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Marc Pasquet, Alain Giévis und Jean-Louis Cirès (v. l.) aus Châteauroux sehen sich ein Werk von Maurice Delavier an. - © FOTO: HENRIK MARTINSCHLEDDE
Marc Pasquet, Alain Giévis und Jean-Louis Cirès (v. l.) aus Châteauroux sehen sich ein Werk von Maurice Delavier an. | © FOTO: HENRIK MARTINSCHLEDDE
GÜTERSLOH

Kunst aus der Gefangenschaft

Stadtmuseum zeigt Zeichnungen eines bedeutenden französischen Malers

VON LUDGER OSTERKAMP
23.04.2010 | Stand 22.04.2010, 20:03 Uhr

Gütersloh. Kunst kann nicht nur ästhetischer Ausdruck und Dokumentation, sie kann auch Überlebensstrategie sein. Das wird deutlich in einer Ausstellung, die am Samstag im Stadtmuseum Gütersloh eröffnet.

"Kunst in der Kriegsgefangenschaft im Zweiten Weltkrieg" stellt Zeichnungen von Maurice Delavier aus, der von 1940 bis 1945 im Stalag VI in Hemer einsaß. Delavier hat in diesen fünf Jahren das Lagerleben in nahezu hundert Werken festgehalten, abhängig davon, wie er an Zeichenmaterial gelangte und wieviel Zeit ihm die Fronarbeit ließ. Sein Werk wirft einen umfassenden künstlerischen Blick auf eine leidvolle Epoche deutscher Geschichte. Ergänzt wird die Schau durch einige Aquarelle und Zeichnungen von Gaston Cherrier, der seine Kriegsgefangenschaft in einem Lager bei Manschnow nahe der polnischen Grenze verbrachte.

Delaviers Zeichnungen bilden mit großem Realismus Szenen des Lebens in einem Stalag ab. Sie zeigen Kriegsgefangene, die fronarbeiten, duschen, essen, musizieren, dahinvegetieren, verzweifeln. Eindrücklich vor allem seine melancholischen Porträts: Sie vermitteln einen tiefen Eindruck vom Gefühlszustand von Männern, denen Freiheit und oft auch Würde genommen wurde. Ihr Blick ist leer, ohne Hoffnung schauen sie an dem Betrachter vorbei. "Die Gefangenen sind von der Unfreiheit gezeichnet, es spricht aus ihren Gesichtern", sagte Museumsleiter Dr. Rolf Westheider gestern bei der Vorstellung der Schau. Markant trete das bei den Nordafrikanern zutage, die Delavier in Hemer porträtierte und die von den Einheimischen wie Tiere im Zoo bestaunt wurden.

Delavier war nicht der einzige, der sich in Stammlagern künstlerisch betätigte. Unter den Millionen von Kriegsgefangenen befanden sich Schriftsteller, Maler, Bildhauer, Komponisten, die sich einerseits ausdrückten, um ihren Zwangsaufenthalt erträglicher zu gestalten, andererseits, um ein Zeugnis ihrer der Freiheit beraubten Zeit zu hinterlassen. Nur wenige allerdings erreichten einen künstlerischen Rang wie Delavier, der anfangs, in Ermangelung von Material, seine Zeichenstifte selbst zuschnitzen musste. Die Nazis verboten solche und andere Freizeitbetätigung nicht, sahen sie darin doch einen Weg, die Gefangenen bei Laune und damit deren Arbeitskraft zu erhalten.

Zu sehen ist die Ausstellung im Kontext der Städtepartnerschaft zwischen Gütersloh und Châteauroux, eine Partnerschaft, die vor 33 Jahren begründet und zuvor von den ehemaligen Kriegsgefangenen Fritz Jakobtorweihen auf der einen und Henri Pasquet auf der anderen Seite angebahnt worden war. Zuvor war die Ausstellung bereits in Châteauroux zu sehen, dort musikalisch untermalt von einem Werk des Komponisten und ehemaligen Kriegsgefangenen Olivier Messiaen. Eine Delegation aus Frankreich wird am Samstag bei der Ausstellungseröffnung im Stadtmuseum zugegen sein und danach zur Landesgartenschau nach Hemer fahren, dessen Gelände das ehemalige Stalag umfasst. Schon gestern bei der Vorbesprechung dabei war Marc Pasquet, Sohn des Partnerschaftsbegründers.

Über eine Stiftung sind vor Jahren sämtliche Zeichnungen von Delavier der Stadt Châteauroux überlassen worden. Sie fanden ihren Weg über zwei Schwestern, die den Künstler in Paris kennengelernt hatten. Über Jahrzehnte lagerten die Bilder unzugänglich für die Öffentlichkeit in einem Schrank, bis sie für die Kriegsgefangenen-Ausstellung hervorgeholt wurden.

Die Ausstellung im Stadtmuseum an der Kökerstraße eröffnet am Samstag um 11 Uhr. Zu sehen ist sie bis zum 20. Juni.

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