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Unternehmer: Auf der entwickelten Homepage präsentiert Fabian Temme die Vorteile des mit Kaltluft arbeitenden Gerätes für Reanimationspatienten. Auch von der Wissenschaft und Radiologen in aller Welt erhält er viel Zuspruch. Foto: Jens Dünhölter - © Jens Dünhölter
Unternehmer: Auf der entwickelten Homepage präsentiert Fabian Temme die Vorteile des mit Kaltluft arbeitenden Gerätes für Reanimationspatienten. Auch von der Wissenschaft und Radiologen in aller Welt erhält er viel Zuspruch. Foto: Jens Dünhölter | © Jens Dünhölter

Gütersloh So will dieser Gütersloher das Rettungswesen revolutionieren

Maschinenbaustudent Fabian Temme hat mit seinem Kollegen Ruben Brühl ein Beatmungsgerät zur Kühlung von Notfallpatienten entwickelt. Laut eigener Berechnung würde die Wahrscheinlichkeit einer erfolgreichen Reanimation so um 16 Prozent steigen. Doch die Politik macht nicht mit.

Jens Dünhölter
16.09.2019 | Stand 29.01.2020, 12:39 Uhr

Gütersloh. Für Fabian Temme geht es um Ethik, Moral und die Rettung von Menschenleben. Mit einer Mischung aus Wut, Verärgerung und Frustration wirft der 34-jährige Maschinenbau-Student die höchst spannende Frage auf: „Ist die Rettung eines Menschenlebens 900 Euro zusätzlich wert ?" Der Gütersloher meint „Ja". Industrie, Sponsoren, das Bundesgesundheitsministerium sowie das NRW-Gesundheitsministerium sagen „Nein".

Kernpunkt der konträren, strittigen Sichtweisen auf die unmittelbaren Zusammenhänge von Moral und Geld sind Reanimationspatienten im Rettungsdienst. Pro Jahr werden deutschlandweit 100.000 Männer, Frauen, Kinder nach Herz- oder Kreislaufstillständen in Rettungsfahrzeugen wiederbelebt. In der Regel geschieht dies mit normalem Sauerstoff bei Raumtemperatur. Das NRW-Gesundheitsministerium setzt zusätzlich, bei manchen Experten umstrittene, Kühl-Infusionen ein. In den Richtlinien zur Behandlung von Reanimationspatienten findet sich der klare formulierte Kühlungs-Empfehlungen.

Bewusste Zufuhr von Kaltluft

Genau hier kommt Fabian Temme ins Spiel. Klar und deutlich bemängelt er: „Es steht zwar in den offiziellen Reanimationsleitlinien drin, kann aber technisch nicht adäquat umgesetzt werden". Nach eigenen Erfahrungen als Zivildienstleistender im Gütersloher Rettungsdienst arbeitet der Maschinenbaustudent deshalb gemeinsam mit seinem Kompagnon Ruben Brühl in dem von ihnen gegründeten Start-Up-Unternehmen „medical cooling" seit nun mehr als zwölf Jahren an einem neuen, für den Rettungsdienst revolutionären Beatmungsgerät zur Kühlung von Notfallpatienten. Die von den Güterslohern „Airchill" (Luftkühlung) getaufte Erfindung verlangsamt durch die bewusste Zufuhr von Kaltluft den Stoffwechsel in den Zellen, dadurch wird der Hirnstoffwechsel gebremst, Hirnschädigungen vermieden, die Überlebenschancen von Reanimationspatienten steigen um 16 Prozent. Rein rechnerisch würde zusätzlich jeder 6. Patient überleben; gleichzeitig seien nach Auswertung einer zweijährigen Testphase an Schweinen und Menschen an der Uniklinik Hamburg Eppendorf auch neurologische Folgeschäden bei allen Behandelten wesentlich geringer, ergo weitaus weniger kostenintensiv.

Wahrhaft innovativ sind auch die weiteren Einsatzmöglichkeiten. Zur Platzeinsparung in den Fahrzeugen wurden ein EKG mit Defibrillator sowie eine Absaugpumpe in das somit „3 in 1" Gerät integriert. Der technische Fortschritt macht sich in den kalkulierten Anschaffungskosten von 12.000 Euro pro Stück bemerkbar. All diese Überlegungen, Entwicklungen, wissenschaftlichen Forschungen des zwar praktisch anwendbaren, aber noch nicht offiziell zugelassenen Lebensretters haben bislang eine gewaltige Summe verschlungen.

Rund 100.000 Euro investiert

Mittlerweile stecken in den von vielen führenden Universitäten überall auf der Welt unterstützten, in Portugal sowie auf einem Radiologen-Kongress in Singapur prämierten Projekt rund 1 Millionen Euro Forschungsgelder. Alleine Fabian Temme hat gut 100.000 Euro investiert. Bis zur offiziellen Zulassung rechnet der 34-jährige mit weiteren Kosten „von rund drei Millionen Euro". Die eigentliche Krux der sich auftuenden Finanzierungslücken durch ausbleibendes Sponsoren-Interesse erklärt der Start-Up-Gründer mit den Abrechnungsmodalitäten im Rettungswesen oder Notarzteinsätzen, bei der „keine technische Erstattungen" vorgesehen seien. Jeder Airchill-Einsatz schlage mit rund 150 Euro zu Buche, dazu gesellen sich Anschaffungs- und Unterhaltungskosten. Summasummarum gut 900 Euro pro gerettetem Leben. Genau daran hakt es. Fabian Temme: „Der Abrechnungsmodus für betroffene Patienten ist ein Albtraum. Für den Rettungsdienst ist einfach kein Geld da".

Große Lieferanten und Sponsoren wüssten, „dass man im Rettungsdienst kein Geld verdienen kann". Bei einem persönlichen Gespräch mit Bundes-Gesundheitsminister Jens Spahn im Rahmen eines Kongresses erklärte sich dieser zwar „grundsätzlich zuständig für das Rettungswesen", drei vereinbarte Termine zur Vorstellung von „Airchill" platzten allerdings kurzfristig. Auch sein Ministerium sandte eine deutlich formulierte, finanzielle Absage. Fabian Temme: „Die Politik ist nicht bereit, weitere Forschungsgelder zur Verfügung zu stellen."

Bei einem bundesweiten Medizintechnik-Wettbewerb ist das heimische Start-Up-Unternehmen in die Runde der besten Zehn eingezogen. In der 2. Phase entscheidet die Jury im September über die Vergabe der mit 10.000 € dotierten Prämie für den Sieger. Fabian Temme: „Wir arbeiten daran, zu gewinnen." In China und den USA ist die von medical cooling bei vielen Kongressen sowie auf vielen Kanälen geleistete Aufklärungsarbeit fruchtbareren Boden gefallen. In beiden Länder befinden sich die Firmengründer in „aussichtsreichen Gesprächen". Vorsichtshalber hat Fabian Temme bereits einmal hoch gerechnet: „Bei einer Bestellung von 1.000 Stück könnten wir mit einer schwarzen Null anfangen." Offen räumt er indes auch ein: „Ich hätte nicht mit so viel Widerstand seitens der Politik und mit Menschen gerechnet, die mit bewusster Zermürbungstaktik gegen das Projekt kämpfen".

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