Sigrid Bühne (v. l.) hat in Anke und Andreas Radke Mitstreiter gefunden. Sie hat die Pflegemängel bei ihrem Mann mit dem Handy fotografiert und Tagebuch geführt. - © Andreas Frücht
Sigrid Bühne (v. l.) hat in Anke und Andreas Radke Mitstreiter gefunden. Sie hat die Pflegemängel bei ihrem Mann mit dem Handy fotografiert und Tagebuch geführt. | © Andreas Frücht

Gütersloh Missstände in Gütersloher Pflegeheimen: Angehörige sammeln Beweise

Die Vorwürfe reichen von uringetränkten Matratzen bis zur Notrufklingel, die in einer Gütersloher Einrichtung außerhalb der Reichweite der Patienten hängt.

Nicole Hille-Priebe
14.06.2019 | Stand 14.06.2019, 11:26 Uhr

Gütersloh. Wenn sich Eheleute oder Kinder um ihre Angehörigen im Pflegeheim sorgen, gelten sie schnell als renitent und unbequem. Eine Erfahrung, die auch Anke und Andreas Radke gemacht haben. Anfang des Jahres sind sie damit an die Öffentlichkeit gegangen - aber erst, nachdem die Mutter in einem Gütersloher Heim verstorben war. Wie viele andere Betroffene auch hatten sie vorher Angst vor Repressalien. Was sie erlebt hatten, ließ ihnen keine Ruhe und sie beschlossen, Mitstreiter zu suchen im Kampf gegen die Missstände, die sie bei ihren Besuchen mit eigenen Augen gesehen hatten. Die Mutter war wund und wurde nur unzureichend gepflegt. Nach mehreren Gesprächen mit der Heimleitung informierten sie die Heimaufsicht, "aber gebracht hat das am Ende gar nichts", sagt Anke Radke. "Eines Tages klingelte es und Frau Bühne stand vor der Tür" Der Bericht in der Neuen Westfälischen sorgte für einige Resonanz und blieb nicht folgenlos: "Insgesamt haben sich acht Betroffene bei uns gemeldet. Eines Tages klingelte es dann an unserer Haustür und Frau Bühne stand da. Sie hatte viele Unterlagen mitgebracht: ein Tagebuch, in dem sie ihre Beobachtungen fast täglich notiert hatte, und ihre Korrespondenz mit der Heimaufsicht, aber vor allem Fotos, die sie 2016 in zwei Pflegeeinrichtungen in Gütersloh und Rietberg mit dem Handy gemacht hatte", berichtet Andreas Radke. Damit hatte Sigrid Bühne das, was den Radkes fehlte: "Wir haben nie Fotos von den Missständen gemacht und uns später sehr darüber geärgert, dass wir keine Beweise vorlegen konnten", sagt Radke, der schockiert war, als er die Bilder sah. Die Aufnahmen dokumentieren beispielsweise, wie Frau Bühne ihren Mann eines Tages in einer riesigen Urinlache im Bett gefunden hat. "Das war nicht frisch, er muss lange so gelegen haben - die halbe Matratze war durchnässt", sagt die 62-Jährige, die seit 1998 mit ihrem 20 Jahre älteren Mann verheiratet ist. "Natürlich habe ich mich beschwert. Ich bin ja keine hilflose, alte Oma! Mit mir bekommt ihr Probleme, habe ich gesagt." "Als ich meinen Mann abholen wollte, habe ich ihn kaum wiedererkannt" Sigrid Bühne hatte bereits im Sommer 2016 damit begonnen, die Pflegesituation ihres an Demenz erkrankten Mannes zu dokumentieren. Damals musste sie selbst in die Reha und hatte für ihn einen Platz in der Kurzzeitpflege in einem Gütersloher Pflegeheim gefunden. Dort fing das Drama an. "Als er dort ankam, konnte er noch selbstständig laufen und essen. Als ich ihn fünf Wochen später wieder abholen wollte, habe ich ihn kaum wiedererkannt. Er konnte gar nichts mehr. Wenn ich das gewusst hätte, hätte ich das nie gemacht", sagt sie mit Tränen in den Augen. Bis heute habe sich ihr Mann nicht davon erholt. In dem Gütersloher Pflegeheim fotografierte sie auch die Notrufklingel, die außerhalb der Reichweite hinten um den Bettpfosten gewickelt war, sodass ihr Mann unmöglich drankommen konnte. Oder einen Teller Linsensuppe, der unberührt auf dem Tisch stand. "Niemand hatte ihn gefüttert. Aber das Essen hatte ohnehin kaum Nährwert - da ist in Katzenfutter mehr drin! Unter normalen Umständen hätte mein Mann so etwas nie gegessen." Sie dokumentierte auch den durchgebluteten Verband am Unterschenkel, der offensichtlich nur unregelmäßig gewechselt wurde. "Infolge der Pflegemissstände musste mein Mann ins Krankenhaus und wurde von dort dann später in eine Rietberger Pflege-WG überwiesen. Wir kamen vom Regen in die Traufe. Er war schon in der Kurzzeitpflege apathisch, aber nun wurde er auch noch zugedröhnt mit Tabletten. Seine Wunde am Bein wollte einfach nicht verheilen. Er wurde noch nicht einmal zum Duschen aus dem Bett geholt und war wund. Als ich mit einer Anzeige bei der Heimaufsicht drohte, wurde mir gesagt, mit der sei man gut verbandelt." 1.500 Euro musste sie im Monat für die unzureichende Pflege zuzahlen. "Morgen ist es vorbei. Ich hole dich nach Hause" Weihnachten 2016 war das Maß schließlich voll. "Ich sagte meinem Mann: Morgen ist es vorbei. Ich hole dich nach Hause", berichtet Sigrid Bühne, die ihren Mann seitdem selbst pflegt und von einem Pflegedienst unterstützt wird. "Sein Blick hat sich sofort verändert, als wir zu Hause waren. Schon dafür hat es sich gelohnt." Als sich das Leben zu Hause langsam eingespielt hatte, beschloss die energische Frau, doch noch die Heimaufsicht beim Kreis Gütersloh einzuschalten, die der Wohngruppe einen unangemeldeten Besuch abstattete. Da Herr Bühne zu diesem Zeitpunkt bereits seit mehr als zwei Monaten nicht mehr in der Einrichtung lebte, beschränkte sich die heimaufsichtliche Kontrolle in diesem Fall jedoch einzig auf die Auswertung der vorhandenen Dokumentation, heißt es in der Antwort von Juni 2017, die der NW vorliegt. "Wenn sich jemand beschwert, kontrollieren wir natürlich auch kurzfristig unangemeldet. Das Problem ist aber, dass nicht alle Beschwerden überprüfbar sind und dass sich viele Angehörige erst melden, wenn die Leute schon raus sind. Dann können wir nur die Dokumentationen überprüfen", erklärt Judith Schmitz, Abteilungsleiterin Soziales beim Kreis Gütersloh. "Was auf den Stationen los ist, hat kein Mensch verdient" Im Fall von Sigrid Bühne hat das sogar gereicht, sie bekam am Ende Recht: "Ihre Beschwerde ist begründet", urteilte die Heimaufsicht. Aber der 62-Jährigen geht es wie den Radkes: Was sie erlebt hat, lässt ihr keine Ruhe und sie hat Angst davor, irgendwann einmal selbst pflegebedürftig zu werden. "Was auf den Stationen los ist, hat kein Mensch verdient. Für mich ist seitdem klar, dass ich mein Leben eher freiwillig beenden würde, als das Martyrium, das ich bei meinem Mann beobachtet habe, selbst durchzumachen. Natürlich gibt es auch gute Pfleger, aber die gehen unter." Die mutige kleine Gruppe will größer werden. "Wir suchen immer noch Mitstreiter, die sich wie wir nicht mit den Verhältnissen in vielen Pflegeheimen abfinden können. Wir wollen niemanden im Nachhinein anschwärzen, wir wollen dass sich endlich etwas verändert. Und zwar menschlich - nicht mit noch mehr Geld für dieses unmenschliche System", sagt Andreas Radke. Bei Interesse vermittelt die NW Gütersloh den Kontakt: guetersloh@nw.de

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