf seit 2004 bis zu drei Filialen betreiben. Ausschlaggebend sind lediglich Ortsnähe zur Hauptapotheke und wirtschaftliche Faktoren. Für einen Allgemeinmediziner gilt das nicht. Das ist der Grund, warum die Praxis von Dr. Reinhold Bernhörster, seit Jahrzehnten in Spexard ansässig, schließt.

Seit Januar vertritt Dr. Peter Fischer den erkrankten Allgemeinarzt und Internisten vormittags in den Praxisräumen in Spexard. Rund 1.400 Patienten betreut er dort im Quartal. Nachmittags ist er in seiner Praxisgemeinschaft an der Friedrich-Ebert-Straße. Da sich Bernhörster laut Fischer in den Ruhestand zurückziehen will, gibt es die Lösung einer Filiale, die der Hauptpraxis angeschlossen ist. "Ich hatte vor, einen Arzt in Spexard anzustellen, um mit ihm zusammen die Versorgung der Patienten ganztätig sicherzustellen." Außer der Bernhörster-Praxis gebe es in Spexard nur noch einen weiteren Hausarzt.

Nach einer Anfrage bei der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe (KVWL) hat Fischer seinen Plan aufgeben. "Man teilte mir mit, dass ich für das erste Jahr nur mit 30 Prozent des durchschnittlichen Regelleistungsvolumens rechnen könnte." Das Regelleistungsvolumen ist - vereinfacht ausgedrückt - das Budget, mit dem eine Praxis rechnen kann. Es richtet sich nach der Anzahl der behandelten Patienten.

Im Durchschnitt beträgt es 32 Euro pro Patient und Quartal. Vor der Summe müssen auch die Betriebskosten finanziert werden. Der Umsatz einer Hausarztpraxis in Westfalen-Lippe liegt laut KVWL im Schnitt bei 180.000 Euro im Jahr (vor Steuern), der Gewinn bei 90.000 Euro. Zum Vergleich: Fachärzte setzen im Schnitt 275.000 Euro um.

Für Fischer bedeutet die 30-Prozent-Regel, dass er einen Großteil der anfallenden Kosten, auch für die Miete der Praxisräume und das Arzthonorar, für ein Jahr aus dem Budget der Hauptpraxis vorfinanzieren müsste. "Das kann ich mir nicht leisten." Zum Ende des Monats hat er seinen fünf Angestellten gekündigt. Selbst wenn er die Filiale - ähnlich wie jetzt als Vertreter von Bernhörster - in Teilzeit als Arzt betreuen würde, erhielte er im ersten Jahr keinen Cent zusätzlich, lediglich rückwirkend.