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Gütersloh Mit Sokrates zur guten Pflege

Diakonie führt neues Betreuungskonzept für Demenzkranke in allen neun Wohngruppen ein

VON THORSTEN GÖDECKER
17.05.2013 | Stand 16.05.2013, 21:10 Uhr
Die erlebnisorientierte Pflege stellt die Wechselbeziehungen zwischen Patienten und Betreuern in den Mittelpunkt. Die Diakonie führt als erste Einrichtung im Kreis Gütersloh dieses Modell ein. - © FOTO: PATRICK MENZEL
Die erlebnisorientierte Pflege stellt die Wechselbeziehungen zwischen Patienten und Betreuern in den Mittelpunkt. Die Diakonie führt als erste Einrichtung im Kreis Gütersloh dieses Modell ein. | © FOTO: PATRICK MENZEL

Gütersloh. Einen Perspektivwechsel verordnet sich die Diakonie beim Umgang mit Demenzerkrankten. "Wir konzentrieren uns zukünftig auf die Stärken des zu Pflegenden; nicht mehr auf seine Defizite", erklärt Margarete Langwald, die Pflegeleiterin der Diakonie. Das Konzept nennt sich "Mäeutik" und wird mit "erlebnisorientierter Pflege" übersetzt.

Langwald will ihre 150 Pflegekräfte dazu befähigen, selbst im herrisch sich gebärdenden Patienten keine Belastung zu sehen: "Schimpfen kann er noch", müsse die positive Erkenntnis aus dieser Begegnung sein, erläutert die Fachfrau.

Information

Pflegekonzept aus den Niederlanden

Der Begriff erlebnisorientierte Pflege stammt vom "Instituut voor Maieutische Ontwikkeling in de Zorgpraktijk" (IMOZ) und wurde basierend auf dem mäeutischen Konzept in der Pflege entwickelt.

Die Pflege-Mäeutik wurde in den 1990er Jahren in den Niederlanden von Cora van der Kooij besonders zur Betreuung von Menschen mit Demenz entwickelt.

Das "mäeutische Konzept" hat zum Ziel, die Intuition des pflegerischen Handelns bei Pflegekräften mit Begriffen und einer integrierenden Theorie zu untermauern.

Der Begriff "mäeutisch" steht für das Bewusstmachen des intuitiven Wissens.

Jenseits normierter Dokumentationsbögen gelte es viel tiefer in die Biographie der Patienten einzusteigen. "Nur wenn wir wissen, was der Mensch erlebt hat, können wir verstehen, warum er sich wie verhält und darauf reagieren." Wer einst Chef, Vater, Gatte, Muttersöhnchen und Despot war, könne als Demenzkranker innerhalb eines Tages in all diesen Rollen den Betreuern gegenüber treten, sagt Langwald.

"Erlebnisorientierte Pflege heißt, die Intention, die Persönlichkeit eines Bewohners zu verstehen, zu berücksichtigen und zu begreifen, wie der Bewohner seine Situation erlebt und verarbeitet. Erlebnisorientierte Pflege ermöglicht dem Bewohner das Erleben von Nähe, Zusammengehörigkeit, Freude, Sinn, Spaß und allem, was noch möglich oder gewünscht ist", lautet die Definition, die Cora van der Kooij dem von ihr entwickelten Pflegemodell gegeben hat.
Die Mäeutik geht davon aus, dass es zwei Erlebniswelten gibt: die Erlebniswelt der Bewohner und die der Betreuer. Cora van der Kooij bezieht sich auf den Gedanken der "Geburtshilfe" des platonischen Sokrates. Sie will "Geburtshilfe" für die Bewusstwerdung des Pflegepersonals leisten. In Kursen soll den Pflegekräften die Fähigkeit vermittelt werden, die Belastungen ihres beruflichen Alltags besser zu bewältigen. Aufgrund ihrer Berufs- und Lebenserfahrung verfügen Versorgende und Pflegende häufig über intuitives Wissen und Können. Aus diesen intuitiven Kenntnissen und Erfahrungswerten sollen dann Worte, Begriffe und theoretische Ansätze hervorgehen. Dafür bedürfe es der sokratischen Methode der Mäeutik, die dem Modell den Namen gab. Durch das mäeutische Konzept sollen Pflegenden ihre theoretischen und praktischen Kenntnisse mit Hilfe einer sinnvollen Methodik im Team anwenden.

Für Langwald ist dabei die Intuition der Pflegenden von entscheidender Bedeutung. "Wenn ich verstehe, warum ich etwas tue, dann kann ich das verallgemeinern." Auch darum setzt die Diakonie als nach eigenen Angaben erste Pflegeeinrichtung in der Region auf die erlebnisorientierte Pflege.

Mindestens zwei Jahre werde es dauern, das neue Pflegekonzept in den neun Pflegegruppen, die die Diakonie unterhält, einzuführen. Gestartet werde jetzt in Ennigerloh (17 Bewohner) und in Gütersloh. In der Wohngruppe am Brockweg leben 14 demenzkranke Menschen. Eine Trainerin wird die Mitarbeiter begleiten.

"Unser Ziel ist eine einheitliche Grundhaltung, die sich grundsätzlich am Positiven orientiert", sagt Langwald. Man wolle sich freuen , wenn ein Bewohner lächelt oder einen Ball wirft und sich nicht darüber ärgern, wenn Verhaltensauffälligkeiten den Routineablauf störten. Langwald betont, dass sie nicht so naiv sei, zu übersehen, dass Kosten- und Zeitdruck ihre Profession in ein enges Korsett zwängten.

Die "Fließbandpflege" sei aber nicht die notwendige Konsequenz aus diesen Rahmenbedingungen. Wer sich individueller mit den Bewohnern und mit der eigenen Motivation beschäftige, könne auch bei unverändertem Ressourceneinsatz die Pflege menschlicher und besser machen, ist sich Langwald sicher. Sie verweist auf konstruktive und intensive Übergabegespräche der Pflegenden und eine individuellere Dokumentation der Pflegeleistung. "Das braucht weder mehr Zeit, noch mehr Geld." Im Zentrum steht hierbei der mäeutische Beobachtungsbogen. Er enthält Fragen zur Biographie, den Gewohnheiten, der Persönlichkeit und den Kontaktmöglichkeiten des Demenzkranken und zur Phase der Demenz, in der er sich befindet. Doch neben all der Methodik stehe nach wie vor der Mensch im Mittelpunkt. Und wie bei Sokrates gehe es gerade in der Pflege darum, das "Gute" zu erkennen.

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