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GÜTERSLOH Nostalgische Zeitreise mit Deep Purple

Legendäre Rockband tritt in Halle auf

VON JOHANNES VETTER
05.12.2011 | Stand 05.12.2011, 08:29 Uhr
Bassist Roger Glover, am Schlagzeug "Purple"-Gründungsmitglied Ian Paice; Sänger Ian Hillan ist seit 1970 dabei. - © FOTO: CHRISTIAN WEISCHE
Bassist Roger Glover, am Schlagzeug "Purple"-Gründungsmitglied Ian Paice; Sänger Ian Hillan ist seit 1970 dabei. | © FOTO: CHRISTIAN WEISCHE

Halle. Ist Vergangenes unwiderruflich vergangen? Können alte Zeiten, nicht selten als gute Zeiten verklärt, wiedergeholt werden? Und wenn ja, wie geht das? In den verführerischen Sog derlei Fragen gerieten viele der 3.800 Rockfans am Vorabend des 2. Advents im Gerry-Weber-Stadion. Um es vorweg zu sagen: Die fünf in die Jahre gekommenen Musiker von "DeepPurple" inszenierten eine mit wilden Erinnerungen aufgeladene Zeitreise in die 70er und 80 Jahre.

Das Freiheitspathos der legendären Rockfestival – im April 1974 konnte DeepPurple beim California Jam 200.000 Menschen mobilisieren – kehrte zurück im Gewand der Nostalgie.

Information

Eine der lautesten Bands der Welt

  • Gründungsjahr von "DeepPurple" ist 1968. Von den damaligen Musikern ist heute nur noch Schlagzeuger Ian Paice (63). Sänger Ian Gillan (66) stieß ein Jahr später dazu.
  • Die Band löste sich 1978 nach internen Konflikten und etlichen Umbesetzungen auf, 1984 folgte die Neugründung.
  • Die laut Guiness-Buch der Rekorde früher "lauteste Band der Welt" hat mehr als 120 Millionen Alben verkauft .
  • Ihr Hit "Smoke on the Water", erschienen 1972, gehört zu den bekanntesten der Rock-Geschichte.

Früher zertrümmerten sie Gitarren, fackelten Verstärker ab, und das damalige Festivalpublikum kultivierte die Ekstase unter Zurhilfenahme cannabishaltiger Substanzen. Den Betagten unter den Zuhörern im Garry-Weber-Stadion wird der Duft des "Festival-Weihrauchs" – erinnerungstechnisch, versteht sich – in der Nase gekitzelt haben. Und obwohl heutzutage keine Verluste mehr an Mensch und Material zu beklagen sind – insofern war die Show unspektakulärer als "Wetten dass ..?" -, erlebten die Fans im nicht ganz ausverkauften Weber-Rund eine denkwürdige Rocknacht, die keine Wünsche offen ließ.

Ein besonderes Ensemble hatte DeepPurple im Schlepptau: 36 Musikerinnen und Musiker der Neuen Philharmonie Frankfurt, eine sinfonische Formation aus Streichern, Schlagwerk, Holz- und Blechbläsern. Es steht zu vermuten, dass der Abend ohne die sinfonische Garnitur genau so gut verlaufen wäre, denn die klassische Klangquelle verstärkte lediglich das, was als atmosphärischer Sound ohnehin von der für Deep Purple typischen Hammond-Orgel kam. Optisch war das sinfonische Engagement allerdings ein Gewinn, es wurde geswingt, gegroovt und geackert, und die Streicher hatten für die Spielpausen ansprechende Choreographien mit den Bögen eingeübt.

Was zeichnet Deep Purple aus? Sie machen keinen Hehl daraus, dass sie nicht mehr die jüngsten sind und vermeiden es klug, sich auf der Bühne wie Halbwüchsige zu benehmen. Und vor allem? Sie sind exzellente Musiker.

Ian Paice (Schlagzeug), das einzige Gründungsmitglied, ist alles andere als ein Hau-drauf-und-Schluss-Drummer. Er beherrscht das harte Rock-Fach mit grandioser Unbestechlichkeit und hält in seinem musikalischen Handwerkskasten die differenzierten Möglichkeiten des Jazz-Musikers vorrätig.

Don Alrey, seit 2002 Nachfolger von Jon Lord, ist ein kenntnisreicher, hochvirtuoser und manchmal auch augenzwinkernder Organist, der es schafft, vom französischen Kathedral-Sound umstandslos in einen schmissigen Boogie-Woogie zu wechseln, der das Know-How romantischer Klavierkonzerte in den Fingern hat, der Bach-Zitate mit Mozarts "alla Turca" konfrontiert und dabei luzide die deutsche Hymne anklingen lässt. Seine effektive "Touch-and-go-Technik" der linken Hand ist unnachahmlich.

Roger Glover (Bass), zwei Jahre nach der 68er Gründung dazugestoßen, ist beileibe kein tumber Zupfer. Mit seinen hochbeweglichen Walking-Bässen belebt er das Ensemble der Veteranen ungemein und beweist in einem grandiosen Solo im Rahmen der zweiten Zugabe, was sonst noch alles in ihm steckt.

Ian Gillan (Gesang), seit 1970 dabei und Anfang der 90er Jahre kurz anderweitig unterwegs, fügt sich mit seinem gewaltigen Stimmspektrum tadellos in den opulenten Purple-Sound ein.

Ein mehr als adäquater "Ersatz" für Ritchie Blackmore ist seit 1994 Steve Morse, der alles an der Gitarre kann. Seine Riffs sind Haupttransportmittel der Zeitreise in die ruhmreiche Vergangenheit der Rockmusik. Er kann rasend spielen wie Jimi Hendrix, er verfügt über den melancholischen Sound von Mark Knopfler, er biegt plötzlich ab ins barocke Fach, er steckt voller Esprit.

Die "Oldies" – "Highway Stars" oder "Strange kind of woman" – klingen frisch und wie neu geschaffen; seelenlose Routine stellt sich nie ein. Konfektionsware kennt Deep Purple nicht. "Smoke on thewater" – unsterblicheMusik. Spätestens hier hatte sich das Stadion aus einer Kulturstätte mit Konzertbestuhlung in einen brodelnden Rockpalast verwandelt.

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