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Hans-Dieter Musch (77) hält das von ihm verfasste Buch. In einer Auflage von 1.200 Stück erschienen, ist es ab heute im Handel erhältlich. Die Bildwand hinter ihm zeigt eine alte Aufnahme aus dem Flöttmann-Druckhaus. - © FOTO: LUDGER OSTERKAMP
Hans-Dieter Musch (77) hält das von ihm verfasste Buch. In einer Auflage von 1.200 Stück erschienen, ist es ab heute im Handel erhältlich. Die Bildwand hinter ihm zeigt eine alte Aufnahme aus dem Flöttmann-Druckhaus. | © FOTO: LUDGER OSTERKAMP

GÜTERSLOH Ein Buch voller Erinnerungen

Flöttmann-Verlag und Hans-Dieter Musch stellen einen Erzählband aus Gütersloh vor

VON LUDGER OSTERKAMP
03.12.2011 | Stand 02.12.2011, 19:55 Uhr

Gütersloh. Wie war das damals, als man im Wapelbad schwimmen lernte? Als die Babys in der Murken-Klinik zur Welt kamen? Als Roberto Blanco die Modenschau des Kaufhauses Wiesenhöfer auflockerte und die Live-Musik noch Kapelle hieß? Spannend und im Aufbruch begriffen war es damals - liest man das neue Buch von Hans-Dieter Musch.

Seit gestern liegt es in den heimischen Buchhandlungen aus. Es heißt "Weißt Du noch?", und der Titel ist stimmig, weil es genau darum geht: Um Gütersloher, die sich an ihre alte Stadt erinnern, an frühere Begegnungen und Begebenheiten, und um Menschen, die lebendig davon zu erzählen wissen.

"Dieses Buch ist ein Stück Heimat auf 176 Seiten", sagte Markus Corsmeyer vom Flöttmann-Verlag. Es treffe den Nerv, denn das Interesse an Stadtgeschichte und an früheren Zeiten sei gewachsen, auch bei jungen Leuten. "Heimat ist wieder in", sagte Corsmeyer. Viele Gütersloher hätten sehnsüchtig auf dieses Buch gewartet; in hochwertiger Qualität, gestaltet von Mohn Media, bündelt es die Beiträge, die Musch 2006 bis 2010 für das Stadtmagazin GT-Info verfasst hat. Ergänzt ist es um weitere Fotos aus dem Fundus des Stadtarchivs sowie um Geschichten, die in dieser Form bislang nie erschienen sind - etwa jene über den "katholischen Heinrich und das Gütersloher Bier" oder jene über die 86 Jahre währende Weinpatenschaft mit Lorch.

"Die Gütersloher haben mir ihr Herz geöffnet", sagte Musch. "Sie haben mich freundlich empfangen und mir ihre Erinnerungen geschenkt." Es seien Geschichten entstanden, die viel über Gütersloh und seine Menschen aussagten. Susanne Zimmermann, Sprecherin der Stadt, sprach von "Oral history", erzählter Geschichte, einem auch in der Wissenschaft legitimen Ansatz.

Mit rund 100 Güterslohern hat Musch geredet. Mit Friedrich-Wilhelm Demuth etwa, dem ehemaligen Inhaber der Domhofdestillerie Carl Stahl. Demuth erzählte ihm, welch guten Tauschwert die Flasche Schnaps in der Nachkriegszeit hatte, Manfred Werner und Brunhild Tarnowski (geb. Diekmann) berichten davon, wie gesittet es einst in den Anstandskursen der Tanzschulen zuging, und Albrecht Diekötter weiß zu berichten, dass es die Nylonstrümpfe aus Amerika schwer hatten, sich gegen die vermeintlich haltbareren deutschen Perlonstrümpfe durchzusetzen.

Auch Firmengeschichten enthält das Buch. Über Miele beispielsweise. Der ehemalige Mitarbeiter Gottfried Nieweg kennt eine Anekdote, die die Sparsamkeit Carl Miele juniors belegt. "Wenn Miele auf dem Hof eine Schraube fand, ging er zum nächsten Meister und gab sie ihm mit der Bemerkung, die könne er sicher noch mal brauchen!"

Gut zu lesen sind auch die Geschichten über die Interzonenspedition Georg Müller Gütersloh - Berlin und das Sägewerk von Willy Ruhenstroth (Wirus). Dessen Enkel Dr. Gerd Voß berichtet, dass Ruhenstroth nach einem Jagdunfall seines Vaters mit 16 Jahren die Schule am ESG abbrechen musste und in die Verantwortung für das Unternehmen genommen wurde.

Erstaunlich auch: Gerade mal 32 Jahre ist es her, dass in Gütersloh das erste Straßencafé eröffnete. Am 8. Mai 1979 war’s, als die Konditorei Schmäling Tische und Stühle auf die Berliner Straße stellte, zum Argwohn vieler Bürger und erst recht der Feuerwehr. Die ließ prompt nachmessen, ob denn noch die Löschautos durchkamen, sagt Brunhilde Schmäling, Chefin des Cafés.

Indem er die Alt-Gütersloher erzählen lässt, gibt Musch diesen Geschichten ihren Platz. "Solche Anekdoten sagen oft mehr über eine Stadt aus als alle Jahreszahlen", sagt der 77-Jährige. Schwergefallen sei ihm, dem 1978 aus Schwaben zugezogenen Neubürger, nur die mitunter komplizierten Gütersloher Verwandtschaftsverhältnisse zu durchblicken. "Ich bin nun mal nicht von hier wech. Heimat ist es mir und meiner Frau trotzdem geworden."

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