Franz Müntefering. - © picture alliance
Franz Müntefering. | © picture alliance

Gütersloh Ex-SPD-Chef Franz Müntefering: „Heute ist man erst mit 75 alt“

Franz Müntefering sagt, dass man heute erst mit 75 Jahren zu den Alten gehört. Ihm persönlich halfen beim älter werden die drei L – Laufen, Lernen und Lachen.

Oliver Herold
19.05.2019 | Stand 17.05.2019, 18:39 Uhr

Herr Müntefering, beginnen wir mit Udo Jürgens: Der sang einst, dass mit 66 Jahren das Leben erst anfängt. Hatte er recht? FRANZ MÜNTEFERING: Naja. Ich weiß nicht, ob man die Aussage so ernst nehmen sollte. Wichtig ist, dass man mit 66 und darüber noch gut leben kann. Tatsache ist ja, dass die Menschen deutlich älter werden als früher und dabei relativ gesund sind. Zur Zeit leben in Deutschland fünf Millionen Über-80-Jährige, von denen 80 Prozent gut drauf sind. Die Zahl wird sich in den nächsten Jahren verdoppeln. Was bedeutet das für die Alten? MÜNTEFERING: Das Sprichwort „Älter wirst du von alleine, da musst du dir keine Sorgen machen" ist schlicht falsch. Man muss sich nämlich sehr wohl Gedanken machen, unter anderem, wo und welche Rolle man in der älter werdenden Gesellschaft einnehmen will. Zum Beispiel? MÜNTEFERING: Beispielsweise, indem man sich mit ehrenamtlicher Arbeit einbringt. Ein Großteil der zivilgesellschaftlich Engagierten sind schon heute 60, 70 oder 80 Jahre alt. Sie arbeiten in Sportvereinen, in Parteien, Gewerkschaften oder Kirchen, also in Organisationen, wo Menschen anderen Menschen helfen und sich helfen lassen. Oder nehmen wir die Hospiz- und Palliativbewegung, in der vor allem ältere Frauen dabei sind und hervorragende Arbeit leisten. So etwas wird in Zukunft immer wichtiger werden. Welche Rolle werden dann die Jungen spielen, also diejenigen, die heute noch Kinder sind? MÜNTEFERING: Wir stehen vor einer großen gesellschaftlichen Veränderung. Anders als früher, wo es Familien mit fünf oder sechs Kindern gab, hat man heute nur noch eins oder zwei, die zum Studieren und Arbeiten wegziehen und nicht mehr zurückkommen. Wenn dann der Partner stirbt, ist man zum Schluss ganz allein. Das führt zu Vereinsamung. Deshalb ist es wichtig, dass die Alten in der Gesellschaft verankert bleiben, dass sie die nötigen sozialen Kontakte zu ihren Kindern, aber auch zu anderen Älteren haben und dass sich neue Verbindungen verfestigen. Viele Menschen haben Angst vor Einsamkeit. Wie kann man ihnen diese nehmen beziehungsweise, was kann jeder selbst tun? MÜNTEFERING: Es liegt an jedem selbst, ob er auch im Alter noch seinem Leben einen Sinn geben kann. Möchte man noch neue Dinge erfahren, ist man neugierig aufs Lesen, auf Gespräche mit Menschen, aufs Reisen, auf Kultur, Sport, Nachbarschaft? Wichtig ist auch, bestehende Kontakte zu halten, also Freundschaften und Bekanntschaften zu pflegen oder neue zu knüpfen. Bei der Bundesarbeitsgemeinschaft der Senioren-Organisationen, deren Vorsitzender ich bin, bieten wir zum Beispiel die Möglichkeit, sich zum Essen zu treffen. Wir nennen das „auf Rädern zum Essen", nicht „Essen auf Rädern". Die Menschen kommen also raus aus ihren Häusern, treffen sich und sprechen miteinander. Mittlerweile öffnen sich auch Pflegeheime in den Quartieren und laden die älteren Nachbarn ein. Außerdem werden in Sportvereinen Bewegungsgruppen eingerichtet, damit Menschen sich treffen, gemeinsam walken, schwimmen oder Rad fahren. In Bewegung bleiben ist also elementar? MÜNTEFERING: Unsere Lebensweise birgt die Gefahr, dass die Menschen zu früh zu wenig Bewegung haben, aber zu viel essen. Das ist eine Konstellation, die nicht gesund ist. Sich in den Liegestuhl legen und Gesundheitspillen essen hilft nicht wirklich dabei, gesund alt zu werden. Das ist die falsche Methode. Bewegung der Beine ernährt das Gehirn. Außerdem sind Neugierde und viel Lachen wichtig. Was kann die Gesellschaft tun, um dabei zu helfen? MÜNTEFERING: In den Dörfern und Stadtteilen muss ein Quartier immer wieder Gelegenheit bieten, andere Menschen zu treffen. Es müssen mehr Möglichkeiten geschaffen werden, damit die Alten nicht alleine in den Wohnungen zurückgelassen werden. Dafür muss auch die Mobilität sichergestellt werden. Dazu gehört unter anderem die Verfügbarkeit von Bussen. Im Kontext mit dem Älterwerden fällt immer wieder das Stichwort der Solidar- und Sozialgemeinschaft. Müsste diese neu erfunden werden? MÜNTEFERING: Nein, es ist ja alles da. Was sich ändert, sind die Rahmenbedingungen. Mobilität und Bildungswanderung führen zu einem Ungleichgewicht. In den großen Städten sind mehr junge Leute zusammen als in den kleinen Dörfern und in der Fläche. Hier gibt es große Unterschiede in der demografischen Entwicklung. Zu beantworten ist die Frage, wie mobil die Älteren bleiben und natürlich nach den Leistungsstärken und Möglichkeiten des Sozialstaates. Denn die Relationen zwischen denen, die im Erwerbsalter sind und denen, die im Rentenalter sind, verschiebt sich immer mehr. Daraus entsteht wiederum die Frage, wer eigentlich morgen und übermorgen die Arbeit macht, also Steuern und Abgaben zahlt oder wer in den Sozialberufen aktiv ist. Also müsste der Generationenvertrag überdacht werden? MÜNTEFERING: Generationenvertrag bedeutet, dass die Jungen Beiträge zahlen, diese aber nicht irgendwo verwahrt, sondern an diejenigen gezahlt werden, die im Rentenalter sind. Das soll auch so bleiben. Der Staat hat einige Stellschrauben, an denen er drehen kann, beispielsweise an den Beitragshöhen, am Renteneintrittsalter, an der Bemessungsgrenze oder dem Rentenniveau. Und natürlich gibt es die Möglichkeit, Geld aus der Steuerkasse in die Rentenkasse zu geben. Das sind jetzt schon jährlich 90 Milliarden Euro. Daher ist es wichtig, dass wir eine Wohlstandsgesellschaft bleiben, die weiterhin genügend Geld erwirtschaftet. Das kann wie gelingen? MÜNTEFERING: Unter anderem, indem wir alles dafür tun, dass unsere Kinder und Enkelkinder und Enkelenkelkinder weiterhin gut ausgebildet und qualifiziert sind. Und indem wir weiterhin gute und starke Unternehmen haben, die Steuern zahlen, damit der Staat handlungsfähig bleibt. Sie selbst haben nun ein Buch zum Thema Älterwerden geschrieben. Warum eigentlich? MÜNTEFERING: Man muss unterwegs Zwischenberichte geben. Das Buch ist im Grunde so ein Zwischenbericht von einem, der ein bisschen reflektiert, wie das eigentlich war mit dem Älterwerden und mit dem Altsein und wie sich die Gesellschaft verändert. Sie sagen von sich, dass Sie mit 79 Jahren alt sind. Wann haben Sie festgestellt, dass Sie es tatsächlich sind? MÜNTEFERING: Als ich 75 geworden bin, habe ich mir gesagt, dass ich mich jetzt dazu bekennen muss. Übrigens: Beim Thema Alter ist die deutsche Sprache erstaunlich ungenau. Die 17-Jährigen wollen bei den Senioren spielen, weil die dann vollwertig sind, die 32-Jährigen wollen bei den Alten Herren spielen, mit 50 will man wieder jung sein, dann wird man älter, aber alt werden will man nicht. Also müssten die Älteren ja eigentlich älter sein als die Alten, sind sie aber nicht. Die Älteren sind jünger als die Alten und die Alten werden dann noch mal älter bis hin zu hochaltrig. In der Sprache zeigt sich, dass das Thema Alter noch nicht lange eines ist. Früher, so um 1916, lag die Lebenserwartung bei 67 Jahren. Da war man mit 65 schon alt. Heute ist man erst mit 75 alt. Haben Sie drei Tipps parat, wie man glücklich alt wird? MÜNTEFERING: Das Wort glücklich ist mir nicht ganz geheuer, weil man das niemandem versprechen kann. Ansonsten habe ich immer den Vorschlag mit den drei L: Laufen, es kann auch Schwimmen und Rad fahren sein, das zweite heißt Lernen, es kann aber auch Lehren sein, also anderen helfen, beispielsweise Jüngeren, die Schule zu bestehen, oder Patenschaften einzugehen. Das Dritte L heißt Lachen, also das Gute am Leben entdecken und sich darüber freuen. Wenn man aufmerksam ist, hat man jeden Tag eine Menge zu entdecken. Gerade freue ich mich über die grünen Bäume, die vor wenigen Wochen noch ganz anders aussahen. Das finde ich ganz toll, das erlebe ich jetzt zum 80. Mal.

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