Mindestens 30.000 Menschen liegen hier begraben. Eine Unter-Schutz-Stellung ist beantragt. - © Andreas Frücht
Mindestens 30.000 Menschen liegen hier begraben. Eine Unter-Schutz-Stellung ist beantragt. | © Andreas Frücht

Gütersloh Moderne Umnutzung: Darf man Kirchengebäude verändern?

Diskussion: Zwischen leeren Kirchenbänken und finanziellen Sorgen sucht die Evangelische Kirche nach ihrer Zukunft und entwickelt Ideen. Wie schwierig dieser Prozess ist, zeigt das Beispiel aus Isselhorst

Jeannette Salzmann
14.07.2019 | Stand 13.07.2019, 15:39 Uhr

Gütersloh. „Ich bin so zornig und so unfassbar enttäuscht", mit 84 Jahren sitzt er auf der Bank in der Sakristei. Seine Hand ruht auf einem dicken Ordner, gefüllt mit Details der Evangelischen Kirche Isselhorst. „Man darf dieses sehr besondere Gebäude nicht verändern. Und man darf auch mit den Gläubigen nicht so umspringen", findet Ortwin Schwengelbeck. Er ist Bauingenieur und Baukirchmeister von Beruf, kennt jeden Stein und jeden Riss in dieser Kirche, in der er 15 Jahre lang ehrenamtlich restauriert hat. In Isselhorst soll eine "Alltagskirche" entstehen Die „Zukunftswerkstatt", zu der die Kirchengemeinde aufruft, wird wohl ohne ihn stattfinden. Die Idee des Presbyteriums, das Gemeindezentrum abzureißen und die historische Kirche im Ortskern zu einer „Alltagskirche" mit Mehrfachnutzung umzubauen, hat viele in der Kirchengemeinde entsetzt. Allen voran Ortwin Schwengelbeck. Er warnt vor Gewölbeschäden. Und er warnt vor der Ignoranz der Kulturgeschichte. Kirchmeisterin Annette Haase steht derweil wie viele ihrer Kollegen in Gütersloh und Umgebung vor einem Dilemma: Auf der einen Seite die hohen Erhaltungskosten, auf der Einnahmeseite die sinkenden Kirchensteuerumlagen sowie die spärlichen Klingelbeutelinhalte der Handvoll sonntäglicher Gottesdienstbesucher. Kirchliche Trauungen werden weniger, zur Beerdigung reicht bis in Ausnahmefällen die Friedhofskapelle, zur Finanzierung der acht Konzerte im Jahr muss der Förderverein Klimmzüge machen. Das Geld reicht nicht mehr. Es muss was passieren. Die Frage ist grundsätzlich: Darf man an eine historische Kirche mit 700-jähriger Geschichte Hand anlegen für eine moderne Umnutzung? „Nein!", sagt Karl Theodor Mumperow entschieden. Sein Zuhause ist der Meyerhof nebenan. Historisch gesehen mag man ihm ein Mitspracherecht einräumen, denn die Kirche steht auf dem Grund des Meyerhofes, den seine Vorfahren im 12. Jahrhundert für den Kirchbau zur Verfügung stellten. „Wenn die Nutzung der Kirche geändert wird, heißt das Zerstörung", der Bau sei, so Mumperow, von der Architektur so festgelegt, dass er keine andere Nutzung vertrage. Außerdem sei die Kirche das Wahrzeichen von Isselhorst und als solches in das Wappen aufgenommen worden. „Obwohl nur noch wenige hineingehen, ist die Kirche das steinerne Herz des Ortes." Er selbst sei auch kein regelmäßiger Kirchgänger – das tue aber nichts zur Sache, „es geht um etwas ganz anderes." Mit grüner Arbeitshose steht er im Altarraum und singt mit kräftiger Stimme „Laudate omnes gentes, laudate Dominum." Es klingt. „Eine solch großartige Akustik darf man nicht kaputt machen, indem man Glaskörper in die Kirche baut oder andere Fenster." Antrag an die Denkmalbehörde, den Kirchhof unter Schutz zu stellen Um 1200 wurde eine Kapelle samt Friedhof ringsumher errichtet – dort wo heute die Kirche steht. 1517 steht als Jahreszahl am Turm, die Bedeutung der Zahl ist umstritten, wegen zahlreicher Umbauten. »Wenn Kirche nur noch über Geld redet, schafft sie sich ab«Am Heiligen Abend 1877 stürzte ein Ziegelstein aus dem Gewölbe des Chores – die Kirche war leer. Ein Jahr später erfolgte der Beschluss, die alte Kirche bis auf den Turm abzureißen. „Der Bauuntergrund ist morastig und weich", weiß Ortwin Schwengelbeck. 1871 wurde der neue Friedhof auf dem Bockfeld errichtet. Seither finden keine Beerdigungen rund um die Kirche mehr statt. Dennoch: „Wir wissen, dass hier 40 bis 50 Menschen pro Jahr bestattet wurden", erklärt Schwengelbeck, „Das macht bei 693 Jahren rund 34.000 Tote, die auf dem Kirchhof begraben sind." Ein Anbau mit einer Fläche von rund 150 Quadratmetern, wie es das Presbyterium andenkt, wäre ein Eingriff in den Kirchhof, 100-jährige Bäume müssten gefällt werden. „Stellt sich die Frage, ob das nicht sogar eine Störung der Totenruhe ist", so Schwengelbeck. Vor vielen Jahren schon, als die Kirchenmauer entlang der Straße zwei Meter versetzt wurde, seien haufenweise Schädel und Knochen zutage gekommen. „Man hat das Ganze auf Felder gebracht." Jedes Jahr seien beim Pflügen die Knochen wieder aufgetaucht. „Das muss man offen ansprechen", findet Schwengelbeck. Theodor Mumperow hat nach der jüngsten Gemeindeversammlung nicht lange gezögert und bei der Denkmalbehörde beantragt, den Kirchhof unter Schutz zu stellen. In der kommenden Woche wird die Örtlichkeit begutachtet. „Nein, wenn der Friedhof seit mehr als 100 Jahren nicht mehr genutzt wird, sprechen wir nicht über Störung der Totenruhe im Sinne einer juristischen Straftat", erklärt Andreas Duderstedt, Sprecher der Evangelischen Landeskirche mit Sitz in Bielefeld. Die 30 Jahre Ruhezeit plus Pietätsfrist von zehn Jahren, so lange müsse man warten, bis man einen Friedhof verändere. „Aber die Gemeinde ist angehalten, damit würdevoll umzugehen." Denkbar wäre, so Duderstedt, eine Beisetzung an anderer Stelle. Vorbild in Bielefeld: Lydia-Gemeinde gibt Alles auf, um für Alle zu öffnen „Was können wir mit der Kirche tun?" Diese Frage stellte sich auch die Lydia-Gemeinde in Bielefeld vor fast zehn Jahren, weil die Erwartungen der Landeskirche zur Einsparung offen ausgesprochen wurden. „Wir haben unsere Hausaufgaben gemacht und alles aufgegeben", sagt Pfarrerin Dorothea Prüßner-Darkow. Alles, das heißt: zwei Gemeindehäuser, eine Kirche, zwei Gemeindebüros, eine Begegnungsstätte. Übrig geblieben ist die Johanniskirche. „Wenn Kirche überleben möchte, muss man anders denken. Kirche muss sich öffnen", sagt die Pfarrerin. „Auch wir haben wahnsinnig viele Gespräche geführt." Die Sorge, dass die denkmalgeschützte Kirche durch einen Umbau Schaden nimmt, war auch in Bielefeld groß. „Wir haben eine sehr schöne Konzertkirche mit einer großartigen Akustik. Das sollte unbedingt erhalten bleiben." Prüßner-Darkow ist sich in der Rückschau sicher: „Das ganze Vorhaben funktioniert nur, wenn man selber Feuer gefangen hat." Am Ende seien sich alle einig gewesen: „Wir wollten die Kirche für alle Tage und alle Anlässe öffnen." „Die oberste Kirchenleitung versucht dem Verfall des christlichen Glaubens mit dem Rechenstift beizukommen", sagt Karl Theodor Mumperow. „Die Akzente haben sich verschoben, das ökonomische Denken bestimmt unser aller Handeln." Wenn Kirche nur noch über Geld spreche, schaffe sie sich ab. „Das ist Entartung von Kirche." Die wesentliche christliche Tugend sei Demut. Mumperow könne diese in der gesamten Diskussion um die Zukunft der Kirche nicht erkennen. Seit 2013 steht die „neue" Johanniskirche. Sie hat einen modernen Anbau bekommen, der gar nicht erst vortäuscht, etwas mit dem historischen Kern des Gotteshauses zu tun zu haben. Zwischen Anbau und Kirche hat der Architekt einen Spalt gelassen. Der sei symbolisch, sagt Pfarrerin Prüßner-Darkow. „Seither haben wir einen sehr viel stärkeren Kirchenbesuch." Die Raum-Nachfrage sei ebenfalls groß, „wir können sie ständig vermieten." Die Kirche sei 24 Stunden, 7 Tage die Woche belegt. „Wir verdienen daran nichts, aber wir freuen uns, dass das Haus so viel Zuspruch erfährt." Der Schlüssel des Erfolges sei wohl, so Prüßner-Darkow, dass die Gemeinde sich in einem solchen Prozess ihre Träume darlegt und einander gegenseitig respektiert. „Eine ausweglose Lage ist immer die beste", findet der 83-jährige Mumperow, sie zwinge zum Denken. Zum Suchen nach völlig Neuem. „Oder zur Besinnung auf die Kernkompetenz."

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