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Von wegen Ferien - Immer mehr Kinder sitzen auch in den Sommerferien über ihren Schulbüchern und büffeln. - © NW
Von wegen Ferien - Immer mehr Kinder sitzen auch in den Sommerferien über ihren Schulbüchern und büffeln. | © NW

Kreis Gütersloh Immer mehr Kinder im Kreis Gütersloh lernen auch in den Sommerferien

Pauken statt Pool: Die Nachfrage nach Nachhilfe freut die kommerziellen Anbieter. Schüler wollen von einer drei auf eine zwei kommen.

Anja Hustert
10.07.2019 | Stand 10.07.2019, 09:02 Uhr

Kreis Gütersloh. Schüler und Lehrer zählen die Tage bis zum Ferienbeginn: Endlich keine Vokabeln mehr pauken, keine binomischen Formeln aufstellen und auch keine Analyse von Bienentänzen mehr schreiben. Nur noch Freibad, Fußballcamp, Familienurlaub, Ferienspiele – sechs Wochen lang. Doch längst nicht alle Kinder können vom Lernstress abschalten – sie lernen in den Ferien munter weiter. Die Nachfrage nach Nachhilfe freut die kommerziellen Anbieter. „Früher hatten wir nur zwei Wochen in den Sommerferien Kurse - inzwischen haben wir durchgehend geöffnet", sagt Thomas Momotow, Sprecher vom Studienkreis, der auch im Kreis Gütersloh mehrere Standorte hat. Das Institut lockt bundesweit mit günstigen Ferienkursen. „Die meisten Eltern rufen uns an, wenn es Zeugnisse gibt", bestätigt Alexander Bee, Filialleiter des Studienkreises in Gütersloh. Die Nachfrage sei in den vergangenen fünf Jahren gleichbleibend hoch. Die Schüler kämen „querbeet aus allen Gütersloher Schulen und aus allen Bevölkerungsschichten". Bei den Ferienkursen seien die Eltern jedoch häufig die treibende Kraft. Bei Oberstufenschülen gehe der Wunsch nach Nachhilfe dann meist von den Schülern aus. Schüler wollen von einer drei auf eine zwei kommen Alexander Bee hat einen interessanten Trend bei der generellen Nachhilfe beobachtet: „Vor 15 Jahren kamen die Schüler zur Nachhilfe, weil sie in einem Fach fünf standen oder die Versetzung gefährdet war – da war Nachhilfe fast ein Makel. Inzwischen kommen zu uns Schüler, die in einem Fach von der drei auf eine zwei wollen." Und dies nicht nur in der regulären Schulzeit, sondern immer häufiger auch darüber hinaus - 59 Prozent aller Schüler lernen auch in den großen Ferien. Das ergab 2017 eine repräsentative forsa-Umfrage unter 1.002 Eltern schulpflichtiger Kinder in Deutschland im Auftrag des Online-Lernportals Scoyo. Nahezu jedes vierte Kind in Deutschland (24%) lernt regelmäßig in den Ferien, darunter 38 Prozent mehr als zwei Stunden pro Woche. Eltern wollen einen möglichst hohen Schulabschluss In der Studie fiel auf, dass Kinder von Eltern mit geringerem Schulabschluss tendenziell häufiger in den Ferien lernen, als Kinder von Eltern mit Abitur oder Studium. Fast die Hälfte der Eltern mit einem bildungsferneren Hintergrund treibt dabei nach eigenen Angaben der Wunsch an, dass ihre Kinder „einen möglichst hohen Schulabschluss erreichen". Das weiß auch Anke Stapel, Kreisvorsitzende beim Verband Bildung und Erziehung (VBE): „Die Eltern nehmen schon wahr, dass die Schule ihrer Kinder sich kümmert und ein großes Interesse daran hat, alle Schüler zu fördern. Durch die oftmals hohe Klassenstärke und die fehlenden Lehrkräfte kommt es jedoch zu erschwerten Rahmenbedingungen in den Schule und es daher ist es nicht so leicht, allen Kinder gerecht zu werden." Diese strukturellen Probleme hätten dem Markt für Nachhilfe-Institute bereitet. Schüler hätten heute bereits im Grundschulbereich Nachhilfe. Bildungssystem wird seinen Auftrag nicht gerecht "Wenn Kinder nun in den Ferien Schulstoff nachholen müssen, ist das letztendlich nur ein weiteres Symptom dafür, dass unser Bildungssystem seinem Auftrag nicht mehr gerecht wird", sagt Edith Mathmann, Vorsitzende der Kreisschulpflegschaft Gütersloh. Die massive Nachfrage nach Nachhilfe zeige, wie stark das öffentliche Schulwesen seine Verantwortung und Kosten in den Privatsektor ausgegliedert habe. Ein ganzer Markt sei entstanden und profitiere offenbar vom unterfinanzierten Bildungssystem, so Mathmann. Die Kreisschulpflegschaftsvorsitzende sieht darin ein großes Problem: "Die prekäre Situation ungleich verteilter Bildungschancen wird so weiter verschärft statt ausgeglichen." Schüler sollen Verantwortung für den Lernprozess übernehmen Für den designierten Schulleiter der Anne-Frank-Gesamtschule, Jan Rüter ist der boomende Nachhilfemarkt auch ein Indikator, dass das Schulsystem an irgendeiner Stelle kranke. „Wir versuchen, das selbständige und eigenverantwortliche Lernen der Schüler zu fördern", sagt er. Sie Schüler sollten Verantwortung übernehmen für ihren eigenen Lernprozess. Dennoch werden bei den Nachhilfeinstituten fast alle Fächer nachgefragt – allen voran die Hauptfächer. Denise Kirchberger von der Schülerhilfe, die in Gütersloh ebenfalls ein Büro betreiben, zitiert eine Umfrage ihres Instituts. Demnach haben im Schuljahr 2016/17 bei den Acht- bis 19-Jährigen 71 Prozent im Fach Mathematik Nachhilfe bekommen, 31 Prozent im Fach Englisch und 30 Prozent im Fach Deutsch. Kinder sollen sich erholen Anke Stapel sieht das Pauken in den Ferien kritisch: „Die Kinder sind ferienreif und sollen sich erholen und entspannen." Die Eltern könnten in der freien Zeit entspannt und spielerisch Wiederholungen einbauen. „Beispielsweise kann der Preis von mehreren Kugeln Eis ausgerechnet werden. Oder die Kinder schreiben eine Postkarte an Oma und Opa." Auch Alexander Bee bestätigt mit Blick auf seine Nachhilfeschüler: „Die Kinder brauchen wirklich Urlaub." Er empfehle die Ferienkurse an das Ende der Ferien zu legen. „Dann kann man in der fünften und sechsten Ferienwoche wieder in die Themen reinkommen und dann zu Schulbeginn schon einen kleinen Vorsprung vor den Klassenkameraden."

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