Julia Hansen spielte den zwiespältigen Charakter der "Evita" Perón facettenreich aus. - © FOTO: MATTHIAS GANS
Julia Hansen spielte den zwiespältigen Charakter der "Evita" Perón facettenreich aus. | © FOTO: MATTHIAS GANS

GÜTERSLOH Kritisch statt opulent

Deutsches Theater Göttingen spielt "Evita" im ausverkauften Theater und erntet langanhaltenden Beifall

VON MATTHIAS GANS

Gütersloh. "Spendengelder fließen", singt der Chor. Zum guten Zweck, denn Präsidentengattin Eva Perón sammelt für die Menschen, die so arm sind, wie sie es einst war, bevor sie Evita wurde. Tatsächlich zweigt sie sich etwas vom guten Geld für den eigenen Unsummen verschlingenden Haushalt ab. "Doch einer Heiligen schaut man nicht auf die Finger."

Lässt sich das schillernde Leben einer so umstrittenen Person wie Eva Perón, ja der Perónismus, überhaupt als Musical darstellen? Diese Frage stellt sich 32 Jahre nach der Uraufführung dieses Klassikers von Andrew Lloyd Webber (Musik) und Tim Rice (Text, Übersetzung: Michael Kunze) nicht mehr. Denn zu sehr wartet man in diesem durchkomponierten Stück auf jenen einen Moment, in dem Evita das "Wein nicht um mich, Argentinien" singt. Ein Rührstück. Doch mehr braucht es zum Musicalglück nicht.

Dabei wollten Webber und Rice ein durchaus kritisches, die widersprüchlichen Facetten ihrer Titelfigur erfassendes Werk schreiben. In der Produktion des Deutschen Theaters in Göttingen, einem reinen Sprechtheater, werden diese Absichten wieder schärfer ins Auge genommen. Purem Ausstattungspomp setzt Regisseur Tobias Bonn reduzierte Mittel entgegen. Das bedeutet nicht, dass es an Schauwerten mangeln würde. Die Bühne (Ausstattung: Stephan Prattes), zumeist als Palast gekennzeichnet, wirkt durchaus opulent. Mit nur zehn engagierten Schauspielern und einer klein, aber trefflich besetzten Band (Leitung: Hans Kaul), inszeniert er den Aufstieg und Fall der Eva Duarte, die zu beiderseitigem Nutzen den argentinischen Präsidenten heiratet und dabei immer mehr ihre eigenen Vorsätze vergisst.

Julia Hansen gibt diese Frau fürs Gute und Große kämpferisch als herbe Schöne, die durchaus auch ihre Krallen ausfahren kann, wenn sie das Ausland oder die Presse schlecht behandelt. Als starker Gegenpart mimt Hans-Caspar Gattiker "Che" Guevara. Historisch unkorrekt, denn beide haben sich nie getroffen, doch als moralisches Korrektiv unabdingbar, entwickelt sich doch in dieser Konstellation erst das ganze Konfliktpotenzial des Stückes. Johannes Granzer gibt den Perón wohl präsidial, aber für einen Diktator eine Spur zu freundlich. Dass die anderen Schauspieler nicht nur das Volk, das Militär oder Aristokraten, also Massen zu bilden haben, ist kein Nachteil. Wohl aber, dass die Choreographien zuweilen doch eher laienhaften Charme besitzen. Insgesamt kann die Inszenierung jedoch in ihrem Ansatz wie in ihrer Ausführung überzeugen und wurde vom Publikum im ausverkauften Theater entsprechend mit lang anhaltendem Beifall honoriert.

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