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Der britische Künstler Steven Furse verbindet Stoffe und Modellzeichnung zu einem dreidimensionalen Kunstwerk. - © Matthias Gans
Der britische Künstler Steven Furse verbindet Stoffe und Modellzeichnung zu einem dreidimensionalen Kunstwerk. | © Matthias Gans

Gütersloh Kunstaktion: Sporthalle des ESG bekommt Graffito

Künstler aus vier Ländern sind bei der "Internationalen Platzbesetzung" kreativ und lassen sich bei ihrer Arbeit zuschauen. Am 12. und 13. Juli wird es an der Stadthalle spektakulär

Matthias Gans
05.07.2019 | Stand 05.07.2019, 09:38 Uhr

Gütersloh. Bettina Kämpf kommt gerade aus dem Urlaub, als sie von einer „Internationalen Platzbesetzung" erfährt. Also macht sich die Isselhorsterin schnurstracks mit ihrem Mann zum Isselhorster Kirchplatz auf, „einfach um zu schauen, was hier los ist". Kaum angekommen, ist sie mittendrin: Umgeben von verschiedenartigster Kunst und fasziniert von sympathischen und auskunftsfreudigen Künstlern, die seit Montag täglich ihrem Werk nachgehen – und die mit ihrer Begeisterung die selbst künstlerisch aktive Isselhorsterin anstecken. Genau so hatte sich Organisatorin Nirgül Kantar-Dreesbeimdieke diese Platzbesetzung vorgestellt: als Ort der Begegnung und des Austauschs. Nicht nur der Künstler untereinander, sondern auch mit interessierten Bürgern, die immer wieder mal stehen bleiben und schauen, auch mal mitmachen dürfen und die sich von den Machern erklären lassen, wie man man beispielsweise in türkischer Tradition filzt. Die Außenwand der ESG-Sporthalle erhält ein riesiges Graffiti Es ist bereits die zweite Platzbesetzung in Gütersloh. Während im vergangenen zwei Professorinnen mit zwei Studierenden aus der Türkei nur für einige Tage auf dem Theodor-Heuss-Platz kreativ waren, so sind diesmal fünf Künstler aus Polen, Großbritannien, der Türkei und Polen für zwei Wochen in Isselhorst und Gütersloh aktiv. Der sechste Künstler, Richard Holmes aus Dänemark, kommt an diesem Samstag hinzu. Er wird die dem Wasserturm zugewandte Außenwand der Sporthalle des Evangelisch Stiftischen Gymnasiums mit einem 7 mal 15 Meter großen Graffito gestalten. „Die Stimmung ist super", sagt Nirgül Kantar. Sie betreut nicht nur die Künstler, die allesamt bei ihr untergebracht sind, sondern ist oft auch Impulsgeber, macht Vorschläge, motiviert, sorgt für gute Laune. Die Gäste wissen das zu schätzen und tragen ihren Teil dazu bei, wie Murai Dreesbeimdieke sagt, die ihre Mutter bei der Betreuung unterstützt. „Tagsüber wird konzentriert gearbeitet, abends zusammen gegessen, getrunken und über Kunst geredet." Dabei lassen sich die Künstler nicht einfach bedienen. „Jeden Abend kocht ein anderer, das hat sich wie von selbst ergeben, sagt die Tochter. Die aktuell geschaffenen Kunstwerke können auch erworben werden Einige Künstler hat Nirgül Kantar bei Besuchen im Ausland kennengelernt, andere wurden ihr durch Empfehlung vermittelt. Bewusst hat sie verschiedene Sparten ausgewählt. „Es ist wichtig, dass sich alles gut ergänzt, aber es darf nicht zu bunt werden", sagt Nirgül. Diesmal ist es „wild, aber es passt", zeigt sich die Isselhorster Künstlerin zufrieden. Ihre gute Stimmung überträgt sich auch auf die Gäste. An einem Tisch pflegen zwei Textilkünstler eine besondere Art des Filzens. „Das ist eine alte türkische Tradition, rund 2.500 Jahre alt", erklärt Canay Kilit Kifci. Während sie auch moderne Textilien in die Stoffe einarbeitet, nimmt ihr Kollege Oguz Koc Kece traditionelle türkische Muster als Vorlage. Und wenn man sieht, wie mit ein wenig Wasser und Seife, aber mit viel Aufmerksamkeit bunte Wollstreifen in die neutral weiße Wollunterlage eingewirkt werden, kann man nur staunen über die Vielfalt an Formen, die daraus entstehen. Dekorative Wandbehänge, aber auch Taschen oder Mäntel sind ausgestellt. Sie können auch erworben werden. Entspannte Arbeit bei schönstem Sonnenschein im Freien Das gilt auch für die zumeist für Damen gedachte Bekleidung, die der britische Künstler Steven Furse entworfen hat und die aus federleichtem Stoff besteht. Der Maler arbeitet während der Platzbesetzung an einer Modellzeichnung, an die Kleider befestigt werden, so dass daraus eine dreidimensionale Plastik entsteht. Eine Eule meißelt der aus Oberschlesien stammende Andrzej Duda aus einem Eichenstamm. „Die Skulptur ist bereits an einen Privatkunden verkauft", sagt er und fügt hinzu, wie sehr er im Kreise von Kollegen bei schönstem Wetter die Arbeit im Freien genießt. „Ich habe das noch nie gemacht, das ist wunderbar hier", sagt Duda. Vor der Stadthalle wird eine Tulpenblüte als Stahlskulptur aufgebaut Bei der Arbeit schaut ihm die britische Künstlerin Jess Gill zu, die gerade nichts zu tun hat, weil ihre Tulpenblütenskulptur zurzeit bei der Firma Amtenbrink angefertigt wird. Am heutigen Freitag wird geliefert, dann wird sie die 15 Stahlblätter unter anderem mit bunten Glasspiegeln ausstatten. Am Freitag kommender Woche wird die vier Meter breite und zwei Meter hohe Skulptur zusammen mit den Werken der anderen Künstler auf dem Theodor-Heuss-Platz vor der Stadthalle aufgebaut und ausgestellt. Im Gegensatz zu Duda hat Jess Gill ihr Werk noch nicht verkauft. Hat die Stadt vielleicht daran Interesse? Lena Jeckel, Leiterin des Fachbereich Kultur: „Das war noch kein Thema. Aber unsere Aufgabe ist es eher, die Aktion hier zu unterstützen und, wo nötig, Hilfestellung zu leisten." Kollegin Inga Michaelis ist dafür zuständig. Nirgül Kantar ist mit dieser Unterstützung mehr als zufrieden. „Ich bin so dankbar, dass wir so ein Kulturamt haben, das eine solche Aktion unterstützt."

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