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Dr. Gerhard Nübel (l.) und Dr. Bernd Meißnest von der LWL-Klinik Gütersloh, die gestern in der Stadthalle Teilnehmer aus ganz Deutschland zum Symposium begrüßten. - © FOTO: RAIMUND VORNBÄUMEN
Dr. Gerhard Nübel (l.) und Dr. Bernd Meißnest von der LWL-Klinik Gütersloh, die gestern in der Stadthalle Teilnehmer aus ganz Deutschland zum Symposium begrüßten. | © FOTO: RAIMUND VORNBÄUMEN

Für mehr Lebenslust im Alter

400 Teilnehmer beim 14. Gerontopsychiatrischen Symposium

VON RAINER HOLZKAMP
23.04.2009 | Stand 22.04.2009, 20:56 Uhr

Gütersloh. Gerhard Nübel blickt in die am Tisch versammelte vierköpfige Runde. Und er schaut er keineswegs traurig drein, als er nüchtern feststellt: "Die Chance, dass mindestens einer von uns irgendwann an Demenz erkrankt, sind beträchtlich." Für den 53-Jährigen wäre das offenbar kein Drama: "Ist doch gar nicht so schlecht, die Aussicht: Sie stehen morgens auf und machen sich keine Sorgen, was der Tag bringt. Stattdessen können Sie alles Lustvolle einfach genießen."

Was sich für manch einen möglicherweise wie eine provozierende, überspitzte Darstellung anhört, der Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie in der Gerontopsychiatrischen Ambulanz der LWL-Klinik, meint das ganz ernst. "Wir reden meistens über Leid und Einschränkungen und unterhalten uns viel zu selten über das Positive im Alter." Das war zumindest gestern anders.

Einen Tag lang stand beim 14. Gerontopsychiatrischen Symposium der LWL-Klinik das Thema "Den Jahren Leben geben – Lebenslust im Alter" im Mittelpunkt. Bei der bundesweit größten Fortbildungsveranstaltung dieser Art beschäftigten sich 400 Teilnehmer – Ärzte, Pflegepersonal, Sozialarbeiter, Ehrenamtliche – mit Anstößen für mehr Wohlbefinden sowie Lebensqualität und -genuss in Alteneinrichtungen. Zu den Referenten gehörten namhafte Experten wie der Nervenarzt und katholische Theologe Dr. Manfred Lütz (Köln) und die Hamburger Diplom-Psychologin Dr. phil. Kirsten von Sydow.

Dr. Gerhard Nübel berichtete von internationalen Bildungsreisen, unter anderem nach Dänemark. Als beispielhaft stellte er die im gesamten Land etablierten Aktivitätszentren vor, die diverse Wohn- und Hilfsangebote für alten Menschen unter einem Dach vereinen.
Beim Nachbarn im Norden sei es sei zudem üblich, dass Mitbürger kurz nach Vollendung des 65. Lebensjahrs Besuch von Mitarbeitern der Aktivitätszentren bekommen. In Gesprächen wird neben den Lebensumständen abgeklopft, ob und welche Wünsche nach Unterstützung bestehen.

Nübel hält solche Modelle für zukunftsweisend, auch als Standortfaktor für die Unternehmen. Für Arbeitnehmer komme es immer mehr auch darauf an, ihre pflegebedürftigen Eltern gut versorgt zu wissen. "Es geht keineswegs nur um Kindergartenplätze."

Damit sich alte Menschen wohlfühlen, sei eine flächendeckende wohnortnahe Versorgung unerlässlich, betont der Fachmann und schickt ein dickes Lob hinterher: Der Kreis Gütersloh sei hinsichtlich der Tagespflegeangebote und der Vernetzung der verschiedenen Einrichtungen vorbildlich aufgestellt. "Schon in Paderborn und Herford sieht es längst nicht so gut aus wie hier", sagt Nübel. Er plädiert zugleich dafür, dass derartige Belange auch hierzulande in der Stadtplanung verstärkt berücksichtigt werden.

Aber auch was die stationäre Betreuung in Krankenhäusern und Altenheimen angeht, gebe es zahlreiche Möglichkeiten, den Bewohnern mehr Lebenslustzu verschaffen, so die Überzeugung des Chefarztes der Gerontopsychiatrie der LWL-Klinik, Dr. Bernd Meißnest. Beispielsweise schon mit der Essen-Darreichung (am Büfett statt mit vorgesetzten Tabletts).

Meißnest hält zudem offenere Diskussionen unter Mitarbeitern, aber auch mit den Angehörigen zum Thema Sexualität für erforderlich. Etwa wenn die demente Ehefrau, die ihren eigenen Mann nicht mehr erkennt, die intime Nähe zu einem anderen Partner sucht. "Was lassen wir zu, und was nicht?" Eine Frage, auf die auch der Chefarzt keine pauschale Antwort gibt.
    

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