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Gütersloh Rastlos im Kornfeld

Polizei gibt auch ein Jahr nach dem Mord an Ingrid Amtenbrink nicht auf

VON LUDGER OSTERKAMP
13.05.2010

Ausführlich wird Gelhot aber, wenn er auf mögliche Polizeipannen angesprochen wird. "Solche Vorwürfe weise ich zurück. Die Polizei hat sorgfältig und routiniert gearbeitet." Erhoben werden die Vorwürfe im wesentlichen von Anwohnern und Zeugen, die die Leiche entdeckt oder sich kurz danach dort aufgehalten haben.
Die Polizei habe bei der Spurensicherung geschlampt, sagen sie. Kranken- und Notarztwagen seien einfach an den Pömpeln an der Holler Straße vorbei durchs Feld und übers Pättken gefahren und hätten dabei etwaige Reifenspuren vernichtet. Auch direkt am Fundort sei viel zu viel Betrieb gewesen. "Im Kornfeld sind unfassbar viele Leute herumgetrampelt", erzählt eine Zeugin. "Innerhalb kürzester Zeit wurde aus der schmalen Spur ins Kornfeld ein breiter Trampelpfad." Kampf- oder Fußspuren, sollte sie es gegegeben haben, seien dabei garantiert vernichtet worden.

Gelhot kontert dagegen, der Fundort sei am Bogen des Schulpättkens und damit ausreichend abgesperrt gewesen. "Außerdem muss man berücksichtigen, dass das ein vielbegangener Weg ist. Da wimmelt es vor Spuren. Keiner von uns glaubt, dass man da draußen im Sandboden etwas Verwertbares hätte finden können, zumal möglicherweise schon viel Zeit verstrichen war."

Ingrid Amtenbrink hatte in dem brusthohen Roggen ganz friedlich, wie schlafend dagelegen, berichteten die Spaziergänger, die sie gefunden hatten. "Sie trug ihre weiße Bluse, eine Jacke und einen Rock, alles sah ganz sorgfältig aus, in der Hand hatte sie noch ihre Handtasche", erzählt eine von ihnen. Lediglich die Schuhe fehlten, ein Spürhund erschnüffelte sie unweit entfernt zwei Tage später.
Ingrid Amtenbrink hatte wenige Monate vor ihrem Tod noch einen neuen Lebensabschnitt angefangen. Nachdem ihr Mann vor zwei Jahren an einer schweren Krankheit gestorben war, hatte die 67-Jährige ihre kleine Wohnung am Eibenweg aufgelöst und war in ein Haus an der Haselstraße gezogen. Sie bewohnte die obere Etage, unter ihr wohnte Frau Nolte, Mutter ihres Schwiegersohnes. Man verstand sich gut.

"Sie hatte sich prima in unsere Nachbarschaft eingefunden", berichtet eine Anwohnerin, Ingrid Amtenbrink galt als zuverlässig, bescheiden und freundlich. Nachdem sie früher vornehmlich für ein Modegeschäft in Gütersloh gearbeitet hatte, besserte sie nun ihre Rente bisweilen als Schneiderin auf. Ihren Tagesablauf verfolgte sie strukturiert, ein Grund, das ihre Tochter sofort alarmiert war, als sie ihre Mutter einen Tag nach Christi Himmelfahrt nicht in der Wohnung vorfand. Nachdem ein weiterer Tag verstrich und auch den Anwohnern auffiel, dass sich die Rolladen nicht wie sonst bewegten, hatte die Familie Vermisstenanzeige erstattet, wurde jedoch, so ein weiterer Vorwurf, von der Polizei vertröstet. "Man hat wohl auf das Gesetz verwiesen und gesagt, dass man erst nach drei Tagen die Suche aufnehmen dürfe", berichtet eine Bekannte. "Ich finde aber, dass man nicht alles über einen Kamm scheren kann und in diesem Fall sofort hätte aktiv werden müssen."

Vorwürfe, über die sich die Tochter Birthe Nolte im Nachhinein nicht mehr aufregt. "Das hätte doch sowieso nichts geändert." Auf den heutigen Feiertag, so Nolte, freue sie sich nicht. "Christi Himmelhfahrt ist für mich kein Feiertag mehr. Vermutlich nie mehr."