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In diesem Zimmer soll die 21-Jährige niedergestochen worden sein. Die Blutlache ist noch nicht weggewischt worden. - © Andreas Frücht
In diesem Zimmer soll die 21-Jährige niedergestochen worden sein. Die Blutlache ist noch nicht weggewischt worden. | © Andreas Frücht

Gütersloh Blutlache liegt noch vor Zimmer von überfallener Prostituierten in Gütersloh

Im Gebäude an der Friedrich-Ebert-Straße lässt getrocknetes Blut auf schreckliche Bilder schließen, die sich in der Nacht an diesem Ort abgespielt haben müssen. Am Tatort redet niemand über den Vorfall.

Christian Geisler
01.08.2019 | Stand 01.08.2019, 15:33 Uhr

Gütersloh. Es ist ein unbehagliches Gefühl. Noch nicht einmal zwei Tage ist es her, dass in dem Gebäude an der Friedrich-Ebert-Straße mit der Hausnummer 131 eine 21-jährige Frau niedergestochen wurde. Auf dem Hinterhof des Hauses, in dem seit Jahren Prostitution betrieben wird, ist es ruhig. Lediglich ein Obdachloser wühlt in heruntergekommener Kluft in einem Müllcontainer, der direkt neben dem Haus steht. Er scheint auf der Suche nach etwas Essbarem zu sein. Ein paar Reste hat er sich bereits zusammengeklaubt, sie liegen auf einem Stück Pappe. Er ist öfters hier, sagt er. Alles wie immer also, sollte man meinen. Wenn man es nicht wüsste, ist von der Bluttat des Vortages nichts zu erahnen. Zumindest von außen. Es drängt ein gewöhnungsbedürftiger Geruch aus der offenen Hintertür des Gebäudes - eine Mischung auf Muff und billigem Parfum. Nach Eintritt folgt ein dunkler, kurzer Korridor. Fenster gibt es zumindest im Erdgeschoss keine. Die Wände sind zur Hälfte weiß, zur Hälfte grau gestrichen, die besten Tage aber haben sie bereits hinter sich. Sie sind uneben und mit zahlreichen Macken versehen. Ebenso der graue Fußboden. Er knarrt bei jedem Schritt. Sexspielzeug verschwindet in verschiedenen Körperöffnungen Am Ende des Ganges befindet sich eine weiß lackierte Tür. Auf ihr finden sich Aufnahmen verschiedener nackter Frauen wieder. Teils sind ihre Gesichter zu erkennen, teils werden sie von langen Haaren verdeckt. Einige der Damen spielen auf den Bildern mit Dildos. Vagina. Mund. Es gibt kaum eine Körperöffnung in der das Sexspielzeug nicht verschwindet. Die Tür soll mit ihren Aufnahmen wohl für den Inhalt des Raumes dahinter werben. Eine Treppe führt in das erste Obergeschoss zur nächsten weißen Tür. In diesem Raum soll die 21-Jährige am frühen Dienstagmorgen niedergestochen worden sein. Der Durchgang ist mit einem blauen Polizeisiegel versehen. Niemand Unbefugtes soll hier eintreten. Die Blutlache vor der Tür lässt auf schreckliche Bilder schließen, die sich in der Nacht an diesem Ort abgespielt haben müssen. Das getrocknete Blut klebt an der Wand und an dem Einlass, an einigen Stellen ist es verschmiert. Ein Fußabdruck hat sich in der Lache verewigt. Drei Aufnahmen an der blutverschmierten Tür zeigen eine junge Frau, vermutlich das Opfer - in Reizwäsche. Ihr Teint lässt darauf schließen, dass sie südländischer Abstammung ist. Was war passiert? Was aber war genau passiert? Der Bielefelder Staatsanwalt Christopher York gibt Antwort. Demnach hat der Täter, ein "dunkelhäutiger" Mann, zunächst an der Tür des Opfers geklingelt. "Ein potenzieller Freier", sagt York. In der Folge habe ihm die junge Frau geöffnet, der Mann sei ihr nicht bekannt gewesen. Nach einem kurzen Gespräch sei es dann schnell zu einem Streit gekommen. "Es kam zu der Attacke und er flüchtete", beschreibt York den weiteren Tathergang. Weitere Angaben zu Aussagen des Opfers oder zur Tatwaffe machte der Staatsanwalt mit Hinweis auf die laufenden Ermittlungen nicht. Aus der Wohnung sei nichts gestohlen worden, das Opfer sei von "Personen aus ihrem Umfeld" gefunden worden. Der Täter konnte bislang noch nicht gefasst werden. Deutliches Knarren ist zu hören. Zwei Frauen, eine schwarzhaarig, die andere blond gefärbt, beide in Trainingsanzügen, beide Mitte 20, gehen die Treppe aus dem zweiten Obergeschoss herunter. Gemeinsam tragen sie einen großen Koffer. Sie unterbrechen ihren Abstieg und bleiben stehen. Auf die Frage, ob sie an diesem Ort arbeiten, kommt zunächst keine Antwort. Eine der Frauen blickt auf den Boden. Die andere behauptet kein deutsch sprechen zu können. Schließlich ergreift die Blondine das Wort. Sie spricht für ihre Kollegin. Beide Frauen würden nicht in dem Gebäude arbeiten. Von dem Vorfall der vergangenen Nacht hätten sie nichts mitbekommen, das Opfer hätten sie auch nicht gekannt. Die Frauen greifen nach dem Koffer und gehen zügig an der Blutlache vorbei. Den Blick richten sie dabei stets gen Boden. Hauptsache weg. Ein Grunzen, dann schlägt er die Tür zu Zurück im Hinterhof noch ein Versuch an einer zweiten Tür. Irgendwer muss doch etwas gehört oder gesehen haben. Es öffnet ein böse dreinblickender Mann mit Schnurrbart. Schräg hinter ihm steht ein junges Mädchen. Ist sie überhaupt schon 18 Jahre alt? Nachdem wir uns zu erkennen geben, folgt ein Grunzen des Mannes. Dann schlägt er die Tür zu. Hier sind heute keine Informationen zu bekommen. "Sind Sie von der Polizei?", fragt eine Stimme aus dem Hintergrund. Der Obdachlose hat die Situation beobachtet und in der Folge seine Suche nach Essen unterbrochen. "Kann ich vielleicht helfen?" Der Mann, etwa 40 bis 50 Jahre alt, bediene sich regelmäßig an dem Müllcontainer vor der Einrichtung, in der Sex gegen Entgelt angeboten wird. Am Tag der Messerattacke sei er allerdings nicht vor Ort gewesen. Zuvor habe er aber nie auffällige Beobachtungen an dem gebäude gemacht. "Mir ist nichts aufgefallen. Hier ist alles wie immer."

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