Freude pur: Künstlerin Marion Plaßmann in Flieger-Pose vor ihren modellierten Emotionen in Ton. Die Werke zeigen Sportler in ihren Ausnahmesituationen. Die Künstlerin selbst verfiel am Samstag in eine ebensolche. Die Begeisterung über die zahlreichen Besucher war deutlich spürbar. - © Jens Dünhölter
Freude pur: Künstlerin Marion Plaßmann in Flieger-Pose vor ihren modellierten Emotionen in Ton. Die Werke zeigen Sportler in ihren Ausnahmesituationen. Die Künstlerin selbst verfiel am Samstag in eine ebensolche. Die Begeisterung über die zahlreichen Besucher war deutlich spürbar. | © Jens Dünhölter

Gütersloh 20. Langenachtderkunst in Gütersloh

Einen Ansturm wie "Rosenmontag in Düsseldorf" erfreute die zahlreichen Künstler am Samstagabend

Rolf Birkholz
19.05.2019 | Stand 19.05.2019, 19:11 Uhr

Gütersloh. Vor dem Kundenzentrum der Stadtwerke mit Kreide aufs Pflaster geschrieben, war "Abseits des Stroms" natürlich hübsch doppeldeutig. Doch wollte sich der Energieversorger nicht von seinem Kerngeschäft abwenden, vielmehr Passanten zu individuellen, auf die Anwesenheit des Gastes reagierenden Einzelkonzerten mit Marcus Beuter und Anna Bella Eschengerd einladen. Eine verwandte Tätigkeit übte in der 20. Langennachtderkunst der Klangkünstler Stan Pete als Tonabnehmer an der Stahlplastik "Turm" am Veerhoffhaus aus. Mit einer konzentrierten Interaktionsvorstellung hatte das jährliche Unterfangen, verschiedenste Kunst in allen Gassen Güterslohs zu präsentieren und zwanglos zugänglich zu machen, auch auf dem Berliner Platz begonnen. In dem Projekt "3Raum" agierten der Bildhauer Johannes Zoller, die Tanzenden Yurika Yamamoto und Robert Schulz sowie die Musiker Izumi Yamamoto und Andy Hafner in Feinabstimmung: Klang- und Tanzfiguren, während abstrakt Figürliches aus Holz entstand. Dazu passte durchaus der Spruch von Erich Mühsam, den einem Almut Wessel als wandelnde Rezitatorin ("Mühsam durch die Nacht") in die Hand drückte: "Der größte Künstler ist, der mit Grazie nichts tut." Eher sein als tun, ein Tun zum Sein, ging es bei 3Raum nicht gerade darum? Dieses asiatisch angehauchte Konzept fand sich auch bei den Trommlern, die mit ihren japanischen Schlaginstrumenten Botschaften durch den Abend sandten, bevor sie sich zum Schluss zur Trommel-Session zusammenfanden. Musik war mindestes so präsent wie bildende Kunst an diesem bis zur Nacht hin langen Abend. Auf einer Bühne vor der Schule für Musik & Kunst griffen Lehrer und Schüler zu den Instrumenten, in der Kreismusikschule hieß es wieder "Lange Nacht der Tasten", hinterm Atelier Art colori gastierten Madline & Jay, in der Martin-Luther-Kirche ließen Organisten den großen Klanggeber ertönen. Im illuminierten Gotteshaus fanden auch die Lichtbilder der Fotogruppe 55+ über "Verborgene Orte der MLK" Beachtung: versteckte Winkel, unbekannte Perspektiven und am Toilettenspiegel der Aufkleber "Gott erhört Gebete". Zuspruch beim letzten Blick des Pfarrers vor der Liturgie? Andrang und Ermutigung auch nebenan. Einen Ansturm wie "Rosenmontag in Düsseldorf" ("eine Straße rein, eine Straße raus"), staunte Steffen Gerz, Pressesprecher des Wertkreises, der mit seinem Laden erstmals teilnahm, über "so viele unvoreingenommene Menschen", die sich für Kunst aus dem Kiebitzhof-Atelier interessierten. Aufmerksamkeit verdient hatten ebenso die übrigen Ausstellungen (unter manch anderem Philipp Giljohanns Reise-Skizzen und Philipp Hillers "Landschaften in OWL" bei Inside; die "Baustelle Kunst" in der Stadthalle bietet noch bis zum 25. August Entdeckungen heimischer Künstler), auch die Schüler-Kunst in der Weberei ("Wofür schwitzt du?"), im Städtischen Gymnasium ("Heimat") und der Stadtbibliothek ("Augen auf für Europa") lohnte. Überrascht war mancher darüber, wie klein die bei "Freude pur" gezeigten Sport-Emotionen in Ton von Marion Plaßmann im Original sind. Theater gab es auch. Im Klangfarbenhaus wurde "Ein gemütlicher Abend" uraufgeführt, in der Studiobühne eine Tanzperformance, in der Skylobby "Drama-Slam" geboten. Im vollen Theatersaal schließlich stellte Looking for Ella, eine vierköpfige Münsteraner Band mit aus Gütersloh stammender Sängerin, etwas düster angehauchten Elektro-Pop im maßgeschneiderten Lichtschaugewand vor. Auch hier, wie zum Auftakt der Nacht, ein existentielles Musizieren, ein Singen wie um zu sein.

realisiert durch evolver group