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Der neunjährige Rasmus zeigt stolz eine Möhre, die er aus der Erde gezogen hat. Vater Daniel Mooz (von links), seine Frau Maren mit Leander und Jonatan freuen sich über die gute Ernte. - © Anja Hustert
Der neunjährige Rasmus zeigt stolz eine Möhre, die er aus der Erde gezogen hat. Vater Daniel Mooz (von links), seine Frau Maren mit Leander und Jonatan freuen sich über die gute Ernte. | © Anja Hustert

Gütersloh Hier wird zusammen geackert - Gütersloher gärtnern gemeinschaftlich

Im Gemeinschaftsgarten Hollen wird jeden Samstag fleißig gepflanzt, gehackt und geerntet. Es darf auch experimentiert werden. Zum Abschluss wird gemeinsam gegessen.

Anja Hustert
21.08.2022 , 12:00 Uhr

Gütersloh. „ Ich hab‘ eine!“ „Ich auch!“ Rasmus (9) und Jonatan (6) stehen im Gemüsebeet und überbieten sich gegenseitig beim Sammeln der kleinen schwarzgelben Raupen. Und auch der kleine Bruder Leander (3) weiß schon, dass er auf den Blattunterseiten des Wirsings gucken muss, um die hungrigen kleinen Tiere vom Grün zu pflücken. Raupe um Raupe landet in einer eckigen weißen Tupperdose. „Die lassen wir dann entfernt vom Kohlbeet wieder frei“, sagt Vater Daniel Mooz. Gemeinsam mit seiner Frau Maren kommt er mit den Kindern samstags nach Hollen, um in dem Gemeinschaftsgarten mitzuarbeiten. „Rasmus weiß schon genau, was zu tun ist“, erzählt er. Und natürlich lernen die Kinder auch, dass aus den vielen kleinen Raupen irgendwann Schmetterlinge werden – Kohlweißlinge eben.

Ein paar Reihen weiter ist Ina Krämer-Schiedel dabei, Unkraut aus einem Beet mit Bohnenpflanzen zu zupfen. „Die Bohnen habe ich vor zwei Wochen erst gelegt“, erzählt sie begeistert und zeigt auf die Reihe mit gut zehn Zentimeter großen Pflanzen. „Jetzt kann ich das Glas auch wegnehmen“, sagt sie. Der Zettel „Bohnen!“ in dem Einmachglas sollte den Mitgärtnern zeigen, dass sie nicht vor einem leeren Beet stehen, sondern dass hier schon jemand fleißig war. So wie ihr Ehemann Rudolf, der gerade mit der Gießkanne eine hellbraune Flüssigkeit über die Porreepflanzen verteilt. „Brennnessel-Jauche“, sagt er, „das düngt.“ Der 56-Jährige, der sich bei den Linken in Gütersloh engagiert, ist seit einiger Zeit Veganer. „Wir haben hier ein veganes Feld“, erzählt er. Also werde es nicht, wie die anderen Beete, mit Mist gedüngt.

Eine ältere Dame stellte ihren Garten zur Verfügung

Es ist eine Idylle hier in Hollen: Die Sonne scheint vom blauen Himmel, Insekten schwirren durch die Luft, Ringelblumen blühen, Apfelbäume lassen ihre schweren Zweige nach unten hängen. „Wir sind im Moment zwölf Erwachsene und drei Kinder, die sich hier zum gemeinsamen Gärtnern treffen“, erzählt Carsten Mey. Seit mehr als zehn Jahren gibt es den Gemeinschaftsgarten Hollen am Rande des Naturschutzgebietes, der auf Initiative von Mitgliedern des Vereins Fairleben entstand. Margarethe, eine ältere Dame, hat ihr kleines Paradies zur Verfügung gestellt, weil sie es alleine nicht mehr bewirtschaften kann. Mey ist Gemüsegärtnermeister im Ruhestand und steht seinen Gartenfreunden gerne mit Rat und Tat zur Seite. „Hier kann ich mich jetzt austoben“, erzählt er schmunzelnd.

Carsten Mey fährt mit der Radhacke durch die Gemüsereihen. So kann er Unkraut jäten und anhäufeln in einem Arbeitsgang. Seine Frau Friederike Winkler-Mey ist ebenfalls ein Garten-Fan. - © Anja Hustert
Carsten Mey fährt mit der Radhacke durch die Gemüsereihen. So kann er Unkraut jäten und anhäufeln in einem Arbeitsgang. Seine Frau Friederike Winkler-Mey ist ebenfalls ein Garten-Fan. | © Anja Hustert

Immer wieder samstags trifft sich die Gruppe im Garten. „Um elf“, erzählt er. Gemeinsam gehen sie die Beete entlang, die von schmalen Graswegen abgetrennt werden, und überlegen, was an diesem Tag zu tun ist. Dann heißt es „Auf die Beete, fertig, los.“ „Es gibt keine festen Regeln“, betont der Gärtnermeister. „Einige krauten gerne. Wieder andere pflanzen gerne.“ Und Maria Wickern sei „Spezialistin an der Radhacke, da merkt man, dass sie auf einem Hof groß geworden ist“, sagt Mey mit einem Augenzwinkern. Mit dem Gerät, ähnlich einem kleinen Pflug, kann das Unkraut zwischen den Gemüsereihen umgeworfen werden. Der kleine Wall, den die Radhacke links und rechts zurücklässt, dient entweder als neuer Pflanzhügel oder zum Anhäufeln der Pflanzen. „Wir versuchen, so effektiv wie möglich zu sein. Schließlich sind wir nur einmal die Woche im Garten“, erzählt Mey.

Kinder ernten begeistert Karotten

Es darf auch experimentiert werden. Mit Heukartoffeln zum Beispiel. „Da werden die Kartoffeln einfach auf die Erde gelegt und mit einer dicken Schicht Heut zugedeckt. „Nach etwa sechs Wochen wachsen die Kartoffeltriebe durch das Heu, und die ersten Blättchen entfalten sich. Ein Heubeet macht wenig Arbeit, denn kaum ein Beikraut schafft es, durch die Mulchschicht hindurchzuwachsen. Sollten dennoch Wildkräuter sprießen, lassen sie sich ganz leicht herausziehen“, erzählt Friederike Winkler-Mey. Die Kindergärtnerin hat schon immer gerne gegärtnert und teilt nun im Ruhestand mit ihrem Mann die Leidenschaft für’s Grüne. Wenn das Laub der Heukartoffeln abstirbt, kann geerntet werden. Dafür wird einfach das Heu beiseite gezogen und darunter kommen die Kartoffeln zum Vorschein.

„Das Ernten ist das Beste“, sagt Rasmus, als er nach seiner Lieblingsbeschäftigung im Garten gefragt wird. Gemeinsam mit seinen Eltern und Geschwistern kniet er auf der Erde und zieht kräftig am Grün. Eine dicke Möhre kommt zum Vorschein. Und noch eine, geformt wie ein Männchen mit zwei Beinen. Und die nächste, rund und knollenförmig. Alle Möhren kommen in einen schwarzen Eimer, der dann auf einen Tisch unter den großen Baum gestellt wird. „Am Ende des Gartentages nimmt sich dann jeder das mit, was er möchte“, erzählt Daniel Mooz, der sich auch ein paar Blätter Grünkohl beiseitegelegt hat. Grünkohl? Muss der nicht erst Frost haben? „Den kann man jetzt auch schon essen“, versichert der Hobbygärtner. „Ich versuche mich gerade im Fermentieren.“ Seitdem Rasmus zwei Jahre alt ist, kommt die Familie zum Gärtnern nach Hollen. „Wir haben selber keinen Garten“, erzählt seine Mutter. Und für die Kinder sei es schön, dem eigenen Gemüse beim Wachsen zuzusehen. „Sie haben ein ganz anderes Bewusstsein für Lebensmittel“, sagt Maren Mooz. So habe sich Rasmus jetzt überlegt, dass er möglichst vegan leben möchte, um das Klima zu schützen. Ein Anliegen, dass einige der Gemeinschaftsgärtner teilen.

Am Ende wird gemeinsam gegesssen

Für die meisten ist der Samstag im Gemeinschaftsgarten eine Auszeit vom Alltag. An der frischen Luft etwas mit den Händen schaffen, ins Grüne schauen, Gleichgesinnte treffen, die Natur den Takt vorgeben lassen. "Gemeinschaft als Gegenbild zur Spaltung der Gesellschaft", sagt Mey. Ganz nebenbei vermittelt er auch noch das ein oder andere Wissenswerte über die Pflanzen und biologische Bewirtschaftung – Learning by doing. „Wir haben auch eine Wildblumenwiese angelegt“, zeigt Rudi Schiedel. Ein Imker hat seine Kästen gleich nebenan hingestellt.

Highlight eines jeden Gartentags ist das gemeinsame Essen. Dann sitzen alle um einen großen Tisch unter Bäumen und probieren die Kreationen, die sich aus den Produkten ihres Gartens zaubern lassen. „Eine große Schüssel Salat gibt es immer“, sagt Ina Krämer-Schiedel. „Wir tauschen auch Rezepte aus“, erzählt Maren Mooz, die die Marmelade aus den selbstgeernteten weißen Johannisbeeren empfiehlt. Frisches selbstgebackenes Brot hat sie auch mitgebracht. „Anja ist unsere Rohkost-Beauftragte – bei der meine Frau und ich sogar in Spanien mal ein Semiar besucht. Und Maria bringt meistens tolle Brotaufstrich mit“, erzählt Carsten Mey, während er sich einen Löffel von dem Kartoffel-Gemüseauflauf auf den Teller legt. Guten Appetit. www.fairlebengt.de

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