Der Isselhorster Apotheker Sven Buttler muss täglich Kunden erklären, dass ihr Medikament nicht lieferbar ist. - © Andreas Frücht
Der Isselhorster Apotheker Sven Buttler muss täglich Kunden erklären, dass ihr Medikament nicht lieferbar ist. | © Andreas Frücht

Gütersloh In Gütersloher Apotheken sind knapp 200 Medikamente nicht zu bekommen

Lieferengpässe bei wichtigen Präparaten sind aktuell auf dem Höchststand.

Nicole Hille-Priebe
14.06.2019 | Stand 14.06.2019, 14:00 Uhr

Gütersloh. "Viele Kunden reagieren fassungslos, wenn sie hören, dass das Medikament, das ihnen der Arzt verschrieben hat, nicht lieferbar ist. Sie denken, dass sie in einem medizinischen Entwicklungsland leben, was den Pharmabereich angeht", sagt Sven Buttler, Inhaber der "Isselhorster Apotheke". Ein kurzer Blick auf die sogenannte "Defektliste" in seinem Computer offenbart das Ausmaß der Misere: 187 Medikamente sind zurzeit nicht lieferbar. "Am meisten betroffen sind Blutdrucksenker, aber auch beim Schmerzmittel Diclofenac und anderen Abkömmlinge von Voltaren gibt es Engpässe", sagt der Apotheker. "Früher waren vielleicht 30 bis 40 Medikamente betroffen, heute muss ich täglich Kunden sagen, dass es ein Präparat nicht gibt." "Wenn ein Produzent ausfällt, hustet die ganze Welt" Die Gründe dafür sind vielfältig. "Es liegt an der Globalisierung. Viele Wirkstoffe werden aus Kostengründen nicht mehr in Europa hergestellt, sondern nur von wenigen Pharmaherstellern in den USA, in China oder Indien. Wenn dann ein Produzent ausfällt, hustet die ganze Welt." Als ein Beispiel von vielen nennt Buttler den Valsartan-Skandal, der bis heute nachwirke. Nachdem man im Juli 2018 krebserregende Stoffe in den in China produzierten Blutdrucksenkern gefunden hatte, wurden sie vom Markt genommen. Alleine in Deutschland waren 900.000 Menschen betroffen. "Aber auch bei dem alternativen Präparat Candesartan zeichnet sich schon ein Engpass ab", erklärt Buttler, der seine Apotheke seit mehr als 20 Jahren betreibt und als Mitglied des Beirats im Apothekerverband einen guten Überblick über die Situation im gesamten Kreisgebiet hat. "Wir sind abhängig von den Produzenten in Asien" Aber nicht nur Blutdrucksenker sind betroffen. "Ein anderes Beispiel ist Ibuprofen. Letztes Jahr ist in den USA ein Werk ausgefallen, das ein Sechstel der Weltproduktion herstellt - das war sofort spürbar." Dass die Engpässe hauptsächlich verschreibungspflichtige Medikamente betreffen, liegt laut Buttler an der Ausschreibungspraxis, mit der die Krankenkassen den günstigsten Hersteller an sich binden. "Und wenn der dann ausfällt, kann kein anderer Produzent so schnell einspringen. In Europa werden so gut wie keine pharmazeutischen Wirkstoffe mehr hergestellt, wir sind abhängig von Asien." Was das im Ernstfall bedeutet, zeigt der Fall Valsartan. "Langfristig könnte es darauf hinauslaufen, dass wir mit bestimmten Wirkstoffen gar nicht mehr versorgt werden", sagt Buttler. Die Kunden nehmen, was sie kriegen können In der Pluspunkt Apotheke an der Königstraße ist die Situation nicht anders. Auf die Lieferengpässe angesprochen, sagt Filialleiterin Edeltraut Hofer: "Die gibt es genug. Aber die Kunden kennen das schon und haben meist resigniert. Früher war es ein großes Drama, wenn das Medikament auf dem Rezept nicht lieferbar war - mittlerweile nehmen sie, was sie kriegen können." Bei der Apothekenaufsicht in Bielefeld sieht man die Engpässe indes gelassen. "Wir haben darüber keine aktuellen Informationen. Natürlich kommen Engpässe bei gewissen Dosierungen oder Arzneimitteln immer mal wieder vor - die Zeiten der Überproduktion sind eben vorbei", erklärt der auch für Gütersloh zuständige Amtsapotheker Herwig Buhrmann. "Der steht ja auch nicht in der Apotheke", sagt Apothekerin Hofer, als sie das hört. "Manche Sachen merkt man offenbar nur, wenn man an der Front steht."

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