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"Mehr Konstanz vonnöten"

INTERVIEW: Ingo Engelmeyer zur geplanten Klinik-Holding und den Kräfteverhältnissen am Ort

25.08.2009 | Stand 24.08.2009, 20:01 Uhr
Ingo Engelmeyer vor dem neuen Ärztehaus am Städtischen Klinikum, das seiner Ansicht nach auch eine optische Bereicherung des Klinik-Umfelds darstellt. - © FOTO: RAIMUND VORNBÄUMEN
Ingo Engelmeyer vor dem neuen Ärztehaus am Städtischen Klinikum, das seiner Ansicht nach auch eine optische Bereicherung des Klinik-Umfelds darstellt. | © FOTO: RAIMUND VORNBÄUMEN

Gütersloh. Er hätte gern weiter gemacht. Aber die Politik hat ihm eine Vertragsverlängerung verweigert. So verlässt Ingo Engelmeyer am Ende dieses Monats das Städtische Klinikum, dessen Geschicke er in den vergangenen, oft turbulenten viereinhalb Jahren entscheidend mit geleitet hat. Im Gespräch mit NW-Redakteur Rainer Holzkamp zieht der 51-Jährige kritisch Bilanz und beschreibt, welche Perspektiven das Klinikum seiner Ansicht nach besitzt.

Herr Engelmeyer, verlassen Sie nach dem Hickhack mit der Politik das Klinikum im Groll?
INGO ENGELMEYER: Davon kann keine Rede sein. Ich habe bis zum Schluss bewiesen, dass ich gern hier arbeite. Das mache ich ja auch im Wesentlichen für die Mitarbeiter und für die Patienten.

Was waren die Gründe dafür, dass Sie ihre Arbeit nicht fortsetzen sollen?
ENGELMEYER: Wenn ich das wüsste, dann könnte ich für meine weitere berufliche Entwicklung Lehren und Konsequenzen ziehen. Ich muss aber gestehen, dass ich die wahren Gründe bis heute nicht kenne. Ich vermute, dass die Politik nicht weiß, was sie mit dieser Entscheidung, unabhängig von meiner Person, getan hat.

Das hört sich ziemlich besorgniserregend an.
ENGELMEYER: Das Prinzip "Hire and fire", wie wir es von der Fußball-Bundesliga her kennen - also der Trainer muss weg, damit die Mannschaft endlich wieder funktioniert - wird immer mehr auch auf die Wirtschaft übertragen. Ich bezweifle, dass das die Lösung ist. Und noch ein weiterer Vergleich mit dem Sport: Wenn Sie mitten im Marathon den Läufer aus dem Rennen nehmen, fängt der Neue wieder bei Null an. Das gilt auch für die Leitungsfunktion in diesem Haus.

Haben Sie sich denn irgend etwas vorzuwerfen?
ENGELMEYER: Wenn, dann dies: Ich habe zu wenig den Kontakt zur Politik gesucht. Da hätte ich öfter auf die Ausschussmitglieder zugehen sollen, um die Gedanken der Betriebsleitung darzustellen, um die Politiker mitzunehmen. So gab es wohl in erster Linie ein Kommunikationsproblem. Meinem Nachfolger wünsche ich, dass auch von der anderen Seite öfter der Dialog gesucht wird als bisher. Es reicht nicht, wenn einzelne Aufsichtsratsmitglieder sich mit einzelnen Chefärzten unterhalten, die an einer Stelle mal unglücklich sind, und dies dann zu einem Gesamtbild formen. Entscheidend ist vielmehr, dass mit der Betriebsleitung gesprochen wird. Denn nur die sieht das Haus als Ganzes.

Wo sehen Sie ihre Erfolge in den vergangenen Jahren?
ENGELMEYER: Da gibt es Einiges vorzuweisen. Wir haben das Krankenhaus als gesamte Einheit zertifiziert, und wir haben einige Zentren eingerichtet: Das Gefäß-, das Brust- und das Prostatazentrum; das Darmzentrum wird aufgebaut. Das zeigt, dass dieses Haus eine Schwerpunktversorgung gewährleistet. Nicht nur stationär, sondern auch in enger Abstimmung mit jeweiligen niedergelassenen Ärzten. Zudem haben wir am Haus neben der onkologischen weiteren Praxen etabliert. Da ist die Nuklearmedizin, da ist die Strahlentherapie und, bedingt durch die Inbetriebnahme des Ärztehauses auch eine endokrinologische Praxis, und weitere für Gynäkologie, Neurologie und Anästhesiologie werden folgen. Nicht zu vergessen die Apotheke.

Aber beim Ärztehaus sind Sie nur sehr schleppend vorwärts gekommen.
ENGELMEYER: Die Probleme waren in erster Linie organisatorischer Art. Wäre kein Investor dazwischen geschaltet gewesen, sondern hätte das Klinikum den Bau selbst übernommen, wären die Wege kürzer gewesen. An mir lag es mit Sicherheit nicht.

Welche Ziele haben haben Sie nicht erreicht?
ENGELMEYER: Wir wollten das Krankenhaus nicht nur um das neue Bettenhaus, sondern stets insgesamt erweitern. Dazu sollte der Altbau um den Eingang herum abgerissen und durch einen neuen Trakt ersetzt werden. Mit den neuen vom Land eingeführten Baupauschalen wird das schwierig. Es ist jetzt zu klären, wie sich der unerlässliche Neubau finanzieren lässt. Gebaut werden muss ohne jede Frage, denn es gibt noch einige räumliche Engpässe.

Wie ist das Haus sonst aufgestellt im Vergleich mit den Wettbewerbern?
ENGELMEYER: Das Haus ist gut aufgestellt, ohne Wenn und Aber. Wir verfügen über mehrere Schwerpunkte in der chirurgischen und Inneren Medizin, in der Urologie und der Strahlentherapie. Das sind Dinge, die weit über das Angebot eines Grund- und Regelversorgungskrankenhauses hinausgehen. Wir nennen uns ja auch regionaler Schwerpunktversorger. Nicht zuletzt deshalb konnten wir die Patientenzahl seit 2005 von 14.500 auf 18.000 im Jahr 2008 steigern.

Wo gibt es Nachholbedarf?
ENGELMEYER: Was uns fehlt, ist die Pädiatrie (Kinderheilkunde). Da müssen wir kooperieren, in dem Fall mit Bielefeld. Und was wir ebenfalls nicht anbieten, ist die Hochleistungsmedizin in neuro- und herzchirurgischer Versorgung, aber auch da bestehen Kooperationen.

Und wie steht es um die Finanzen?
ENGELMEYER: Aufgrund der Ausweitung der Budgets verzeichnen wir seit 2006 positive Jahresergebnisse. Wäre uns 2005 darüber hinaus der gleiche Basisfallwert wie dem Elisabeth-Hospital zugestanden worden, hätten wir einen Gewinn von insgesamt 20 Millionen Euro verzeichnet.

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