0
Der Bestsellerautor Marc Elsberg beim Interview im Parkhotel. - © Andreas Frücht
Der Bestsellerautor Marc Elsberg beim Interview im Parkhotel. | © Andreas Frücht

Gütersloh Bestseller-Autor warnt in Gütersloh: „Unsere Gesellschaft driftet auseinander“

Seit seinem Katastrophenthriller „Blackout“ landet der österreichische Schriftsteller Marc Elsberg einen Erfolg nach dem anderen. Die NW hat ihn in Gütersloh getroffen.

Oliver Herold
09.11.2019 | Stand 08.11.2019, 16:25 Uhr
Nicole Hille-Priebe

Gütersloh. Der österreichische Autor Marc Elsberg legt mit seinen Krimis gerne den Finger in aktuelle gesellschaftlichen Wunden. Ob „Blackout", „Zero" oder „Helix" – immer packt er globale Bedrohungen in eine spannende Handlung. Jetzt las er in der 50. Ausgabe der Bertelsmann-Reihe „Belesen" im ausverkauften Bambi-Kino aus seinem aktuellen Thriller „Gier – Wie weit würdest du gehen". Herr Elsberg, in „Gier" geht es um die mörderische Jagd nach einer wirtschaftlichen Formel, mit deren Anwendung das Prinzip der Kooperation statt Konkurrenz zum Wohlstand aller Menschen weltweit führen würde. Brauchen wir eine grundsätzliche Diskussion über unser Werte-, Wirtschafts- und Finanzsystem? MARC ELSBERG: Nein, wir brauchen keine grundsätzliche Diskussion. Aber wir müssen über deutliche Justierungen innerhalb dieses Systems nachdenken. Können Sie das konkretisieren? ELSBERG: Ich bin weder ein Anti-Kapitalist, noch bin ich für irgendeinen „Ismus", ob der nun Faschismus, Kommunismus oder anders heißt und Gleichmacherei verspricht. Aber wir merken, dass unsere Gesellschaft in vielerlei Hinsicht immer mehr auseinanderdriftet, etwa bei der Vermögensverteilung, bei politischen Ansichten und radikalen Einstellungen. Ob Stadt/Land, Autofahrer/Radfahrer/Fußgänger, alt/jung – da brauchen wir wieder ein bisschen mehr Konsensfähigkeit in der Gesellschaft. Hinzu kommt, dass die Leute immer mehr die berechtigte Sorge haben, dass sie in diesem System nicht mehr gut aufgehoben sind. Dafür gibt es Gründe, die man beheben könnte und darüber müsste man schon diskutieren. Wir feiern in diesen Tagen 30 Jahre Mauerfall. Hat man damals die Chance für einen Systemwechsel hin zu mehr Kooperation verpasst? ELSBERG: Natürlich hat man Fehler gemacht, das ließ sich in der Situation aber wohl nicht komplett vermeiden. Zudem war gerade die Zeit der Wiedervereinigung die des Hardcore-Raubtierkapitalismus, Thatcherismus und Reagonomics. Ich bin wie gesagt grundsätzlich ein Freund des marktwirtschaftlichen Systems, in dem wir leben und das in vielerlei Hinsicht sehr nützlich und hilfreich ist, um Wohlstand zu schaffen. Aber wir haben es zunehmend falsch kalibriert, beginnend in den späten 70er und 80er Jahren. Und Sie haben die Lösung, wie man es besser macht? ELSBERG: Die Formel, die ich in meinem Buch beschreibe, habe ich mir nicht aus der Nase gezogen, sondern basiert auf Arbeiten von Wissenschaftlern. Das Team von Ole Peters am London Mathematical Laboratory hat Modelle entwickelt, die das, was wir da draußen empirisch ohnehin in den letzten Jahrzehnten beobachten, besser abbilden können als die gegenwärtigen ökonomischen Modelle. Die Menschen verhalten sich in der Praxis anders als in der Theorie: Intuitiv wissen wir alle, dass Zusammenarbeit mehr bringt, als gegeneinander zu arbeiten. Wirken sich die Recherchen zu Romanen wie „Blackout", der über zwei Wochen die katastrophalen Auswirkungen eines großflächigen Stromausfalls in Europa erzählt, eigentlich auf Ihr eigenes Leben aus? ELSBERG: Ich habe Zeit meines Erwachsenenlebens in Großstädten wie Wien oder Hamburg gelebt und hatte immer ein sehr urbanes Einkaufsverhalten: Supermärkte an jeder Ecke und für ein bis zwei Tage was im Kühlschrank. Das einzige, womit ich vor dem Buch länger als 14 Tage ausgekommen wäre, waren damals nur meine Weinvorräte. Das hat sich durch die Arbeit an „Blackout" geändert. Ich habe jetzt die behördlichen Empfehlungen zu Hause, bin aber kein Prepper. Bei „Zero", wo es um Datensammlung und Manipulationsmöglichkeiten geht, ist das schon schwieriger. Ich versuche zwar zum Beispiel, Rabattkartenangebote zu vermeiden und surfe bei bestimmten Themen auch anonym über Tor, aber in Wirklichkeit kann man sich hier nur bedingt rausziehen, wenn man ein halbwegs normales Leben führen will. Außerdem wird man nur noch auffälliger, wenn man sich aus dem System der Transparenz rausnimmt. „Gier" habe ich nicht zuletzt deshalb geschrieben, weil ich früher auch mal Wirtschaft studiert habe. Ich habe allerdings nie die Ideen verstanden, die man uns präsentiert hat und dachte immer: Das kann nicht ganz stimmen. Und dann kommen plötzlich diese wissenschaftlichen Arbeiten aus London daher, die endlich Modelle liefern für die Diskussionen, die man mit den Hardcore-Wettbewerbsverfechtern hat. Jetzt kann man endlich sagen: Das rechne ich jetzt mal anders vor. Aber in meinem Leben habe ich nicht viel ändern müssen. Es gibt bei mir ein beträchtliches Spendenbudget und ich verschiebe meine Steuern oder meinen Wohnsitz nicht in die Schweiz oder nach Irland, weil ich weiß, was ich davon habe, in einem Land wie Österreich oder Deutschland zu leben, wo immer noch für ein halbwegs soziales System und einen funktionierenden Staat gesorgt wird. Wollen Sie als Schriftsteller eher unterhalten oder aufklären? ELSBERG: Ich kann das nicht so trennen, weil ich das schreibe, was mich unterhält. Und es unterhält mich eben, mir Gedanken über diese Dinge zu machen. Das mögen andere vielleicht Aufklärung nennen, aber ich finde es einfach spannend – spannender, als mir darüber Gedanken zu machen, wie ich den nächsten Serienmörder finde. Meine Geschichten schließen immer wieder an die Frage an: Wie organisieren wir Gesellschaft? Den meisten Menschen ist gar nicht bewusst, wie komplex unsere Systeme sind und wie sehr wir die Organisationsstruktur unserer Gesellschaft in den letzten Jahrzehnten umgebaut haben. Was kommt als nächstes? ELSBERG: Das wüsste mein Verlag auch gerne.

realisiert durch evolver group