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In der Kreismusikschule demonstrierte Mechthild Brinkmeier (Mitte) mit einer Mozart-Sonate ihr Können mit Klavierlehrerin Katja Köhn. - © FOTO: RAIMUND VORNBÄUMEN
In der Kreismusikschule demonstrierte Mechthild Brinkmeier (Mitte) mit einer Mozart-Sonate ihr Können mit Klavierlehrerin Katja Köhn. | © FOTO: RAIMUND VORNBÄUMEN

GÜTERSLOH Mit Mozart durch die Nacht

Laien- und Profikonzerte, Ausstellungen und Performances prägten die Kultur-Visitenkarte der Stadt

VON ROLF BIRKHOLZ
21.05.2012 | Stand 20.05.2012, 19:06 Uhr

Gütersloh. Da lag eine Kunstgrasmatte, dort eine Bahn natürlich gewachsenen Grüns. Zwei Stationen dieser lauen Langennachtderkunst luden so mottogerecht auf ihren Abschnitt des "Kulturrasens" ein. Dieser verlockte zahlreiche Bürger auch in der 13. Auflage zu einem abendlichen Kulturrundgang, der gern mal über mehrere Runden gehen oder ein bisschen kreuz und quer verlaufen konnte: Verlaufen konnte man sich nicht, rasen sah man keinen. Und besonders viel Musik spielte diesmal mit.

Das fing schon früh an. Erst waren es drei, dann eine Gruppe von 19 Leuten, die sich zum offenen Singen an der Schule für Musik und Kunst einfanden. "Es macht einfach Spaß", freute sich Vorsänger Klaus Scharffenorth und sah, dass so vielleicht auch Ungeübte ermutigt werden. Einen Schritt weiter gingen mehr als 20 Amateure, die dem Aufruf der Musikschule für den Kreis Gütersloh gefolgt waren, mit deren Lehrern Stücke oder Lieder einzuüben und diese nun öffentlich vortrugen: "Ihr Auftritt, bitte".

Den hatten auch Musiker, die das Haus Kirchstraße 3 nach dessen vorjährigem visuellem Abbrennen akustisch wiederbelebten. Der Blick auf die Musikaufleger an den Fensterbänken ähnelte dem auf das Modern Jazz Duo Transitions 2 hinter den offenen Fenstern der Galerie Art colori, in deren Garten das Leitwort der Nacht originell zum Ausdruck kam: Katharina Wöstefeld, Carmen Cieslar und Monika Geißler hatten sich durch berühmte Gemälde von Caspar David Friedrich bis Keith Haring zu Kunstrasen im Rahmen anregen lassen, den sie zwischen echtem Grün präsentierten.

Ebenfalls dort, in seiner Kunstwerkstatt, stellte Rainer Wortmeier vier menschliche Grundtypen durch Baumscheibenobjekte dar. Was für einer mag Georg Traber sein? Ein Hektiker eher nicht. Ein Passant: "Der geborene Gerüstbauer." Seelenruhig baute der Artist - nach Jahren zum zweiten Mal in der Stadt - einen Turm aus Holzstäben auf. Und ab. Einer gewissen Seelenruhe bedarf auch Nicola Bajohrs Körpermalerei, eine "therapeutische Arbeit", wie sie sagte. Im Café Ankoné bemalte sie über Stunden und viel beäugt sorgfältig den Leib ihres Modells Martina, das dann im Farbgewand ins Freie trat.

Dort waren gelegentlich Akteure vom Spielclub des Theaters unterwegs. Sie warben für die am 23. Juni anstehende Aufführung ihres mit Christine Ruis eingeübten Stücks "1.000 Straßen - ein Reigen vom Kommen und Gehen". Ganz so viele Wege waren in der Langennachtderkunst nicht zu absolvieren, und wer pausieren wollte, konnte sich an vielen lauschigen Plätzen niederlassen, im Netzwerkhof sogar auf einem Presspappsofa. Doch selbst ein Abstecher zu Johannes Zollers erstmals beteiligter, einen Hauch abseits gelegener Atelier-Galerie war vielen nicht zu weit. Zoller, der pflanzlichen Themen gewidmete, erstaunlicherweise mit der Motorsäge gefertigte Holzschnitte des Luzerner Bildhauers Alois Hermann vorstellte, verzeichnete schon in der ersten Stunde regen Besuch.

Darüber konnten sich wohl alle Beteiligten an der wieder von Heinrich Lakämper-Lührs organisierten, inzwischen als traditionell empfunden Veranstaltung freuen: die ganz unterschiedlich der Firma Kodak verbundenen Fotoarbeiten von Franzel Drepper und Karsten Wiehe bei artvertise und Wolf Dieter Tabbert im Stadtmuseum, die laufenden Ausstellungen bei Siedenhans & Simon, im ESG oder in der Sparkasse. Auch Wolfgang Meluhns "Malen nach Zahlen", nämlich von Geld, lief gut. "Wir hatten nicht angenommen, dass so viele Leute mitmachen würden", war Beate Freier-Bongaertz vom Kunstverein "ganz überrascht" über die Resonanz auf diesen Beitrag zum bundesweiten Aktionstag "Wert der Kunst".

Und dann wieder Musik. Auch in der Apostel- wie in der Martin-Luther-Kirche, deren Apsisgewölbe als Sternenhimmel illuminiert wurde: Chorgesang von vorn und Olga Minskayas Violoncello von oben - und wie von weiter oben. Dass ein Mann trotzdem vergaß, seine Mütze abzunehmen, musste einen nicht kulturpessimistisch stimmen. Nicht in dieser Nacht, die man auf dem Balkon der Skylobby mit Blick auf die Gütersloher Skyline ausklingen lassen konnte, Melodiefetzen der damendominierten Band Fortezza im Ohr.

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