Fahrräder haben in Groningen oft Vorfahrt – in der Brugstraat wie anderswo in der Innenstadt sind sie fast zu jeder Tageszeit unterwegs. - © picture alliance
Fahrräder haben in Groningen oft Vorfahrt – in der Brugstraat wie anderswo in der Innenstadt sind sie fast zu jeder Tageszeit unterwegs. | © picture alliance

Gütersloh Fahrradfahrer haben Vorfahrt - gibt's das bald auch in Gütersloh?

Beim Groninger Modell haben Fahrradfahrer Vorfahrt und müssen nicht im Regen stehen - über diese Ideen soll jetzt auch in Gütersloh nachgedacht werden

Gütersloh. Wenn in Groningens Innenstadt Menschen mit leicht verzweifeltem Blick in ihrem Auto vor einem Durchfahrt-verboten-Schild stehen – „dann sind das meist deutsche Urlauber", erzählt Benni Leemhuis mit einem Schmunzeln. Er ist Mitglied des Gemeinderates von Groningen, einer Stadt, die als Welt-Fahrradstadt gilt. Dass die Niederlande ein Mekka für Radler sind, ist bekannt. Doch die knapp 200.000-Einwohner-Stadt Groningen im Nordosten der Niederlande ragt dabei wie ein Leuchtturm heraus. Hier wurde bereits in den 70er Jahren begonnen, eine Verkehrswende einzuleiten – Vorrang dem nichtmotorisierten Verkehr. Der Radverkehrsanteil in der Innenstadt liegt bei 66 Prozent – Grund genug für Gütersloh, neidisch in Richtung Niederlande zu blicken. „Wir freuen uns, dass es uns gelungen ist, kurzfristig ein Mitglied des Gemeinderates von Groningen nach Gütersloh einzuladen", sagte Kurt Gramlich von der Bürgerinitiative Energiewende Gütersloh. Zwei Minuten mit dem Rad, zehn mit dem Auto Am Freitag, 17. Mai, will die Bürgerinitiative das Groninger Modell ab 17 Uhr im Bambi-Kino, kleiner Saal, der Öffentlichkeit präsentieren. „Dazu laden wir alle Interessierten herzlich ein", so Gramlich. Nach einem Film über die fahrradfreundlichste Stadt der Niederlande beantwortet Benni Leemhuis Fragen zum Verkehrskonzept seiner Stadt. „Es ist wichtig, ein Umfeld zu schaffen, wo Leute gerne Fahrrad fahren und laufen", meint Leemhuis. 1977 hatte Groningen begonnen, die Stadt in vier Sektoren einzuteilen, die alle für den Autoverkehr zugänglich sind. Aber man kann nicht direkt von einem ins benachbarte Quartier wechseln, weil die verbindenden Plätze und Straßen für Autos gesperrt sind. „Der Wechsel ist nur über den Ring möglich, der die Innenstadt umgibt", erläutert Leemhuis. Zwei Minuten braucht ein Radler vom Westteil zum Osten der Stadt, mit dem Auto dauert es zehn. Das war damals ein radikaler Einschnitt des linksorientierten Stadtrates – auch für Holländer. „Es gab große Widerstände" , erinnert sich das Stadtratsmitglied. „Vor allem die Geschäfte sahen sich in ihrer Existenz bedroht." Doch heute seien die Geschäftsinhaber voll des Lobes über die Einkaufsstraßen, über die die Menschen flanieren, wo sie in Cafés sitzen und die sie mit dem Rad anfahren. Ein Fahrradparkhaus mit 2.000 weiteren Plätzen Größtes Problem in Groningen derzeit: Die Inhaber beschweren sich, weil zu viele Fahrräder vor ihren Geschäften stehen. „Gesegnet ist die Stadt, die so ein Fahrradproblem hat", meint Leemhuis. Ein Fahrradparkhaus mit 2.000 weiteren Plätzen wird noch in diesem Jahr eröffnen, ein weiteres ist in Planung. Das soll die Situation entzerren. „Was hätten wir wohl für Probleme in unserem schönen mittelalterlichen Stadtkern, wenn die Menschen alle mit dem Auto gekommen wären?", fragt er. „Das Faszinierende an Groningen ist: Man geht durch die Stadt und es ist ruhig", erzählt Kurt Gramlich, der die Stadt bereits besucht hat. Er ist dafür, das Groninger Modell auch in Gütersloh umzusetzen. „Die Größe der Innenstadt in Groningen ist deckungsgleich mit der in Gütersloh", sagt er. Seit einigen Wochen ist er unterwegs, um für das niederländische Verkehrskonzept zu werben. Keine autofeindliche Lösung „Wir haben es bei allen Fraktionen vorgestellt – außer bei der BfGT – die wollten uns nicht haben", erzählt er. Auch den Einzelhändlern hätte er die Ideen aus Groningen präsentiert – dort sei man sehr aufgeschlossen gewesen. Die Fragen, die auftauchten, will Gramlich an Benni Leemhuis weitergeben. „Unser Ziel ist es, möglichst die Bevölkerung mitzunehmen. Und dann einen einstimmigen Ratsbeschluss für einen dreijährigen Verkehrsversuch zu bekommen", sagt der Sprecher der Bürgerinitiative. Das Groninger Modell sei keine autofeindliche Lösung – es gehe nur um eine geänderte Verkehrsführung. Und um kreative Ideen: Groningen hat Ampeln mit Nässesensoren ausgestattet, damit sie bei Regen schneller auf Grün springen – natürlich nur für Radler.

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