Jeden Morgen trifft sich hier die Szene, um gemeinsam zu trinken. An dieser Stelle gilt das Alkoholverbot nicht. - © Patrick Menzel
Jeden Morgen trifft sich hier die Szene, um gemeinsam zu trinken. An dieser Stelle gilt das Alkoholverbot nicht. | © Patrick Menzel

Gütersloh Gütersloher Trinkerszene hat sich verlagert

Das Alkoholverbot hat die unliebsamen Gäste aus weiten Teilen der Grünanlage vertrieben - aber auch der neue Treffpunkt birgt Konfliktpotenzial

Gütersloh. Die Clique, die sich jeden Morgen im Webereipark trifft, hat einen Boss. Seinen Namen verrät er nicht, nennen wir ihn Maik. Er ist der inoffizielle Sprecher der Trinkerszene, die knapp 30 Leute umfasst, wenn alle da sind. Ein oder zwei Bier zum Frühstück ist hier das Wenigste, die meisten starten mit härteren Sachen in den Tag. Manche nehmen Drogen oder Tabletten, einige auch Methadon. Maik ist seit fünf Jahren dabei; er sagt, ein Freund hätte ihn auf Drogen gebracht. Morgens trifft sich der harte Kern der Clique schon beim Arzt, um die tägliche Dosis Methadon zu holen, danach ziehen sie gemeinsam weiter in den Park. Doch dort hat die Stadt vor zwei Jahren Schilder aufstellen lassen: „Der Verzehr von Alkohol ist verboten." Bewohner der Senioren-Wohnanlage „Unter den Ulmen" hatten sich häufiger beschwert, außerdem gab es Bedenken wegen des Kinderspielplatzes. Schilder wurden anfangs ignoriert Im ersten Jahr des Alkoholverbots hatte sich die Situation nicht wesentlich verändert: Die Schilder wurden ignoriert. Erst im zweiten Jahr kam Bewegung in die Szene, mittlerweile hat sie sich verlagert, wenn auch nur ein bisschen. „Das Ordnungsamt hat uns hergeschickt, weil das Alkoholverbot hier nicht gilt", sagt Maik. Hier, am Parkausgang zwischen Weberei und Brauhaus, stehen die Bänke zwar den ganzen Tag im Schatten, aber solange es keine größeren Krawalle gibt und nicht öffentlich gedealt wird, kann sie auch niemand vertreiben. „Das Alkoholverbot im Webereipark gilt nur für den Bereich zwischen Dalkestraße, Stadtbibliothek und Dalke, dies ist auch durch Beschilderung so gekennzeichnet. Ausgangspunkt war die Vermüllung des Kinderspielplatzes durch weggeworfene Flaschen und Scherben", bestätigt Stadtsprecherin Susanne Zimmermann. „Außerhalb dieses Bereiches darf Alkohol verzehrt werden. Dementsprechend hat sich die Szene Richtung Brauhaus verlagert." Eine „Anordnung" zur Verlagerung sei seitens des Ordnungsamtes nicht erfolgt. "Möglichkeiten des Einschreitens gegen diesen Personenkreis wegen Alkoholkonsums sind an dieser Stelle nicht gegegeben" „Möglichkeiten des Einschreitens gegen diesen Personenkreis wegen Alkoholkonsums sind an dieser Stelle rechtlich nicht gegeben", so Zimmermann weiter. Es seien aber bisher auch keine Hinweise oder Beschwerden von Bewohnern im Umfeld bekannt. Der Bereich des Webereiparks werde von den Kollegen des Ordnungsamtes täglich kontrolliert. „Massive Auffälligkeiten sind bisher ebenfalls nicht bekannt." Das mag daran liegen, dass sich nicht gleich jeder beschwert, der Probleme mit den neuen Nachbarn hat. Wie eng etwa die Grauzone zwischen Konsum und Verkauf von Drogen ist, weiß man in der Wertkreis-Wohnstätte in direkter Nachbarschaft. „Die Szene ist vor etwa einem halben Jahr umgezogen und trifft sich jetzt direkt bei uns um die Ecke. Wir kommen mit den Leuten eigentlich gut zurecht, die meisten sind freundlich und sehr bemüht, Ärger oder Müll zu vermeiden", sagt Hausleiter Janos Braun. „Aber wir haben hier ein grundsätzliches Problem: Einige unserer Gäste insbesondere in der ambulanten Betreuung hatten in der Vergangenheit eine Suchtproblematik. Viele kommen jeden Tag mit dem Bus, laufen zu Fuß durch den Park und müssen dann vorbei an Leuten, die Alkohol und Drogen konsumieren." Wird dort offen mit Drogen gedealt? Die Angst: Jederzeit könnte einer der Wertkreis-Klienten getriggert werden. Ganz unbegründet ist das offenbar nicht: „Ich habe schon beobachtet, wie draußen direkt vor meinem Büro auf dem Fensterbrett mit Drogen gedealt wurde", sagt Braun. Aber auch die zerschmetterte Kornflasche vor der Tür der Einrichtung könnte schon ausreichen, um einen Bewohner zu irritieren, der die entsprechende Geschichte mit sich bringt. Für den Wertkreis ist die neue Situation ambivalent. „Wir sind uns unserer gesellschaftlichen Verantwortung als sozialer Träger natürlich bewusst und wollen keinen Ärger schüren", betont Pressesprecher Steffen Gerz, „aber wir haben einfach Sorge, dass unsere Klienten Kontakte zur Szene vor der Tür aufbauen, neue Freunde finden und rückfällig werden. Denn Leute mit Rauschgiftproblemen haben sich nicht immer im Griff." "Wohin mit diesen Leuten in Gütersloh?" Auch Hausleiter Braun ist gespalten. „Diese Szene ist praktisch ständig auf der Flucht und wird überall vertrieben. Schön wäre ein Konzept, das eine Lösung bringt für die Frage: Wohin mit diesen Leuten in Gütersloh?" Eine Frage, die auch bei den Betroffenen selbst ständig Thema ist. Sprecher Maik sagt, dass sie sich einen kleinen Holzpavillon wünschen, damit sie sich unterstellen können, wenn es regnet. „Oder dass mal jemand von der Caritas mit warmen Getränken und Brötchen vorbei kommt, wie in anderen Städten." Dann bückt er sich, sammelt ein paar Kronkorken ein, die auf dem Rasen hinter der Bank liegen, und wirft sie in den Mülleimer.

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