Gütersloh Viel Home, wenig Castle

Mit dem Briten-Abzug entstehen Probleme auf dem Wohnungsmarkt

VON LUDGER OSTERKAMP
Wohnungen britischer Soldaten am Rudolstädter Weg. Blankenhagen zählt mit Pavenstädt zu den Siedlungsschwerpunkten der Briten in Gütersloh. - © FOTO: PATRICK MENZEL
Wohnungen britischer Soldaten am Rudolstädter Weg. Blankenhagen zählt mit Pavenstädt zu den Siedlungsschwerpunkten der Briten in Gütersloh. | © FOTO: PATRICK MENZEL

Gütersloh. Wenn die britischen Soldaten abziehen, werden in Gütersloh 1.042 Häuser und Wohnungen frei. Das entspricht circa 2,3 Prozent des gesamten Bestandes. So viele Immobilien werden in Gütersloh sonst nur in drei Jahren neu gebaut.

Zu den 1.042 kommen noch hunderte Wohnungen hinzu, die innerhalb der Kasernen liegen. Diese Zahlen gehen aus einer Übersicht hervor, die jetzt die Stadt vorgelegt hat. Sie führen vor Augen, dass es bei der Konversion nicht nur darum geht, die Folgenutzung für die beiden Kasernenstandorte zu betrachten, sondern auch die gravierenden Auswirkungen auf den Wohnungsmarkt. Stadtbaurat Henning Schulz kündigt in einer Sitzungsvorlage für den Planungsausschuss am 12. Dezember bereits an, Neubaugebiete in den nächsten Jahren nur noch verhalten auszuweisen.

Information

Die zehn größten Briten-Siedlungen

Rudolstädter Weg (Blankenhagen, 148 Wohneinheiten – WE);
Espen-/Hansmerten-/Kastanienweg/Müthers Kamp (Avenwedde-Bhf., 140 WE);
Gerhard-Hauptmann-/ Tho mas-Mann-Straße (Sundern, 103 WE);
Comenius-/Fröbelstraße (Nord, 92 WE);
Hermann-Simon-/Töpferstraße (Pavenstädt, 76 WE);
Spiekergarten (Blankenhagen, 65 WE);
Parseval-/ Zeppelinstraße (Pavenstädt, 55 WE);
Francke-/Fröbelstraße (Nord, 50 WE);
Bernhard-/ Englische/ Schottische/ Waliser Straße (Sundern, 45 WE);
Bultmannstraße (Pavenstädt, 40 WE).

Bei den 1.042 Wohneinheiten handelt es sich zur Hälfte um Mehrfamilienhäuser, was in etwa dem Verhältnis in der Gesamtstadt entspricht. Bei der anderen Hälfte überwiegen Doppel- und Reihenhäuser, freistehende Einfamilienhäuser sind eher die Ausnahme.

Zu einem Drittel stehen die Wohneinheiten im öffentlichen Eigentum der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BImA). Zu knapp zwei Drittel sind sie in privater Hand, bei denen die Bundesanstalt als langfristiger Mieter auftritt und sie den Angehörigen der britischen Streitkräfte überlässt. Bei den privaten Eigentümern handelt es sich sowohl um institutionalisierte Anleger als auch um Privatpersonen. Teilweise bestehen auch Erbbaurechtsverhältnisse.

Wann die Wohnungen frei werden, ob ein massiver Auszug schon in den nächsten beiden Jahren oder erst mit den endgültigen Kasernenschließungen 2016 (Marienfelder Straße) und 2018 (Verler Straße) erfolgt, ist derzeit nach Einschätzung von Stadt und BImA kaum abzusehen. Auch ist das Verhalten der Immobilieneigner schwer prognostizierbar. Werden die Wohnungen verkauft? Und wenn ja, einzeln oder im Paket? Wie hoch ist das Interesse an Sanierung und und Erhalt? Und wieviele Briten-Familien entscheiden sich, lieber in Gütersloh zu bleiben? Fragen gibt es viele, konkrete Antworten wenige. Immerhin hat die BImA erklärt, dass sie die Häuser aus eigenem Bestand bis zuletzt für die Soldaten halten und jene, die sie von privat angemietet und den Soldaten überlassen hat, als erste freigeben wird. Ihre Vermarktungsstrategien spricht die Bundesanstalt mit der Stadt ab.

Sicher ist: Für manche Stadtteile wird der Briten-Abzug weitreichendere Folgen haben als für andere. Blankenhagen und Pavenstädt mit ihren großen Agglomerationen könnten ein Leerstand-Problem bekommen. Die Stadt weist auch auf die Folgen für die soziale Infrastruktur hin: Weil die Briten eigenen Schulen und Kitas unterhalten, bestand bislang in jenen Siedlungen kein Bedarf für deutsche Einrichtungen. Ziehen nun Deutsche mit ihren Kindern nach, könnte plötzlich der Bedarf etwa für eine Kita akut werden.

Einen Sonderfall erkennt die Stadt in der Siedlung Parseval-/Zeppelinstraße nahe der B 513, gegenüber der Flughafenkaserne. Es geht dort um 55 Wohneinheiten. Die Stadt stellt den Fortbestand dieser Siedlung in Frage. Sie stehe solitär da, sei von Gütersloh und Marienfeld gleichermaßen weit entfernt, habe keine Anbindung an die Nahversorgung und sei im Flächennutzungsplan nicht als Wohn-, sondern als Sonderbaufläche mit Zweckbestimmung "Kaserne" ausgewiesen. Laut Stadtbaurat Schulz spreche nichts für eine Fortführung der Wohnnutzung, stattdessen solle die Siedlung in die Planungen für das Flugplatzgelände einbezogen werden.

Ganz anders denkt die Stadt über jene Standorte, die ein "charakteristisches Siedlungsbild" aufweisen. Gemeint sind jene Haustypen, die mit ihren Fassaden, Dächern, Türen, Fenstern einheitlich gestaltet sind und dadurch, so die Stadt, "den öffentlichen Raum prägen". Es solle geprüft werden, diese Siedlungsbilder zu erhalten. Für die Siedlung am Stadtpark (Englische/Schottische Straße, etc.) werde bereits über Denkmalschutz nachgedacht.

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