Kreis Gütersloh/Bielefeld Missbrauch auf Video festgehalten

Fassungslosigkeit im Landgericht / Angeklagter legt zu Prozessbeginn Geständnis ab

VON PETER JOHNSEN

Kreis Gütersloh/Bielefeld. Manchen Zuhörern gelang es kaum, ihre Fassungslosigkeit zu verbergen, als Staatsanwalt Christoph Zielke gestern vor der IV. Großen Jugendschutzkammer des Bielefelder Landgerichts die Anklage gegen den 50-jährigen Bernd A. (Namen aller Betroffenen geändert) verlas. Dem Familienvater werden schwerer sexueller Missbrauch seiner bei Beginn der Übergriffe einjährigen Tochter sowie Verbreitung, Erwerb und Besitz von Kinderpornographie vorgeworfen. Zum Auftakt des Prozesses legte er ein umfassendes Geständnis ab.

Insgesamt handelt es sich um 39 Fälle, begangen in der Zeit von Januar 2005 bis November 2012 in einer Stadt im Kreis Gütersloh. Die Vorwürfe gegen A. sind derart ungeheuerlich, dass sie hier nicht detailliert dargestellt werden sollen.

Den Angeklagten zu überführen, war nicht schwer. Er hielt sämtliche Taten auf Videoclips und Fotos fest, sorgte damit selbst für die Beweise gegen sich. Zwei dieser Darstellungen soll er sogar ins Internet gestellt und zum Download freigegeben haben.

Das Internet wurde Bernd A. allerdings auch zum Verhängnis. Europaweite Ermittlungen führten die Polizei über eines der dort entdeckten Fotos auf seine Spur. Zunächst konnten Spezialisten den Tatort auf Westeuropa eingrenzen und dann immer engere Kreise ziehen. Eines Tages der Treffer: Ein Fahnder erkannte die auf dem Bild dargestellten Personen wieder.

Als diePolizei am 16. November vergangenen Jahres A.s Haus durchsuchte, entdeckten die Beamten auf mehreren Computern, Laptops, externen Festplatten, CDs und DVDs insgesamt 340.000 Dateien mit Kinderpornographie. Der Angeklagte wurde in Untersuchungshaft genommen.

Zu Prozessbeginn beantragte Rechtsanwältin Gabriele Martens, die das Opfer als Nebenklägerin vertritt, den Ausschluss der Öffentlichkeit während der Verlesung jenes Teils der Anklageschrift, in dem die Taten in allen Einzelheiten beschrieben werden. Die Kammer unter Vorsitz von Christoph Meiring lehnte den Antrag ab. Begründung: In diesem Fall habe das öffentliche Interesse an der Berichterstattung Vorrang vor den Persönlichkeitsrechten des Opfers.

Das Gericht befasste sich anschließend mit dem bisherigen Lebenslauf des Angeklagten. Er stammt aus bürgerlichen Verhältnissen, verfügt über Schulabschluss und Berufsausbildung. An seinem Wohnort führte er mit seiner Familie ein unauffälliges angepasstes Leben. Er ist nicht vorbestraft.

Bei der Verlesung der Anklageschrift verbarg Bernd A. das Gesicht häufig hinter den nervös ineinander verkrampften Händen, zeitweise standen ihm die Tränen in den Augen. "Es gibt keine Entschuldigung, Rechtfertigung oder Toleranz für das, was ich meiner Tochter angetan habe", brach es aus ihm heraus als er sich zur Sache äußern sollte. Die Anklage treffe vollkommen zu, räumte er ein.

Wie es denn dazu gekommen sei, wollte der Vorsitzende wissen. Berufliche Probleme hätten ihn aus der Bahn geworfen und "als Mensch zerrissen", so der Angeklagte. Er habe sich ins Internet geflüchtet und sei dort schließlich auf Kinderpornographie gestoßen. Dabei habe auch die "sexuelle Frustration, die ich mit mir herumtrug", eine Rolle gespielt. Es sei ihm aber auch um das Sammeln von Dateien gegangen, das zu einer Art Sucht geworden sei. "Ich habe meine Tochter nicht als Persönlichkeit wahrgenommen", bekannte Bernd A.

Bei der Erörterung der einzelnen Taten wurde die Öffentlichkeit ausgeschlossen. Der Prozess wird am kommenden Mittwoch fortgesetzt.

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