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Gütersloh Ein Dom in klein

Stadtmuseum präsentiert eine Ausstellung zu 150 Jahre Martin-Luther-Kirche

VON LUDGER OSTERKAMP
19.05.2011 | Stand 18.05.2011, 20:13 Uhr
Pfarrer Andreas Walczak-Detert, Museumsleiter Dr. Rolf Westheider, Heimatvereinsvorsitzende Renate Horsmann (mit Luther-Büste) und Historiker Martin Wernekenschnieder stehen an einem Modell der zentralen Gütersloher Innenstadtkirche. - © FOTO: RAIMUND VORNBÄUMEN
Pfarrer Andreas Walczak-Detert, Museumsleiter Dr. Rolf Westheider, Heimatvereinsvorsitzende Renate Horsmann (mit Luther-Büste) und Historiker Martin Wernekenschnieder stehen an einem Modell der zentralen Gütersloher Innenstadtkirche. | © FOTO: RAIMUND VORNBÄUMEN

Gütersloh. Fachwerk, wohin man blickt. Das Gütersloh um 1900 bot in der mittleren Berliner und in der Kökerstraße einen Anblick puren Idylls - und mittendrin in diesem romantischen Dorf stand einen Kirchenbau, so groß wie ein Dom. Im Stadtmuseum ist ab heute ein Modell davon zu sehen.

Gefertigt hat es der Gütersloher Modellbauer Norbert Jebramcik. Die Miniatur im Maßstab 1:87, sie ist der Hingucker einer neuen Museumsausstellung, die sich mit der Martin-Luther-Kirche beschäftigt und Teil des Veranstaltungsprogramms rund um das 150-jährige Bestehen der Kirche ist; die Ausstellung wird heute Abend um 19.30 Uhr eröffnet.

Jebramcik ist 49 Jahre alt und als Mediengestalter bei Mohn Media beschäftigt. Bei der Präsentation der Ausstellung gestern im Museum konnte der Mediengestalter nicht dabei sein - er ist zurzeit in Urlaub. Doch der Basteleifer, den Jebramcik in den vergangenen Monaten bei der Herstellung des Modells an den Tag gelegt haben muss, ist in jedem Detail zu spüren.

Das Diorama mit den filigranen Nachbauten der beiden Straßenzüge rekonstruiert eine Szene, wie sich dem Betrachter um 1900 dargestellt haben mag. Der Pfarrer steht im Portal des Kircheneingangs, vor ihm sind einige Gläubige aus dem Gotteshaus herausgetreten. Sie passieren den Backsteinbau der ehemaligen Fleischerei Sewerin (die später an die Kahlertstraße umzog, dorthin, wo heute der Media Markt steht), das Hamburger Engros Lager, den Fachwerkkranz rund um die Kirche und das historische, 1971 abgerissene Rathaus. Aus 1,5 Millimeter starkem Karton hat Jebramcik diese Szene mit einem Skalpell herausgeschält, hat sie mit Schere, Kleber, Pinsel und Farbe bearbeitet und insgesamt die Anmutung eines Kirchdorfes geschaffen, das wie durch ein Wunder an ein viel zu großes Gottesdienstgebäude geraten ist.

"Was die Gütersloher Protestanten damals gestemmt haben, ist erstaunlich", sagte Museumsleiter Dr. Rolf Westheider. Eine aufstrebende, aber noch kleine Stadt, ermuntert durch die Erweckungsbewegung ihres Pfarrers Johann Hinrich Volkening und mit Bürgern voller nazarenischer Frömmigkeit, hatte sich getraut, einen Kirchenbau von gewaltigen Maßen mitten in ihr Zentrum zu setzen. Mit diversen Schrifttafeln und Ausstellungsstücken versucht die Museumsschau nachzuvollziehen, wie es dazu kommen konnte.

Entstanden in enger Zusammenarbeit der evangelischen Gemeinde Gütersloh und der ev. Kirche von Westfalen gibt die Ausstellung einen Einblick in die Bau- und Kunstgeschichte der Kirche und in den stadtgeschichtlichen, sozialen Kontext. Bauzeichnungen sind zu sehen, es gibt Erläuterungen etwa zu Orgel, Altargemälde, Taufengel, zum Architekten Christian Heyden, zum Baustil der Neugotik und zur Erweckungsbewegung.

"Für Gütersloh war der Bau dieser Kirche von epochaler Bedeutung", sagte Stadtkirchenpfarrer Andreas Walczak-Detert. Gütersloh habe damit seinen Ruf als geistiges Zentrum der Protestanten gefestigt. Westheider sprach von "gebautem Selbstbewusstsein". Mit der "Neuen Kirche", so hieß sie damals, hatte sich die protestantische Bewegung endgültig emanzipiert, sich losgelöst vom Simultaneum mit der katholischen Kirche in der Apostelkirche, die fortan nur noch die "Alte Kirche" war. Erst 1890 erholten sich die Katholiken mit dem Bau der stattlichen Pankratiuskirche jenseits der Dalke in der ehemaligen Bauernschaft Kattenstroth von diesem baulichen Schisma.

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